Fallen die Tabus in der Ernährung von Diabetikern?
Fallen die Tabus in der Ernährung von Diabetikern?
Trotz umfangreicher Aufklärungsmaßnahmen geistert in vielen Köpfen noch die Vorstellung einer speziellen und restriktiven Diabetikerdiät herum. Der Grundsatz des "strikten Zuckerverbotes" kann und sollte in der Ernährung von Diabetikern jedoch nicht mehr aufrecht erhalten werden.
Frühere Untersuchungen an Tieren ergaben einen Anstieg des Blutzuckerspiegels nach der Gabe von Haushaltszucker (Saccharose), für den Menschen wurden diese Befunde jedoch niemals hinterfragt. In den USA wurde das Prinzip des Saccharoseverbots für Diabetiker schon in den 80er Jahren gelockert, mit der Folge, dass 1987 vom "National Institute of Health" der Beschluss gefasst wurde, einen Saccharosegehalt von 5% der Gesamtkohlenhydratzufuhr zu akzeptieren (außer es lagen erhöhte Blutfette der Patienten vor). Erst Mitte der 90er Jahre zogen die Europäer mit der Lockerung des Zuckerverbotes nach.
Heute gilt, dass die mäßige Aufnahme von Saccharose, nämlich <10% der Gesamtenergie, bei beiden Diabetestypen akzeptabel ist.
Gemischte Mahlzeiten, die Haushaltszucker in üblichen Mengen enthalten, lassen den Blutzuckerspiegel nicht stärker ansteigen als stärkehaltige Mahlzeiten mit gleicher Kohlenhydratmenge. Saccharose sollte aber vorzugsweise in Mahlzeiten "verpackt" verzehrt werden, denn wenn Saccharose zusätzlich zu anderen Kohlenhydraten verzehrt wird, könnte die insgesamt höhere Kohlenhydratmenge eine Verschlechterung der Stoffwechseleinstellung bewirken.
Der Glykämische Index (GI) ist eine Messgröße für den Blutzuckeranstieg nach dem Verzehr einer kohlenhydratreichen Mahlzeit, wobei ein niedriger GI den Blutzucker nur gering ansteigen lässt, während ein hoher GI den Blutzucker deutlich erhöht.
In der praktischen Ernährung von Diabetikern konnte sich der GI allerdings kaum etablieren, weil zu viele Faktoren Einfluss auf den Blutglucoseanstieg nach aufgenommener Mahlzeit haben. Die Wirkung von Lebensmitteln mit niedrigem GI sollte daher nicht überschätzt werden. Eine Ausnahme bilden insulinbehandelte Typ1-Diabetiker, denn bei Ihnen kann der Insulinbedarf unterschiedlich sein, wenn Sie bei der Aufnahme von Kohlenhydraten den glykämischen Index völlig außer acht lassen.
Zu den Lebensmitteln mit geringem GI gehören auch die Zuckeraustauschstoffe. Dazu zählen Einfachzucker (z.B. Fructose) und Zuckeralkohole (z.B. Sorbit, Xylit, Isomalt). Ein Vorteil der Zuckeraustauschstoffe ist, dass diese insulinunabhängig verstoffwechselt werden und deshalb seit langem in der Diabetikerkost anstelle von Saccharose Verwendung finden. Ein weiterer Vorteil der Fructose ist ihre geringe blutzuckersteigernde Wirkung.
Zuckeraustauschstoffe werden im Darm langsam resorbiert, weshalb sie ab einer Menge von 10g bis 20g abführend wirken können. Außerdem können Zuckeraustauschstoffe dosisabhängig die Triglyceride im Blut erhöhen. Daher ist der vollständige Austausch von Saccharose durch Fructose und Zuckeralkohole kritisch zu hinterfragen.
Süßwaren, in denen Saccharose durch Zuckeraustauschstoffe ersetzt wurde, zählen zu den sogenannten "diätetischen Lebensmitteln" für Diabetiker und sollen eine geringere Blutzuckerantwort hervorrufen als mit Zucker gesüßte Lebensmittel.
Nach dem Stand heutiger Kenntnisse können diese Produkte aber keine Vorteile für Diabetiker aufweisen, sogar das Gegenteil ist der Fall! Spezielle Diätprodukte weisen einen höheren Fettgehalt auf als herkömmliche Lebensmittel und die Deklaration "für Diabetiker geeignet" ist somit eher irreführend als hilfreich.
Zusammenfassend wird von Internationalen Fachgremien empfohlen, die Diabeteskost weitestgehend an die Ernährung des Gesunden anzupassen, spezielle Richtlinien zu befolgen und somit ist eine Verwendung von Diabetikerlebensmittel nicht notwendig.
Quelle: Hauner H., DGE-Info 9/2002
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