Anorexie und Bulimie: Hunger abprogrammiert

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 13. Dezember 2016

Wissenschaftler an der Universit√§t Colorado haben auf neurologischer Ebene aufgekl√§rt, wie an Anorexie (Magersucht) oder Bulimie erkrankte Menschen in der Lage sind, sich √ľber den Drang zu essen hinwegzusetzen.

Wieso soll ich essen, wenn ich gar keinen Hunger habe? Gesunde Menschen k√∂nnen sich kaum vorstellen, wie Menschen mit einer Anorexie oder einer Bulimie (in der restriktiven Phase) mit unglaublich geringen Essensmengen auskommen k√∂nnen, ohne permanent vom Hunger geplagt zu werden. Die Ursachen hierf√ľr k√∂nnten im neurologischen Bereich liegen, wie eine Studie zeigt, deren Ergebnisse aktuell in der Zeitschrift „Translational Psychiatry“ ver√∂ffentlicht wurden.

Assistenzprofessor Dr. Guido Frank und seine Kollegen verglichen darin neurologische Prozesse von 26 Frauen mit einer Anorexie, 25 Frauen mit einer Bulimie und 26 Frauen ohne Essstörungen nach dem Probieren einer zuckerhaltigen Lösung. Dabei stellten die Wissenschaftler deutliche Unterschiede zwischen den Probandinnen mit und ohne Essstörungen fest, während die neurologischen Prozesse zwischen den Frauen mit einer Anorexie oder einer Bulimie vergleichbar waren.

Im gesunden Organismus steuert der Hypothalamus, ein Teil des Zwischenhirns, den Appetit und die Nahrungsaufnahme. Dagegen scheinen bei Essst√∂rungen andere Gehirnregionen die Signale des Hypothalamus zu √ľbert√∂nen. „In der klinischen Welt nennen wir dies ‚Geist √ľber Materie‘ [mind over matter]“, erl√§utert Assistenzprofessor Dr. Guido Frank. „Jetzt haben wir physiologische Beweise, um diese Idee abzusichern.“

Frank und seine Kollegen konnten mit Hilfe von Gehirnscans weitreichende Veränderungen im Belohnungssystem und der Appetitregulation bei den Probandinnen mit einer Essstörung beobachten. Diese Veränderungen betrafen den Bereich des Zentralnervensystems, der als weiße Substanz bezeichnet wird und die Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnarealen koordiniert. Außerdem waren die Signale des Hypothalamus deutlich abgeschwächt und der Informationsfluss verlief in die umgekehrte Richtung. Insgesamt können die beobachteten Vorgänge erklären, wie das Gehirn von Menschen mit einer Anorexie oder Bulimie die Signale des Hypothalamus zur Nahrungsaufnahme ausblenden kann.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Menschen bereits bei Geburt pr√§disponiert sind, S√ľ√ües zu m√∂gen. Diejenigen, die an einer Anorexie oder Bulimie erkranken, beginnen allerdings, s√ľ√üe Nahrungsmittel aus Angst vor einer Gewichtszunahme zu vermeiden. „Man k√∂nnte diese Vermeidung als eine Form angelernten Verhaltens sehen und spezifischer als ‚operante Konditionierung‘, mit einer Gewichtszunahme als gef√ľrchteter ‚Bestrafung‘ „, ist in der Studie zu lesen. Dieses Verhalten wiederum k√∂nnte die Schaltkreise des Gehirns f√ľr die Appetitregulation und Nahrungsaufnahme ver√§ndern. Die Forscher vermuten, dass die Angst vor bestimmten Lebensmitteln Auswirkungen auf den Geschmack-Belohnungsprozess des Gehirns haben und letztendlich den Einfluss des Hypothalamus reduzieren k√∂nnte.

Allerdings bleiben in diesem Forschungsgebiet noch viele Fragen unbeantwortet. „Wir verstehen jetzt auf biologischer Ebene besser, wie diejenigen mit einer Essst√∂rung in der Lage sind, das Verlangen nach Essen auszublenden“, sagt Assistenzprofessor Dr. Frank. „Als n√§chstes m√ľssen wir anfangen, Kinder anzuschauen, um zu sehen, ab wann der Prozess einsetzt.“

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verfasst von am 13. Dezember 2016 um 07:11

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