Kochsalz: Die Dosis macht’s

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Mittwoch, 14. September 2016

Der Ruf von Kochsalz hat stark gelitten, schließlich soll die Salzaufnahme am Auftreten von Bluthochdruck, kardiovaskulären Erkrankungen und Sterbefällen beteiligt sein. Sind die Warnungen vieler Fachgesellschaften berechtigt? Laut einer aktuellen, groß angelegten Studie ist das gesundheitliche Risiko einer (zu) starken Salzreduktion womöglich größer als der zu erwartende Nutzen.

Obwohl die Datenlage über die gesundheitlichen Auswirkungen eines hohen Salzkonsums nach wie vor unsicher ist, haben nationale und internationale Fachgesellschaften bereits vorsorglich Empfehlungen zur maximalen Salzaufnahme ausgesprochen. Die von der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention (DHL) vorgegebene Obergrenze in Höhe von 6 Gramm Kochsalz täglich – ein leicht gehäufter Teelöffel – gilt dabei als vergleichsweise liberal. Dagegen empfiehlt beispielsweise die Amerikanische Herzgesellschaft (AHA), die Kochsalzzufuhr auf maximal 3,8 Gramm täglich zu beschränken.

In Fachkreisen wird allgemein davon ausgegangen, dass Menschen mit Bluthochdruck von einer Begrenzung der Salzaufnahme (Salzrestriktion) profitieren. Doch gilt dies auch für nicht entsprechend vorbelastete Menschen? Diese Frage stellten sich auch Wissenschaftler um Prof. Dr. Andrew Mente und Prof. Dr. Salim Yusuf von der McMaster-Universität in Hamilton.

Für ihre Studie werteten Mente und Kollegen Daten von 113.118 Probanden aus vier fortlaufenden Studien (PURE, ONTARGET, TRANSCEND, EPIDREAM) gemeinsam aus. Das mediane Alter der Probanden lag bei 55 Jahren. Die tägliche Kochsalzaufnahme (chemisch: Natriumchlorid) der Probanden wurden mit Hilfe einer zweifachen Näherung geschätzt: Zunächst wurde die Natriumkonzentration im Morgenurin der Probanden bestimmt und daraus die Natriumausscheidung in 24 Stunden approximiert. Aus der Natriumausscheidung im 24-Stunden-Urin wiederum lässt sich auf die Kochsalzaufnahme schließen. Die Genauigkeit dieser Methode wird zuweilen angezweifelt, die Wissenschaftler verweisen allerdings auf andere Studien, denen zufolge die Natriumausscheidung mit dem Morgenurin gut mit dem 24-Stundenwert korreliert. Als Zielgröße für die Studie wurden das Auftreten eines Herzinfarkts, Schlaganfalls, einer Herzinsuffizienz oder das Versterben eines Probanden gewählt (sog. „primäre Endpunkte“).

Zu den Ergebnissen: Die Natriumausscheidung von gut drei Viertel der Probanden wurde auf drei bis sechs Gramm pro Tag geschätzt. Unter der Annahme, dass die Natriumaufnahme mit der Natriumausscheidung gleichzusetzen ist, würde dies einer Kochsalzaufnahme von ungefähr 7,6 bis 15,2 Gramm pro Tag entsprechen.

Probanden mit einer täglichen Natriumausscheidung in Höhe von vier bis fünf Gramm erlitten am seltensten einen der primären Endpunkte. Wie erwartet war das Risiko für eine dieser Erkrankungen bei Probanden mit Bluthochdruck und einer hohen Natriumausscheidung (über sieben Gramm pro Tag) um 23 Prozent höher als bei der Referenzgruppe, die ebenfalls Bluthochdruck hatte, aber nur vier bis fünf Gramm Natrium ausschied. Jeder zehnte Patient mit Bluthochdruck hatte eine sehr geringe Natriumausscheidung (unter 3 Gramm täglich). Interessanterweise hatten gerade diese Probanden ein besonders hohes Risiko (Erhöhung um 34 Prozent) für einen der primären Endpunkte.

„Diese Erkenntnisse sind äußerst wichtig für Menschen mit hohem Blutdruck“, erläutert Prof. Dr. Andrew Mente. „Während unsere Daten die Bedeutung der Verringerung einer hohen Salzaufnahme bei Menschen mit Bluthochdruck hervorheben, spricht nichts dafür, den Salzkonsum auf ein besonders niedriges Niveau zu reduzieren. Unsere Ergebnisse sind wichtig, weil sie zeigen, dass eine Natriumrestriktion am besten bei Menschen mit Bluthochdruck und natriumreicher Ernährung wirkt.“

Doch gelten diese Ergebnisse auch für Menschen mit normalem Blutdruck? Dies scheint nur teilweise der Fall zu sein. Anders als bei Menschen mit Bluthochdruck führte eine hohe Natriumausscheidung bei Menschen ohne Bluthochdruck nicht zu einem erhöhten Risiko für die primären Endpunkte. Allerdings hatten auch die Probanden ohne hohen Blutdruck, die besonders wenig Natrium ausschieden, ein um 26 Prozent erhöhtes Risiko für einen der primären Endpunkte im Vergleich zur Kontrolle mit einer Natriumausscheidung zwischen vier und fünf Gramm täglich. Demnach scheint eine Begrenzung der Salzaufnahme Menschen mit normalem Blutdruck mehr zu schaden als zu nutzen.

Dr. Martin O’Donnell, Koautor der Studie, deren Ergebnisse kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurden, fügt hinzu: „Diese Studie ergänzt unser Verständnis über den Zusammenhangs zwischen der Salzaufnahme und der Gesundheit und stellt die Angemessenheit aktueller Leitlinien in Frage, die eine niedrige Natriumaufnahme für die gesamte Bevölkerung empfehlen. Ein Ansatz, der einen Salzkonsum in Maßen empfiehlt und sich insbesondere auf Menschen mit Bluthochdruck konzentriert, scheint mehr in Einklang mit der aktuellen Evidenz zu sein.“

Quellen einblenden

verfasst von am 14. September 2016 um 06:50

Was ist das?

DEBInet-Ernährungsblog - über uns

Unsere Autoren schreiben für Sie über Aktuelles und Wissenswertes aus Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin. Die redaktionell aufbereiteten Texte richten sich nicht nur an Experten, sondern an alle, die sich für das Thema "Ernährung" interessieren.

Sie können sich die Beiträge per Newsletter zuschicken lassen oder diese über RSS-Feed oder Twitter abonnieren.

Für die Schriftenreihe der Gesellschaft für Rehabilitation bei Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (GRVS) wurden 222 unserer Blog-Artikel ausgewählt. Das dabei entstandene Ernährungs-Lesebuch ist 2017 im Pabst Science Publishers Verlag erschienen und steht Ihnen hier kostenlos zum Download zur Verfügung

Der "DEBInet-Ernährungsblog"
ist ein Projekt der


© 2010-2017 Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

- noch keine Kommentare -

Kommentar abgeben