„Komasaufen“ durch promille-lastige Kinofilme

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Donnerstag, 26. April 2012

„Binge drinking“ oder „Komasaufen“ wird in Europa zunehmend zum Problem. Etwa jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat bereits mindestens bei einer Gelegenheit f√ľnf alkoholische Getr√§nke oder mehr getrunken, jeder achte Jugendliche hierzulande zwei- und mehrmals. In anderen europ√§ischen L√§ndern sieht es nicht besser aus. Was bringt die Jugendlichen zum exzessiven Alkohol-„Genuss“?

Wissenschaftler aus sechs Ländern gingen der Frage nach, ob das äußere Umfeld und insbesondere der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen einen Einfluss auf den Alkoholkonsum haben können.

Bierdosen √ľ.a
© Greencolander

In einer Studie wurden die anonymen Angaben von 16.551 Sch√ľlern ausgewertet. Beteiligt waren Kinder und Jugendliche im Alter von 10-19 Jahren (mittleres Alter: 13,4 Jahre) aus sechs L√§ndern (Deutschland, Niederlande, Italien, Polen, Schottland und Island). Diese L√§nder unterscheiden sich grundlegend in ihrer Alkoholkontrollpolitik: In Polen und Island werden Alkoholverf√ľgbarkeit, Preise f√ľr alkoholische Getr√§nke, Werbung und Fahren nach Alkoholkonsum streng reguliert, in den Niederlanden, Deutschland und Italien sind die gesetzlichen Regelungen dagegen gro√üz√ľgiger. Das Vereinigte K√∂nigreich, zu dem auch Schottland z√§hlt, befindet sich hinsichtlich seiner Einstellung zum Alkoholkonsum zwischen den beiden L√§ndergruppen. Die Sch√ľler wurden gefragt, ob sie 50 zuf√§llig ausgew√§hlte Filme aus einer Liste von insgesamt 250 Kinofilmen gesehen hatten. Die Liste der zur Auswahl stehenden Filme variierte von Land zu Land und umfasste jeweils die Filme mit den besten Einspielergebnissen. Au√üerdem wurde erfasst, wie h√§ufig die 10-19-J√§hrigen bereits f√ľnf oder mehr alkoholische Getr√§nke bei einer Gelegenheit getrunken hatten.

Parallel zur Befragung der Sch√ľler analysierten die Forscher au√üerdem das Vorkommen von Alkohol in den Filmen. Auf diese Weise konnten sie eine Verbindung zwischen dem Anschauen bestimmter (alkohol-lastiger) Kinofilme und exzessivem Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe herstellen.

√úber alle Landesgrenzen hinweg hatten bereits 27 Prozent der Sch√ľler mindestens bei einer Gelegenheit Alkohol in gro√üen Mengen getrunken. Der Unterschied zwischen den L√§ndern war jedoch beachtlich: In Island gaben lediglich sechs Prozent der Befragten an, schon einmal exzessiv Alkohol getrunken zu haben, in den Niederlanden hingegen waren es 38 Prozent, also mehr als jeder Dritte. Auch bei den Jugendlichen, die √ľber f√ľnfmal Alkohol in gro√üen Mengen getrunken hatten, lagen die Niederlande an der Spitze (16 Prozent), gefolgt von Schottland (acht Prozent), Polen (f√ľnf Prozent) und Deutschland bzw. Italien (jeweils vier Prozent). In allen L√§ndern bestand ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Anzahl an Alkoholszenen, die in Filmen gesehen wurden, und dem Auftreten von Komasaufen. Auch nachdem der Einfluss weiterer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Familieneinkommen, Schulerfolg, Fernsehkonsum, Draufg√§ngertum, rebellischem Verhalten und die Trinkgewohnheiten im Bekanntenkreis (Freunde, Eltern, Geschwister) herausgerechnet wurde, blieb die Assoziation in allen L√§ndern au√üer Island bestehen.

Die Forscher schlie√üen aus den Ergebnissen, dass Alkoholszenen in Kinofilmen das Risiko f√ľr Komasaufen unter Kindern und Jugendlichen unabh√§ngig von anderen Einflussfaktoren erh√∂hen. Da ein derartiger Effekt in nahezu allen untersuchten L√§ndern nachgewiesen wurde, scheinen kulturelle Unterschiede zwischen den einzelnen L√§ndern keinen Einfluss auf die Assoziation zwischen Kinofilmen und exzessivem Alkoholkonsum zu haben. Wenn die Ergebnisse durch weitere Studien untermauert werden, sollte √ľber das Bild, das Kinofilme in der √Ėffentlichkeit √ľber Alkoholkonsum vermitteln, kritisch diskutiert werden.

Quelle:
R. Hanewinkel, J. D. Sargent, E. A. P. Poelen, R. Scholte, E. Florek, H. Sweeting, K. Hunt, S. Karlsdottir, S. R. Jonsson, F. Mathis, F. Faggiano, M. Morgenstern (2012): Alcohol consumption in movies and adolescent binge drinking in 6 European countries. Pediatrics, Online-Vorabveröffentlichung

verfasst von am 26. April 2012 um 06:20

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