Pl√§doyer f√ľr Leitungswasser

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 6. September 2016

Es ist preisg√ľnstig, jederzeit verf√ľgbar, umweltfreundlich und gesund: Leitungswasser braucht sich nicht vor Mineralwasser aus der Flasche zu verstecken, berichtet aktuell die Stiftung Warentest. Auch in Bezug auf den Mineralstoffgehalt schneidet Leitungswasser im Vergleich erstaunlich gut ab.

Mineralwasser ist in Deutschland heutzutage buchst√§blich in aller Munde: Rund 147 Liter trank der Durchschnittsb√ľrger im Rekordjahr 2015. Das war √ľber zehnmal mehr als 1970 mit 12,5 Litern. Unter den Mineralw√§ssern steigt insbesondere die Nachfrage nach stillem Wasser. Eigentlich verwunderlich, denn genauso gut k√∂nnte einfach Wasser aus der Leitung, das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland, getrunken werden. F√ľr Leitungswasser gelten strenge Regeln und Grenzwerte. Es muss von so guter Qualit√§t sein, dass wir es unser Leben lang trinken k√∂nnen, ohne davon krank zu werden. Kann Mineralwasser da mithalten?

Diese Frage stellte sich auch die Stiftung Warentest. In der Augustausgabe der Zeitschrift „test“¬† berichtet sie von den Ergebnissen ihres aktuellen Qualit√§tschecks. Die Pr√ľfer untersuchten insgesamt 30 stille nat√ľrliche Mineralw√§sser und Leitungsw√§sser aus 28 St√§dten und Gemeinden Deutschlands, wobei der Nachweis von R√ľckst√§nden und Kontaminanten im Vordergrund stand. Abschlie√üend konnten die Pr√ľfer Erfreuliches berichten: In keiner der untersuchten Proben wurden die gesetzlich festgelegten Grenzwerte √ľberschritten.

In letzter Zeit sorgten R√ľckst√§nde des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in Bier und Muttermilch f√ľr Aufsehen. Allerdings konnte im Labor weder in Leitungswasser noch in den Mineralwasserproben Glyphosat nachgewiesen werden. In drei Mineralw√§ssern fanden die Pr√ľfer Aminomethylphosphons√§ure-R√ľckst√§nde (kurz: Ampa). Ampa entsteht beim Abbau von Glyphosat, kann aber auch aus Phosphonaten von Waschmitteln stammen. Die gefundenen Konzentrationen in den Mineralw√§ssern waren allerdings so gering, dass sie laut Stiftung Warentest kein gesundheitliches Risiko darstellten.

Au√üerdem war in 27 von 28 Trinkw√§ssern Nitrat nachweisbar. Es stammt √ľberwiegend aus G√ľlle und Kunstd√ľnger und sickert durch den Boden ins Grundwasser. Der h√∂chste Nitratgehalt in den Leitungswasserproben betrug 30 Milligramm pro Liter und lag damit deutlich unter dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Mineralw√§sser schnitten hier mit einem Maximalwert von 15 Milligramm pro Liter besser ab.

Solange der Grenzwert f√ľr Nitrat eingehalten wird, kann Babynahrung mit Wasser aus der Leitung zubereitet werden. Es empfiehlt sich allerdings, sich beim lokalen Wasserversorger nach aktuellen Messergebnissen vor Ort zu erkundigen. Wer auf Nummer sicher gehen m√∂chte, sollte f√ľr die Zubereitung von S√§uglingsnahrung Mineralwasser verwenden, das speziell daf√ľr ausgelobt ist. Solche Mineralw√§sser d√ľrfen maximal 10 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten, also deutlich weniger als normales Leitungswasser. Ungeachtet, welches Wasser f√ľr die Zubereitung gew√§hlt wird, ist zu beachten, dass beide nicht steril sind. Daher sollte das Wasser zum Schutz vor Keimen vor der Zubereitung von Babynahrung besser abgekocht werden.

In einigen Trinkwasserproben wurden auch Spuren von Medikamenten und R√∂ntgenkontrastmitteln gefunden, die aufgrund ihrer geringen Konzentration jedoch nicht gesundheitlich bedenklich sind. √Ėstrogene ‚Äď etwa aus der Antibabypille ‚Äď waren dagegen in keinem der Leitungsw√§sser nachweisbar. Die Mineralw√§sser waren frei von Medikamenten- oder R√∂ntgenkontrastmittel-R√ľckst√§nden, enthielten aber teilweise geringe Mengen hormonell aktiver Substanzen. Wie diese in die entsprechenden Mineralw√§sser gelangen konnten, ist bislang unklar. Au√üerdem konnten die Pr√ľfer in einigen Mineralwasserproben Acetaldehyd, welches aus den PET-Flaschen in das Wasser √ľbergegangen war, nachweisen. Die Gehalte wurden als unkritisch eingestuft, k√∂nnen sich allerdings als fruchtig-s√ľ√üe Fehlnote bemerkbar machen. Sechs der untersuchten Mineralw√§sser waren zudem mit Keimen belastet.

Wo „Mineralstoffe“ namensgebend sind, m√ľssen nicht unbedingt besonders viele Mineralstoffe enthalten sein. Dies zeigte auch der Vergleich des Mineralstoffgehalts der Leitungs- und Mineralw√§sser. Der Mineralstoffgehalt der getesteten Leitungsw√§sser lag zwischen 78 Milligramm pro Liter in Goslar (Harz) und 786 Milligramm pro Liter in Rinteln (Weserbergland). Im Mittel waren es 380 Milligramm pro Liter. Bei den Mineralw√§ssern lag die Spannweite zwischen 57 und 2606 Milligramm pro Liter. Von den 30 stillen Mineralw√§ssern in der Stichprobe √ľbertrafen nur acht den Mineralstoffgehalt des Rintelner Trinkwassers, der mittlere Mineralstoffgehalt betrug 790 Milligramm pro Liter. √úbrigens sind die enthaltenen Mineralstoffe von gro√üer Bedeutung f√ľr den Geschmack des Wassers: natrium- und chloridreiches Wasser schmeckt salzig, sulfatreiches Wasser hat eine s√ľ√üliche bis leicht bittere Note. Der Calcium- und Magnesiumgehalt eines Wasser bestimmt seine H√§rte. Wird Wasser kalt getrunken, ist hartes Wasser beliebter, Tee- und Kaffeetrinker bevorzugen dagegen weiches Wasser.

Preislich ist Leitungswasser allen Mineralw√§ssern klar √ľberlegen: Ein Liter schl√§gt mit rund einem halben Cent zu Buche. Dagegen kostete schon das g√ľnstigste Mineralwasser im Test 24 Cent pro Liter, das teuerste sogar 70 Cent.

Das Fazit: Leitungswasser ist zwar nicht makellos, aber gut. „Leitungswasser ist so gesund wie Flaschenware, unschlagbar g√ľnstig und umweltschonend obendrein„; res√ľmiert auch der Vorstand der Stiftung Warentest, Hubertus Primus. In manchen F√§llen ist es dennoch sinnvoll, sich f√ľr ein bestimmtes Mineralwasser zu entscheiden. Ein besonders kalziumreiches Mineralwasser beispielsweise kann Menschen mit Laktoseintoleranz helfen, ihren Kalziumbedarf zu decken. Und Menschen, die unter Verstopfungen leiden, profitieren m√∂glicherweise von sulfatreichen Mineralw√§ssern.

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verfasst von am 6. September 2016 um 06:35

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4 Kommentare zu “Pl√§doyer f√ľr Leitungswasser”

  1. Michael sagt:

    Ich trinke schon seit 20 Jahren zuhause nur Leitungswasser. Dies hat mehrere Gr√ľnde:
    1. Die Qualität ist mindestens so gut wie die aus Flaschen.
    2. Man trinkt keinen Weichmacher (in den Plastikflaschen enthalten).
    Allerdings habe ich seit 6 Monaten einen Wasserfilter im Einsatz, da das Wasser in Berlin sehr kalkhaltig ist.

    Beste Gr√ľ√üe

    Michael | Ernährungsberater & Mentaltrainer

    • Dr. oec. troph. Christina B√§chle sagt:

      Vielen Dank f√ľr Ihren Beitrag. Kalkhaltiges Wasser ist – ern√§hrungsphysiologisch betrachtet – nicht sch√§dlich. Im Gegenteil: Es kann sogar einen Beitrag zur Calcium- und Magnesiumversorgung leisten. Letztendlich ist es eher eine Geschmackssache, ob weiches oder hartes Wasser als Getr√§nk bevorzugt wird.

  2. Wolfgang sagt:

    Ich freue mich, es (wieder einmal) zu h√∂ren, dass Leitungswasser ebenso gut ist, wie Flaschenwasser. Nicht nur die Kistenschlepperei hat damit ein Ende. Da ich schon seit Jahren „Hahnenbrunnen“ trinke (manchmal mit dem Gef√ľhl: ist das gut??), trinke ich es nun noch lieber. Und wers prickelnd haben will, darf gerne den Sodabereiter nutzen. Wenns viele gelesen und geh√∂rt haben, wird auch eine der wichtigsten Ressourcen unserer Erde geschont – wer wei√ü, ob wir nicht mal wirklich Wasser aus der Tiefe brauchen.

  3. WolfgangO sagt:

    Eben kam in der Tagesschau, immer mehr Grundwasser (und später Trinkwasser) wäre durch Nitrat belastet Рwas stimmt daran? Ich bin leidenschaftlicher Hahn-Trinker.

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