Zucker: Als „Gesundheitsfeind“ auf einer Linie mit Alkohol und Zigaretten?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 14. Februar 2012

Das Dessert als krönender Abschluss eines gemeinsamen Essens, ein Stück Kuchen am Sonntagnachmittag, der süße Riegel als Energiekick zwischendurch oder die Tafel Schokolade als Trost, Belohnung oder einfach so am Abend zur Entspannung vor dem Fernseher: Süßes ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Zu viel Zucker schadet allerdings der Gesundheit. Deshalb plädieren einige amerikanische Ärzte dafür, den Zuckerkonsum deutlich zu begrenzen – wenn es sein muss auch durch staatliche Maßnahmen.

Mousse au chocolat
© wrestlingentropy

„Die giftige Wahrheit über Zucker“ – So lautet der provokante Titel eines Kommentars, der Anfang Februar in der renommierten amerikanischen Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Die Autoren, amerikanische Ärzte der Universität von Kalifornien, meinen ihre Warnung durchaus ernst. Weltweit sterben inzwischen mehr Menschen an nicht übertragbaren chronischen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes als an Infektionserkrankungen. Und ihre Zahl wird weiter ansteigen, nicht zuletzt aufgrund der Übernahme westlicher Ernährungs- und Lebensgewohnheiten in ärmeren Ländern. Zucker gilt als Mitverursacher dieser Erkrankungen. Deshalb fordern die Autoren eine Begrenzung des Zuckerangebots durch den Staat.

Die Argumente der amerikanischen Ärzte im Detail:

  • Isolierte Zucker, die Lebensmitteln und Getränken meist in Form von fruktosereichem Maissirup oder als Saccharose (Haushaltszucker) zugesetzt werden, bestehen zu einem großen Teil aus Fruktose (Fruchtzucker). In größerer Menge aufgenommen, schadet Fruktose der Gesundheit: Sie wirkt giftig auf die Leber und fördert wissenschaftlich erwiesenermaßen die Entstehung des Metabolischen Syndroms mit all seinen Erkrankungen (Übergewicht, Bluthochdruck, Insulinresistenz und Diabetes, erhöhte Blutfettwerte). Außerdem gibt es Hinweise für einen Zusammenhang zwischen dem Zuckerkonsum und kognitiven Beeinträchtigungen sowie der Entstehung von Krebserkrankungen.
  • Trotz seines gesundheitsschädigenden Potentials ist Zucker heutzutage nahezu in allen verarbeiteten Lebensmitteln enthalten. Im Gegensatz zu unseren Vorfahren, die nur in wenigen Monaten des Jahres auf fruchtzuckerreiche Früchte zurückgreifen konnten und für die Honig eine seltene Kostbarkeit war, fällt es heutzutage schwer, beim Gang durch den Supermarkt Lebensmittel zu finden, die frei von Zucker oder Zuckersirup sind. Zucker ist nicht nur in Süßspeisen, Limonaden und Softdrinks zu finden, sondern auch versteckt in vielen Lebensmitteln, in denen man ihn kaum vermutet, beispielsweise in Brot, Ketchup, Dressings oder Soßen. Vielen ist nicht bewusst, wie viel Zucker sie tagtäglich konsumieren: In vielen Ländern nehmen Menschen über 500 Kilokalorien am Tag aus isolierten Zuckern auf, so die Autoren. Dies entspricht ca. einem Viertel des gesamten Energiebedarfs eines Erwachsenen.
  • Zucker kann süchtig machen: Wie Alkohol und Tabak wirkt auch Zucker auf das Gehirn und kann zur unkontrollierbaren Aufnahme weiterer Lebensmittel führen. Die Steigerung von Appetit und Energieaufnahme wird dabei durch mehrere Reaktionen hervorgerufen. Zum einen fördert Zucker die Wirkung des Hunger auslösenden Hormons Ghrelin. Zucker greift außerdem in den Regelkreislauf von Leptin ein, einem Hormon, was an der Entstehung des Sättigungsgefühls beteiligt ist. Hinzu kommt, dass Zucker den Botenstoff Dopamin in seiner Wirkung auf das Belohnungszentrum des Gehirns behindert. Hierdurch wird das Wohlgefühl, das wir normalerweise beim Essen verspüren, gedämpft. Es steigt der Wunsch, mehr zu essen.
  • Zucker schadet der Gesellschaft: Die negativen Auswirkungen von Alkohol und Rauchen auf andere Mitglieder unserer Gesellschaft sind allgemein anerkannt. Aber auch Zucker schadet. Die langfristigen ökonomischen Kosten, Gesundheitsausgaben und der Verlust an Humankapital sind beträchtlich. Laut Hochrechnungen in den USA verursacht das Metabolische Syndrom, dessen Entstehung durch eine hohe Zuckeraufnahme begünstigt wird, jährlich Kosten durch Produktivitätsausfall in Höhe von 65 Mrd. $ zusätzlich zu Gesundheitsausgaben in Höhe von ca. 150 Mrd. $.

Softdrink
© Dano

Die Autoren folgern, dass Zucker in seiner Wirkung ähnlich schädlich ist wie Tabak und Alkohol und dass der Verzehr von Zucker deshalb im Interesse des Einzelnen und der Gesellschaft eingeschränkt werden sollte. Da Aufklärungskampagnen bislang wenig erfolgreich waren, fordern sie ein Eingreifen des Staates zur Begrenzung der Verfügbarkeit von Zucker. Wie könnte dies konkret aussehen?

  • Möglich wäre beispielsweise eine zusätzliche Besteuerung von Lebensmitteln oder Getränken, die isolierte Zucker enthalten. Damit eine solche Steuer aber die gewünschte Signalwirkung hat, müsste sie das Produkt deutlich verteuern. Die Ärzte gehen davon aus, dass z. B. erst die Verdopplung des Limonadenpreises zu einem merklichen Rückgang des Konsums führen würde.
  • Beschränkung des Angebots zuckerhaltiger Lebensmittel und Getränke, z. B. durch Vergabe von Lizenzen für Automaten, städteplanerische Maßnahmen (Schaffung von Gebieten, in denen die Anzahl von Fast-Food-Läden, Imbissbuden und Kiosken eingeschränkt wird, zugleich Förderung der Ansiedlung von Bauernmärkten und Lebensmittelgeschäften.
  • Begrenzung des Verkaufs zuckerreicher Lebensmittel während des Schulunterrichts oder Einführung einer Altersgrenze ähnlich wie bei Alkohol.
  • Begrenzung oder sogar Verbot der Werbung für Lebensmittel mit zugesetzten Zuckern.
Eis
© Jökull Sólberg Auðunsson

Den Autoren ist durchaus bewusst, dass sich Zucker nicht komplett verbannen lässt. „Wir wollen ja kein Verbot“, so Laura Schmidt, Koautorin des Artikels. „Wir möchten nur, dass Zucker weniger leicht verfügbar ist.“ Heute sei Zucker billig, schmecke gut und verkaufe sich gut – alles in allem kein Anreiz für Hersteller, etwas an der Situation zu ändern.

Unter deutschen Medizinern wird der Umgang mit Zucker gelassener gesehen. Es sei zwar wichtig, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, es bestehe allerdings kein Grund, jede Süßigkeit gleich zu verteufeln. „Wer sein Gewicht hält, kann täglich eine Tafel Schokolade essen und erhöht damit sein Risiko für Diabetes nicht“, so Felix Beuschlein von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Es geht bei Gesundheitsfragen eher um die Menge der Kalorienaufnahme und des -verbrauchs und nicht nur um das, was man isst, wenn die Ernährung halbwegs vielseitig ist.“ Der Stoffwechselexperte rät Verbrauchern zur Aufmerksamkeit beim Kauf und Verzehr von Lebensmitteln und Getränken: „Man unterschätzt die Menge Kalorien, die in stark zuckerhaltigen Getränken und Lebensmitteln enthalten sind.“

Unser Fazit? Im Rahmen einer ausgewogenen, vielseitigen Ernährung dürfen auch zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke mit Genuss verzehrt werden – solange die Energiebilanz stimmt.

Quellen:

  • Lustig, R. H., Schmidt, L. A.; Brindis, C. D. (2012): The toxic truth about sugar. Nature 482: S. 27-29.
  • Bartens, W (2012): Zucker – so schädlich wie Alkohol? Artikel vom 01.02.2012 auf Süddeutsche.de.

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verfasst von am 14. Februar 2012 um 07:24

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