Essstörungen - Anorexia nervosa

Skizze falsches Körperbild

Definition

Die Magersucht ist eine Essstörung, bei der die Betroffenen ein nicht dem Alter und der Statur entsprechendes minimales Körpergewicht anstreben. Dabei ist die Wahrnehmung von Figur, Gewicht und Aussehen häufig gestört und es besteht eine übertriebene Angst vor einer Gewichtszunahme.

Diagnose

Für die Diagnose "Anorexia nervosa" reicht Untergewicht alleine nicht aus. Zunächst müssen alle organischen Ursachen ausgeschlossen werden (z. B. Schilddrüsenüberfunktion, Diabetes mellitus Typ 1, Malabsorptionssyndrom). Für die Diagnose einer Magersucht müssen weitere Kriterien erfüllt sein (siehe Abbildung).

 
Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa (DSM-IV-Kriterien)
Untergewicht
Gewicht wird absichtlich unterhalb des normalen Bereichs gehalten
Furcht vor Gewichtszunahme
(trotz bestehenden Untergewichts)
Verzerrte Körperwahrnehmung
Patienten halten sich oder einen bestimmten Teil ihres Körpers für zu dick (trotz bestehenden Untergewichts)

Subtyp angeben
Restriktiver Typ 
keine regelmäßigen Essanfälle und kein abführendes Verhalten
Bulimischer Typ
regelmäßige Essanfälle und regelmäßig abführendes Verhalten

Auswirkungen auf den Körper

Kaliummangel

Krankhaftes Untergewicht hat vielfältige und gravierende Auswirkungen auf den menschlichen Körper bis hin zu lebensbedrohlichen Komplikationen. Dazu zählt vor allem der durch die Mangelernährung ausgelöste Kaliummangel, der lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen zur Folge haben kann.

Blutarmut/Ödeme

Aufgrund einer Schädigung des Knochenmarks kann eine Anämie (Blutarmut) hervorgerufen werden. Durch die niedrige Eiweißzufuhr mit der Nahrung kommt es zu einem Absinken des Albumins (Transportprotein). Bei einer verringerten Albuminkonzentration kann die im Blut enthaltene Flüssigkeit nicht mehr ausreichend gebunden werden und lagert sich im Gewebe ab (Ödembildung).

Verringerte Östrogenproduktion

Eine nachlassende Östrogenproduktion kann das Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhö) zur Folge haben. Östrogene (weibliche Geschlechtshormone) unterstützen die Einlagerung von Calcium in die Knochenmatrix. Dieser Vorgang ist im Kindes- und Jugendalter besonders wichtig und wird bis zum 30. Lebensjahr abgeschlossen. Eine reduzierte Östrogenproduktion hat daher vor allem in diesem Lebensabschnitt eine geringere Knochendichte zur Folge, wodurch sich die Gefahr einer Osteoporose erhöht.

Erhöhte Cortisolspiegel

Um den Blutzucker trotz der mangelnden Zufuhr von Kohlenhydraten konstant zu halten, muss Glucose aus anderen Substanzen (z. B. Ketonkörper, bestimmte Aminosäuren) gebildet werden. Dies macht eine erhöhte Sekretion von Cortisol sowie anderen Hormonen notwendig. Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel können zu Haarausfall, Hautveränderungen und psychischen Erkrankungen führen und begünstigen, wie eine verringerte Östrogenproduktion, die Entstehung der Osteoporose.

Unfruchtbarkeit

Durch die eingeschränkte Östrogenbildung kommt es zu einer Störung der weiblichen Keimdrüsen. Die daraus resultierende Unfruchtbarkeit (Infertilität) bleibt auch bei erfolgreicher Behandlung meist noch längere Zeit bestehen (bis zu Jahren).

Unterzuckerungen

Nach längerer unzureichender Kohlenhydratzufuhr sind die körpereigenen Reserven aufgebraucht. Da die endogene Bildung von Glucose (Gluconeogenese) nur sehr langsam abläuft, kann es in Kombination mit starker körperlicher Belastung zu Unterzuckerungen (Hypoglykämien) kommen, die - je nach Schweregrad - zur Bewusstlosigkeit oder zu Hirnschäden bis hin zum Tod führen können, was auf die Minderversorgung des Gehirns mit Energie (Glucose) zurückzuführen ist.

Veränderte Laborparameter

Die Anorexia nervosa ruft eine Reihe biochemischer Abnormitäten hervor. Die Veränderungen der wichtigsten Blutparameter sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst.

Laborwert Auswirkungen
der Anorexie
Blutzucker
Gesamtprotein
Calcium
Phosphor
Triglyceride
Hämoglobin
Hämatokrit
Leukozyten
Schilddrüsenhormon (T3)
Thrombozyten
Leberenzyme (GOT, GPT)

Therapie

Psychologische Unterstützung

Die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie der Magersucht stellt zunächst die Einsicht des Patienten dar. Ohne diese ist die Prognose äußerst ungünstig und Therapieerfolge sind kaum zu erwarten.

Ist eine Bereitschaft zur Therapie vorhanden, ist das oberste Ziel die Normalisierung des Körpergewichts, wobei eine verhaltenstherapeutische Unterstützung notwendig ist. Ein weiterer Bestandteil der psychologischen Betreuung stellt die Behandlung der verzerrten Körperwahrnehmung dar. Die Stärkung des Selbstwertgefühls ist ebenfalls von Bedeutung. Der Kontakt mit anderen Betroffenen und ehemaligen Anorektikern im Rahmen von Gruppentherapien wirkt sich häufig besonders positiv aus.

Die Zusammenarbeit mit einem Psychologen ist bei der Therapie unerlässlich. Optimal ist eine stationäre Behandlung in einer entsprechenden Einrichtung.

Ernährungstherapie

Neben der psychologischen Betreuung spielt die richtige Ernährung zur Normalisierung des Körpergewichts eine wichtige Rolle.

In schweren Fällen kann zunächst eine künstliche Ernährung erforderlich sein. Wichtig ist anschließend eine langsame Steigerung der Nahrungsaufnahme, um Unverträglichkeiten zu vermeiden. Dabei sollten am Anfang nur Nahrungsmittel in leicht verwertbarer Form verabreicht werden. Da oft Schleimhautschädigungen und Lactasemangel (milchzuckerspaltendes Enzym) vorliegen werden Milch und Milchprodukte anfangs häufig nicht vertragen.

Im Anschluss daran erfolgt eine schrittweise Annäherung an eine energiereiche Basiskost. Der Energiebedarf wird dabei so veranschlagt, dass für jeweils 10 kg Untergewicht ein Zuschlag von 20 Prozent des normalen Tagesbedarfs empfohlen wird (ca. 2500-3000 kcal / Tag).

Die Nahrung sollte auf mehrere Mahlzeiten (ca. sechs) am Tag verteilt werden und reich an Kohlenhydraten und Fetten sein. Letztere sollten vor allem in versteckter Form aufgenommen werden und viele ungesättigte Fettsäuren enthalten.

Der Proteinbedarf entspricht dem einer "normalen" Ernährung, liegt also bei ca. 15 Prozent der Gesamtenergieaufnahme. Die Kost sollte vitamin- und mineralstoffreich, ausgewogen und abwechslungsreich sein. Zu meiden sind jedoch Lebensmittel, die energiearm, voluminös oder blähend sind (siehe Abbildung).

Weniger geeignete Lebensmittel beim Kostaufbau
Hülsenfrüchte, Blattkohlsorten, Pilze
Fleisch-, Fisch- und Wurstwaren mit hohem Anteil an sichtbarem Fett
Mayonnaise, fettreiche Backwaren
Fettarme, proteinreiche Lebensmittel (z. B. Magermilchprodukte)
stark kohlensäurehaltige Getränke

Mit steigender Energiezufuhr kann auch mit leichter körperlicher Aktivität begonnen werden. Dies fördert sowohl das Herz-Kreislauf-System als auch das Muskelwachstum.

Grundsätzlich sollten die Speisen schmackhaft und appetitlich zubereitet werden. Individuelle Bedürfnisse sollten dabei berücksichtigt werden. Auch geringe Mengen Alkohol zur Steigerung des Appetits sind erlaubt.

Sonstige medizinische Maßnahmen

Aufgrund der gravierenden Folgen der unzureichenden Östrogenproduktion wird der gezielte Einsatz von Östrogenen, Gestagenen und Calcium im Rahmen der Osteoporoseprophylaxe diskutiert.

Sofern eine begleitende depressive Erkrankung vorliegt, wird diese mit Antidepressiva behandelt.

Eine weitere medikamentöse Therapie ist nicht erforderlich. Trotz der niedrigen Konzentration des Schilddrüsenhormons T3 (Trijodthyronin), ist eine Therapie mit Schilddrüsenhormonen in der Regel nicht erforderlich.

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Literatur