EFSA-Gutachten: Plädoyer für möglichst geringe Aufnahme von zugesetztem und freiem Zucker

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 3. Mai 2022

Wissenschaftler der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben ihre umfassende Bewertung der Sicherheit von Zucker in der Nahrung und möglichen Zusammenhängen mit Gesundheitsproblemen abgeschlossen. Zwar sind viele Aspekte noch nicht gut genug erforscht, dennoch empfiehlt die Behörde eine möglichst geringe Zuckeraufnahme.

Im Jahr 2017 haben Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden bei der EFSA beantragt, die möglichen Gesundheitsrisiken einer übermäßigen Zuckeraufnahme durch Lebensmittel zu bewerten. Diesem Antrag ist die EFSA nachgekommen und hat vor kurzem ihr Gutachten „Zulässige Obergrenze für die Aufnahme von Nahrungszucker“ veröffentlicht.

Die Entstehungsgeschichte des Gutachtens war aufwendig: Zunächst entwickelten die Wissenschaftler ein Protokoll. Darin legten sie im Vorfeld fest, wie die Bewertung vonstatten gehen sollte. Nach dessen Veröffentlichung sichteten sie die eingehenden Kommentare und überarbeiteten das Protokoll entsprechend. Es folgten systematische Literaturrecherchen, die zunächst 25.000 Treffer zur Durchsicht ergaben (Juli 2018). Eine zusätzliche Literaturrecherche im August und Oktober ergab weitere 7.500 Resultate. Aus diesem Portfolio filterten die Wissenschaftler 120 Artikel heraus, in denen der Zusammenhang zwischen der Zuckeraufnahme und dem Risiko für chronische Stoffwechselerkrankungen, Schwangerschaftsfolgen und Zahnkaries untersucht wurde. Außerdem schätzten sie die Zuckeraufnahme durch die gesamte Ernährung und aus verschiedenen Lebensmittelkategorien. Hierfür verwendeten sie standardisierte Daten zum Lebensmittelkonsum aus Ernährungserhebungen an 25 europäischen Ländern mit etwa 135.000 Personen.

„Wir kamen zu dem Schluss, dass die Aufnahme von zugesetzten und freien Zuckern im Rahmen einer ernährungsphysiologisch angemessenen Ernährung so gering wie möglich sein sollte“, greift Prof. Dominique Turck, Vorsitzender des EFSA-Gremiums, eine Kernbotschaft des Gutachtens auf. „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse erlaubten uns jedoch nicht, eine zulässige Höchstaufnahmemenge für Zucker in Lebensmitteln festzulegen, was das ursprüngliche Ziel dieser Bewertung war.“ Zwar fanden die Wissenschaftler zahlreiche Belege für einen Zusammenhang zwischen der Zuckeraufnahme und einer Reihe von gesundheitlichen Problemen (darunter Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit, Lebererkrankungen, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht, Schwangerschaftsdiabetes und Karies). Sie konnten jedoch keine wissenschaftlich fundierte zulässige Höchstaufnahmemenge für Zucker festlegen, da es keine Zuckeraufnahme gab, die nicht mit einem erhöhten Risiko für negative gesundheitliche Effekte einherging. Mit zunehmender Zuckeraufnahme stieg das Risiko weiter an.

Allerdings ist die Evidenz zu den gesundheitlichen Auswirkungen eines geringen Zuckerkonsums unzureichend. „Wir haben betont, dass Unsicherheiten hinsichtlich des Risikos chronischer Krankheiten für Menschen bestehen, deren Verzehr von zugesetztem und freiem Zucker weniger als 10 Prozent ihrer gesamten Energieaufnahme beträgt. Dies ist auf die geringe Zahl von Studien mit diesem Dosisbereich zurückzuführen“, erläutert Turck.

Unklar ist ferner, ob es Unterschiede zwischen verschiedenen Lebensmittelgruppen gibt. Bislang standen vor allem mit Zucker gesüßte Getränke, Säfte und Nektare im Fokus der Forschung. Hier gibt es Hinweise, dass diese zur Entstehung chronischer Stoffwechselerkrankungen wie Fettleibigkeit, nichtalkoholische Fettlebererkrankung und Typ-2-Diabetes beitragen können. Dagegen konnten mögliche Effekte von beispielsweise Süßigkeiten, Kuchen und Desserts, anderen gesüßten Getränken wie gesüßter Milch und Milchshakes sowie Joghurt aufgrund der begrenzten Studienlage nicht berücksichtigt werden. „Auch wenn wir ihren Beitrag nicht bewerten konnten, sollten die Auswirkungen anderer Lebensmittel, die erheblich zur Zuckeraufnahme beitragen, von den nationalen Behörden bei der Festlegung von Ernährungsleitlinien mitberücksichtigt werden“, empfiehlt Turck.

„Diese Sicherheitsbewertung von Zucker in Lebensmitteln liefert wichtige Erkenntnisse“, betont Dr. Anna Karin Lindroos von der schwedischen Lebensmittelbehörde. „Zusammen mit anderen einschlägigen wissenschaftlich fundierten Berichten wird sie eine nützliche Quelle bei der Überprüfung von Empfehlungen für die Zuckeraufnahme und Ernährungsleitlinien in den nordischen Ländern darstellen.“

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verfasst von am 3. Mai 2022 um 08:01

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