Ernährungswissen Jugendlicher: Natürlichkeit dient als Kompass

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 29. März 2022

Für die Einschätzung von Lebensmitteln und deren Gesundheitswert verwenden Jugendliche und Erwachsene ähnliche Kriterien wie Ernährungsexperten. So lautet das Ergebnis einer Studie, die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung gemeinsam mit ihren Kollegen der Universität Aarhus durchgeführt haben.

Im Supermarkt lockt eine nur schwer überschaubare Vielfalt an Produkten und Produktvarianten. Um in dieser komplexen Umgebung den Überblick zu bewahren, ist eine gute Intuition vonnöten. Während Kinder die Qualität und den Gesundheitswert von Lebensmitteln noch recht undifferenziert wahrnehmen, ist bislang noch wenig darüber bekannt, wie es um die Wahrnehmung von Jugendlichen bestellt ist.

Deshalb verglichen die Wissenschaftler die Lebensmittelwahrnehmung von 36 13- bis 16-jährigen Jugendlichen mit der Einschätzung von 100 Erwachsenen im Alter von 18 bis 56 Jahren (medianes Alter 21 Jahre). Die zweite Vergleichsgruppe bestand aus 51 Ernährungsfachkräften und 17 Studenten der Ernährungswissenschaften. Alle Teilnehmenden sahen sich zunächst Bilder von 43 alltäglichen Lebensmittelprodukten an. Im Anschluss daran sollten sie jedes Produkt anhand von 17 Merkmalen einschätzen. Hierzu zählten beispielsweise der Nährstoffgehalt der Produkte, ihr Verarbeitungsgrad, die (regionale) Herkunft sowie die Art der Verpackung. Außerdem gaben die Probanden an, wie „gesund“ die Produkte ihrer Meinung nach waren.

Bei der Auswertung der Antworten suchten die Wissenschaftler nach bestimmten Mustern in der Merkmalseinschätzung. Auf diese Weise gelang es ihnen, verschiedene Dimensionen auszumachen, die der Wahrnehmung der Lebensmittel zugrunde lagen.

Dabei stellten sie interessante Gemeinsamkeiten in den Einschätzungen fest. „Für alle Gruppen war ein zentraler Faktor bei der Wahrnehmung der Lebensmittel, wie natürlich sie sind. Lebensmittel, die wenig verpackt waren, wenig Zusatzstoffe enthielten und kaum verarbeitet waren, wurden als ähnlich und zusammengehörig wahrgenommen“ erläutert Prof. Thorsten Pachur, Forschungsgruppenleiter im Forschungsbereich Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Leiter der Studie. „Die Natürlichkeit war zudem zentral bei der Beurteilung, wie gesund die Lebensmittel sind. Je höher die Ausprägung auf der Natürlichkeitsdimension, desto gesünder wurde ein Lebensmittel eingestuft.“ Selbst die Ernährungsexperten schienen dieser einfachen Regel zu folgen.

In Bezug auf die Einschätzung des Gesundheitswerts bestimmter Lebensmittel waren sich die Vertreter aller drei Gruppen häufig einig: Äpfeln, Wasser, Bananen und Milch maßen sie einen hohen gesundheitlichen Wert bei, Tomaten und Müsliriegel lagen im mittleren Bereich und Schokoriegel und Kekse erreichten nur niedrige Gesundheitswerte.

Bemerkenswert waren aber auch die Unterschiede zwischen den Gruppen. So schätzen die Jugendlichen den Gesundheitswert von Fischstäbchen und Orangensaft deutlich höher ein als die Ernährungsexperten. Möglicherweise waren die Grundzutaten Fisch und Orangen für die Einschätzung der Jugendlichen ausschlaggebend. Für die Ernährungsexperten schienen dagegen eher die fett- und kalorienreiche Panade der Fischstäbchen und der hohe Zuckergehalt des Orangensafts ausschlaggebend gewesen zu sein.

Außerdem beobachteten die Wissenschaftler eine süß-versus-salzig-Achse bei den Jugendlichen. Diese Geschmacksachse verwendeten sie als zusätzliches Kriterium für die Einordnung der Lebensmittel und Beurteilung des Gesundheitswerts. Süße Lebensmittel assoziierten die Jugendlichen häufig mit einem geringeren Gesundheitswert. Für die Experten und die Erwachsenengruppe waren dagegen ausschließlich die Inhaltsstoffe eines Lebensmittels ausschlaggebend für deren gesundheitliche Beurteilung.

Während die Einschätzung der Ernährungsexperten meist recht einheitlich ausfiel, gab es erhebliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass ein Teil der Jugendlichen eher uninformiert über Lebensmittel und deren Gesundheitswert war und daher bei einigen Antworten raten musste.

Bleibt festzuhalten, dass sowohl für die gegenwärtige und zukünftige Generation der Lebensmitteleinkäufer als auch für die Ernährungsexperten Aspekte der Natürlichkeit als wichtige Orientierungshilfe dienen. Bereits Jugendliche scheinen über diese Intuition zu verfügen, wenngleich sie von zusätzlichen Schulungsangeboten profitieren würden. Da ein besseres Wissen über Lebensmittel unmittelbar mit gesünderen Konsumentscheidungen assoziiert ist, wäre dies bestimmt eine nachhaltige Investition.

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verfasst von am 29. März 2022 um 08:16

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