Freispruch für Gluten

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 8. Juli 2021

Laut einer aktuell in der Fachzeitschrift JAMA Network Open publizierten Studie besteht kein Zusammenhang zwischen dem Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel und der kognitiven Leistungsfähigkeit von Frauen ohne Glutenunverträglichkeit.

Glutenfreie Produkte erfreuen sich großer Beliebtheit. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Nielsen aus dem Jahr 2020 achten vier Prozent der Deutschen auf eine glutenfreie Ernährung. „Wir beobachten, dass glutenfreie Lebensmittel in vielen Produktbereichen bei den Verbrauchern immer beliebter werden. Besonders in den vergangenen drei Jahren ist ein klarer Trend zu erkennen“, informiert Nielsen. So sei der Umsatz mit glutenfreien Backwaren von 2017 auf 2019 um 11 Prozent (+11 Millionen Euro) gestiegen. Beim zweitgrößten Marktsegment, den Süßwaren, wurde sogar ein Umsatzplus von 88 Prozent (+39 Millionen Euro) verzeichnet.

Im vergangenen Jahr gaben 1,92 Millionen Menschen in Deutschland an, innerhalb der letzten zwei Wochen glutenfreie Lebensmittel gekauft zu haben. Dies entspricht einem Anteil von 2,7 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren. Tatsächlich sind in Deutschland allerdings nur 800.000 Menschen (ca. 1 Prozent der Bevölkerung) von einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) betroffen. Aber auch Menschen mit Gluten-/Weizensensitivität oder einer Weizenallergie wird die Verwendung glutenfreier Produkte empfohlen.

Allerdings erklärt dies nicht die große Nachfrage nach glutenfreien Lebensmitteln in der Allgemeinbevölkerung. Hier scheinen andere Dinge den Trend zu befeuern. In den Medien wird Gluten für verschiedenste Gesundheitsprobleme verantwortlich gemacht. Es steht im Verruf, dick und müde zu machen, Ursache für Angstzustände und Depressionen zu sein und darüber hinaus die kognitive Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen.

Doch stimmt dies wirklich? In früheren Studien ließ eine einjährige glutenfreie Ernährung bei Menschen mit einer Zöliakie die Darmschleimhaut heilen und führte zu einer geringfügigen Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Allerdings war bislang nicht bekannt, ob dies auch für Menschen ohne Zöliakie gilt.

Hier setzt die Studie von Dr. Yiqing Wang und ihren Kollegen an. Sie haben die Daten von 13.494 Frauen aus der renommierten US-amerikanischen Nurses Health Study analysiert. Die Informationen zur Ernährung der Frauen stammten aus Fragebögen, die die Frauen alle vier Jahre ausfüllten. Für die Auswertung standen Informationen für den Zeitraum 1991 bis 2015 zur Verfügung. In Abhängigkeit von der Höhe ihrer Glutenaufnahme teilten die Forscher die Frauen in vier Gruppen ein.

Die kognitive Funktion der Frauen wurde ab dem Jahr 2014 anhand eines validierten Onlineinstruments (Cogstate Brief Battery) gemessen. Es umfasste die Items psychomotorische Geschwindigkeit, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung sowie die globale Wahrnehmung. Zum Zeitpunkt der kognitiven Tests waren die Frauen im Mittel 60,6 Jahre alt.

Nach Korrektur der Ergebnisse für Unterschiede in demografischen und Lebensstilfaktoren, bestanden keine statistisch bedeutsamen Unterschiede in den standardisierten kognitiven Scores der Probandinnen mit der höchsten gegenüber der niedrigsten Glutenzufuhr. Weitere Modellberechnungen berücksichtigten zusätzlich unter anderem den Verzehr von Vollkornprodukten und den genauen Glutenverzehr (anstelle der vier Gruppen). Dennoch wurden keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen der Glutenaufnahme und der kognitiven Leistungsfähigkeit der Probanden festgestellt.

Die Wissenschaftler folgern aus ihren Studienergebnissen, dass die langfristige Glutenaufnahme von Frauen im mittleren Alter ohne Zöliakie nicht mit der gemessenen kognitiven Leistungsfähigkeit assoziiert ist. „Unsere Ergebnisse unterstützen nicht Empfehlungen zur Einschränkung von Gluten in der Nahrung“, schreiben sie weiter. In zukünftigen Studien sollen die kognitive Funktion wiederholt über einen längeren Zeitraum gemessen und weitere Bevölkerungsgruppen untersucht werden.

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verfasst von am 8. Juli 2021 um 08:03

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