Hafertage bei Typ-2-Diabetes: Eine sinnvolle Ergänzung der Diabetestherapie oder nur Hokuspokus?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Mittwoch, 23. März 2022

Die Meinungen zum Einsatz von Hafertagen in der Diabetestherapie sind durchaus kontrovers, nicht zuletzt wegen der dünnen Studienlage. Zwar ist unbestritten, dass die Haferdiät den Zuckerstoffwechsel von Menschen mit Diabetes günstig beeinflusst. Doch gelingt dies durch den besonders hohen Gehalt an Beta-Glucan in Hafer – oder durch die erzielte Gewichtsreduktion?

Hafertage sind keine neue Erfindung oder Modeerscheinung. Ganz im Gegenteil: Bereits vor über 100 Jahren hat ein deutscher Internist namens Carl von Noorden die „Haferdiätkur“ zur Therapie seiner Patienten mit Diabetes entwickelt. Wie der Name schon verrät, wird bei dieser speziellen Diät überwiegend Hafer in Form von Haferflocken (oder Haferkleie) verzehrt. Diese werden mit Wasser oder Brühe zubereitet. Zur Aromatisierung sind geringe Mengen an Obst oder Gemüse sowie Kräuter und Gewürze erlaubt.

Auch wenn die Studienlage zum Effekt von Hafertagen nach wie vor dürftig ist, gibt es mittlerweile doch einige Studien, in denen die Wirkung von Hafer auf den Stoffwechsel allgemein und bei Menschen mit Diabetes erforscht wurde. Zu den günstigen Wirkungen von Hafer zählen

  • seine langanhaltende, gute Sättigung,
  • die Senkung des Blutzuckerspiegels nüchtern und nach dem Essen,
  • die Verbesserung der Insulinwirkung,
  • die Verringerung des Insulinbedarfs beziehungsweise des Bedarfs an Diabetesmedikamenten bei Menschen mit Diabetes,
  • der Abbau von Leberfett sowie
  • die Reduktion des Cholesterinspiegels.

Diese Wirkungen werden überwiegend auf den Ballaststoff Beta-Glucan zurückgeführt, der besonders reichlich in Hafer und den daraus hergestellten Produkten vorkommt. Beta-Glucan verlangsamt nicht nur die Kohlenhydrataufnahme aus der Nahrung und sättigt. Darüber hinaus fördert der Ballaststoff die Aufnahme von Zucker aus dem Blut in die Muskel- und Fettzellen. Hierdurch steigt die Insulinsensitivität und auch der Nüchterninsulinspiegel wird gesenkt. Bereits wenige Hafertage genügen, um den Insulinbedarf deutlich zu reduzieren. In einer allerdings recht kleinen Studie ist von einem Rückgang des Insulinbedarfs um etwa 40 Prozent die Rede. Interessanterweise blieb dieser Effekt über einen etwa vierwöchigen Zeitraum nach Beendigung der Haferkur bestehen.

Kritiker führen ins Feld, dass die beobachteten positiven Effekte von Haferkuren vor allem auf die niedrigkalorische Ernährung und den damit einhergehenden Gewichtsverlust zurückzuführen sind. Fest steht: Hafertage sind nicht als dauerhafte Ernährungsform gedacht. Sie können allerdings als Einstieg zu einer gesünderen Ernährungsweise gewählt werden. Und der unmittelbar erlebbare positive Effekt auf die Gesundheit motiviert für weitere Lebensstiländerungen.

Bei einer klassischen Haferkur werden über den Tag verteilt drei Hafermahlzeiten mit jeweils 75 g Haferflocken oder Haferkleie verzehrt. Die Hafermahlzeiten werden mit Wasser, also ohne Eiweiß oder Fett zubereitet. Zur geschmacklichen Abwechslung können pro Tag maximal 50 Gramm Obst und 100 Gramm Gemüse unter den fertigen Haferbrei gegeben werden. Zwischenmahlzeiten sind bei der Haferkur nicht vorgesehen, es sollten aber mindestens 2 Liter kalorienfreie Getränke getrunken werden.

Die Anwendungsprotokolle von Hafertagen können je nach den eigenen Vorlieben und Zielen variieren:

  • klassische Haferkur: regelmäßige, zwei- bis dreitägige Haferkur alle vier bis acht Wochen,
  • intermittierende Kur: jeweils zwei Hafertage pro Woche über einen Zeitraum von vier bis acht Wochen,
  • Langzeitkur: sechs Hafermahlzeiten oder ein Hafertag pro Woche oder
  • häufiger Konsum von Haferprodukten im Rahmen der üblichen Ernährung.

ACHTUNG: Wenn Sie an Diabetes erkrankt sind und planen, klassische Hafertage oder abgewandelte Haferkuren auszuprobieren, sollten Sie dies im Vorfeld unbedingt mit ihrem Hausarzt oder Diabetologen absprechen. Bedingt durch den geringeren Blutzuckerspiegel und die bessere Insulinwirkung können bereits nach kurzer Zeit Anpassungen der Insulinmenge und/oder Medikamentendosis notwendig sein, um Unterzuckerungen zu vermeiden.

Quellen einblenden

 

verfasst von am 23. März 2022 um 09:55

Was ist das?

DEBInet-Ernährungsblog - über uns

Unsere Autoren schreiben für Sie über Aktuelles und Wissenswertes aus Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin. Die redaktionell aufbereiteten Texte richten sich nicht nur an Experten, sondern an alle, die sich für das Thema "Ernährung" interessieren.

Sie können sich die Beiträge per Newsletter zuschicken lassen oder diese über RSS-Feed oder Twitter abonnieren.

Für die Schriftenreihe der Gesellschaft für Rehabilitation bei Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (GRVS) wurden 222 unserer Blog-Artikel ausgewählt. Das dabei entstandene Ernährungs-Lesebuch ist 2017 im Pabst Science Publishers Verlag erschienen und steht Ihnen hier kostenlos zum Download zur Verfügung

Der "DEBInet-Ernährungsblog"
ist ein Projekt der


© 2010-2022 Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

- noch keine Kommentare -

Kommentar abgeben