Hochverarbeitete Lebensmittel im Kindesalter fördern Adipositas

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 16. September 2021

Je mehr hochverarbeitete Lebensmittel Kinder essen, desto stärker nehmen Risikoparameter für eine Adipositas bis zum jungen Erwachsenenalter zu. So lautet das Ergebnis einer großen britischen Kohortenstudie, in der Kinder und junge Erwachsene über einen Zeitraum von durchschnittlich 10 Jahren beobachtet wurden.

Hochverarbeitete Lebensmittel (ultraprocessed foods) werden definiert als „industrielle Formulierungen von Zutaten, die einer Reihe von physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen unterzogen werden.“ Zu dieser Gruppe zählen beispielsweise Fertiggerichte, Frühstückscerealien, industriell verpacktes Brot mit Zusatzstoffen, Soft Drinks und Eiscreme. Im Gegensatz zu weniger stark verarbeiteten Lebensmitteln fehlen hochverarbeiteten Produkten typischerweise intakte gesunde Lebensmittelkomponenten. Dafür enthalten sie häufig verschiedene Zusatzstoffe. Sie sind tendenziell energiereicher und haben eine schlechtere ernährungsphysiologische Qualität (beispielsweise enthalten sie viel freien Zucker, Salz und gesättigte Fette, aber wenig Eiweiß, Ballaststoffe und Mikronährstoffe) als Lebensmittel mit geringerem Verarbeitungsgrad. Zu den Vorzügen hochverarbeiteter Lebensmittel zählen dagegen ihr günstiger Preis, der gute Geschmack, die einfache Handhabung und die hohe Haltbarkeit. Produkte dieser Kategorie werden von der Lebensmittelindustrie aggressiv vermarktet, um den Kauf zu fördern und Ernährungspräferenzen zu formen. Kinder sind mittlerweile die Hauptkonsumenten von hochverarbeiteten Lebensmitteln und damit eine wichtige Zielgruppe für das Marketing.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Erwachsene mit einem hohen Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln ein höheres Risiko für Adipositas (Fettleibigkeit), verschiedene chronische Erkrankungen und einen vorzeitigen Tod haben. Allerdings fehlten bislang Erkenntnisse über die Folgen des Verzehrs von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der Kindheit.

Unter Verwendung von Daten der „Avon Longitudinal Study of Parents and Children“ (ALSPAC) untersuchten Dr. Kiara Chang und ihre Kollegen den Zusammenhang zwischen dem Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel in der Kindheit und verschiedenen Adipositasparametern. Für die Studie werteten sie Daten von 9.025 Heranwachsenden im Alter von 7 bis 24 Jahren aus. Im Alter von 7 Jahren führten die Eltern und mit 10 und 13 Jahren die Kinder selbst ein 3-Tage-Ernährungstagebuch. Dabei sollten jeweils alle verzehrten Speisen und Getränke an 2 Wochentagen und einem Wochenendtag protokolliert werden. Die Wissenschaftler teilten die verzehrten Lebensmittel in vier Gruppen ein:

  • Nicht oder kaum verarbeitete Lebensmittel wie Gemüse, Früchte, Milch, Fleisch, Hülsenfrüchte,
  • verarbeitete kulinarische Zutaten, die für die Zubereitung, das Kochen und Würzen von Lebensmitteln der ersten Gruppe verwendet werden, zum Beispiel Speisesalz, Zucker, Pflanzenöle und Butter,
  • verarbeitete Lebensmittel, die entstehen, wenn nicht verarbeitete Lebensmittel unter Zugabe von kulinarischen Zutaten zubereitet werden (beispielsweise Dosengemüse in Salzlake, Dosenfisch, frisch zubereitetes Brot und Käse) sowie
  • hochverarbeitete Lebensmittel.

Chang und ihre Kollegen ermittelten die Menge an Lebensmitteln/Getränken jeder Kategorie, die die Probanden verzehrt hatten, und berechneten daraus den Anteil hochverarbeiteter Produkte am Gesamtgewicht aller aufgenommenen Lebensmittel/Getränke. Basierend auf dem Anteil der hochverarbeiteten Lebensmittel wurden die Probanden in fünf Gruppen eingeteilt. Da die meisten Probanden, von denen mehrere Ernährungsprotokolle verfügbar waren, über die Zeit in derselben Gruppe blieben, entschieden die Forscher, lediglich die Daten der Ersterhebung für die Auswertung zu verwenden.

Alle Probanden im Alter von 7 bis 17 Jahren wurden regelmäßig (meist jährlich) zu einer körperlichen Untersuchung eingeladen, eine weitere Untersuchung fand mit 24 Jahren statt. Per DEXA wurden Fett- und Magermasse der Probanden bestimmt. Als Adipositasparameter berechneten die Wissenschaftler unter anderem den Body Mass Index aus Körpergröße und -gewicht, ferner Indizes aus Körperfettmasse (fat mass index, FMI) und Magermasse (lean mass index, LMI) bezogen auf die Körpergröße sowie den Körperfettanteil. Alle Parameter wurden mehrfach im Studienverlauf gemessen. So lagen pro Proband im Mittel 6-7 Angaben zu BMI und Gewicht vor, 5-6 Angaben zum Taillenumfang sowie 3-4 Angaben zur Fett- und Magermasse sowie FMI und LMI.

Bei der ersten Ernährungsbefragung verzehrten die Probanden der Gruppe 1 mit dem geringsten Anteil an hochverarbeiteten Lebensmitteln durchschnittlich 23,2 Prozent hoch verarbeitete Lebensmittel, gefolgt von Probanden der Gruppe 2 (34,7 Prozent), Gruppe 3 (43,4 Prozent) und Gruppe 4 (52,7 Prozent). In der Gruppe mit dem höchsten Verzehr (Gruppe 5) zählten zwei Drittel aller verzehrten Lebensmittel und Getränke zur Gruppe der hochverarbeiteten Lebensmittel. Besonders beliebt waren in dieser Gruppe fruchtbasierte Getränke, gefolgt von kohlensäurehaltigen Getränken, Fertiggerichten sowie industriell verarbeiteten Broten und Brötchen.

Alle Gruppen unterschieden sich nicht im Hinblick auf ihre Geschlechtsverteilung, den Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund und das Geburtsgewicht. Allerdings waren Unterschiede bezüglich des sozioökonomischen Status der Mutter erkennbar.

In verschiedenen statistischen Modellen wurden die Ergebnisse für Störgrößen wie Gruppenunterschiede im Geschlechtsverhältnis, ethnische Zugehörigkeit, körperliche Aktivität, Deprivation, Bildung der Mutter und sozioökonomischer Status korrigiert. Im Ergebnis zeigte sich, dass die BMI-Wachstumskurve der Probanden mit dem höchsten versus niedrigstem Konsum an hochprozessierten Lebensmitteln pro Jahr um 0,06 erhöht war. Die FMI-Wachstumskurve der Gruppe 5 war um 0,03/Jahr, die Gewichtskurve um 0,2 Kilogramm/Jahr und die Wachstumskurve des Taillenumfangs um 0,17 Zentimeter erhöht im Vergleich zur Gruppe 1 mit dem niedrigsten Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel. Außerdem wurde ein konsistenter Zusammenhang zwischen der Aufnahme an hochverarbeiteten Lebensmitteln und dem BMI, Gewicht sowie Taillenumfang der Probanden festgestellt (Dosis-Wirkungs-Zusammenhang).

Über die Zeit summierten sich diese vermeintlich geringen Unterschiede auf. So hatten die Probanden mit dem höchsten Konsum an hochverarbeiteten Lebensmitteln in der Kindheit im Alter von 24 Jahren einen um durchschnittlich 1.18 Einheiten erhöhten BMI, einen um 0,78 Einheiten höheren FMI und einen um 1,53 Prozent höheren Körperfettanteil als die Probanden aus der Gruppe mit dem niedrigsten Konsum an hochverarbeiteten Lebensmitteln.

Die Wissenschaftler folgern aus ihrer Studie, dass ein höherer Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der Kindheit mit einer schnelleren Progression von BMI, FMI, Gewicht und Taillenumfang bis in die Jugend und das frühe Erwachsenenalter verbunden ist. Zur Prävention von Adipositas von Kindesbeinen an fordern sie die Einführung radikalerer und wirksamerer Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Diese könnten beispielsweise die Regulation des an Kinder gerichteten Marketings sowie Interventionen zur Reduktion des Konsums hochverarbeiteter Lebensmittel umfassen.

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verfasst von am 16. September 2021 um 08:14

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