Koffein als Migräne-Trigger: Die Dosis macht’s…

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 14. November 2019

Sollten Migränepatienten besser auf koffeinhaltige Getränke verzichten, um keine erneute Migräneattacke zu risikieren? Laut einer aktuellen Studie steigt das Risiko für Migräneanfälle erst ab dem dritten koffeinhaltigen Getränk pro Tag, wie Wissenschaftler im American Journal of Medicine berichten.

Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. zählt Migräne zu den häufigsten Kopfschmerzerkrankungen in Deutschland. Insgesamt sind ca. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung von Migräne betroffen. Meist verläuft Migräne episodisch mit wiederholten Attacken, die vielleicht mehrfach im Monat, jedoch meist nicht mehrfach pro Woche auftreten. Fragt man Menschen, die an Migräne erkrankt sind, welche Faktoren ihre Kopfschmerz-Attacken auslösen können (sogenannte Migräne-Trigger), werden häufig Wetterumschwünge, Stress, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen, Medikamente, bestimmte Lebensmittel, Alkohol, aber auch koffeinhaltige Getränke wie Kaffee aufgezählt. Bislang wurde der Effekt dieser vermuteten Migräne-Trigger allerdings kaum in Humanstudien überprüft.

„Während einige potenzielle Trigger – wie Schlafmangel – möglicherweise nur das Migränerisiko erhöhen, ist die Rolle des Koffeins besonders komplex, da es eine Attacke auslösen kann, aber auch die Kontrolle der Symptome unterstützt“, erläutert Dr. Elizabeth Mostofsky vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston. „Die Wirkung von Koffein hängt sowohl von der Dosis als auch von der Häufigkeit des Verzehrs ab. Da es jedoch nur wenige prospektive Studien zum unmittelbaren Risiko von Migränekopfschmerzen durch die Einnahme koffeinhaltiger Getränke gibt, gibt es kaum Belege, um Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Migräne zu formulieren.“

Dr. Mostofsky und ihre Kollegen haben daher in einer prospektiven Kohortenstudie untersucht, ob der Konsum koffeinhaltiger Getränke mit Migräneattacken am selben und dem darauffolgenden Tag zusammenhängt. An der Studie nahmen 98 Probanden mit episodischer Migräne teil. Die Probanden waren im Mittel 35 Jahren alt und überwiegend Frauen (88 Prozent). Alle Teilnehmer führten mindestens sechs Wochen morgens und abends ein Onlinetagebuch, in das sie alle aufgetretenen Migräneanfälle, deren Dauer, Intensität und eingenommenen Migränemedikamente eintrugen. Außerdem dokumentierten sie ihren Konsum koffeinhaltiger Getränke (Kaffee, Tee, Limonade, Energy Drinks), und machten Angaben zu weiteren bekannten Migränetriggern, darunter der Einnahme von Medikamenten, dem Konsum alkoholischer Getränke, körperlicher Aktivität, depressiver Symptome, psychischem Stress, Schlafmuster und ggf. Menstruationszyklus.

Um den Zusammenhang zwischen der Koffeinaufnahme und dem Auftreten von Migräneattacken zu analysieren verglichen die Wissenschaftler für jeden Probanden das Risiko für Migräneattacken an Tagen mit und ohne Koffeinkonsum getrennt für Wochentage und das Wochenende. Da jeder Proband bei dieser Prozedur als seine eigene Kontrolle fungierte, konnten Alter, Geschlecht und andere demographische, verhaltens- und umweltbezogene Faktoren als Störgrößen ausgeschlossen werden.

Insgesamt berichteten die Probanden von 825 Migräneanfällen während 4.476 Beobachtungstagen. Jeder Proband hatte im Mittel 8,4 Tage mit Migräne im untersuchten Zeitraum. Die Wissenschaftler fanden einen statistisch bedeutsamen, nicht-linearen Zusammenhang zwischen dem Koffeinkonsum und Migräneattacken am selben Tag. Das Risiko für eine Migräneattacke stieg, wenn täglich mindestens drei Portionen (Tassen/Gläser) koffeinhaltiger Getränke getrunken wurden, geringere Mengen wurden dagegen meist ohne Migräneanfall toleriert. Bei drei koffeinhaltigen Getränken pro Tag war das Chancenverhältnis für eine Migräneattacke bereits 1,4-fach erhöht, bei fünf Portionen sogar 2,6-fach. Allerdings war in diesem Zusammenhang auch von Bedeutung, ob die Probanden den Konsum koffeinhaltiger Getränke gewöhnt waren. Wenn Migräne-Patienten normalerweise keine koffeinhaltigen Getränke zu sich nahmen, konnte bereits eine Tasse Kaffee einen Migräneanfall auslösen. Hier fehlte jedoch eine Angabe darüber, weshalb die Probanden üblicherweise auf koffeinhaltige Getränke verzichten. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Personengruppe, die Koffein besonders schlecht verträgt und daher lieber meidet. Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, hatten ein geringeres Risiko für Migräneanfälle.

Welche Dosis an Koffein Migräneattacken begünstigt, konnte in der Studie nicht ermittelt werden. „Eine Portion Koffein ist in der Regel definiert als 8 Unzen [227 Milliliter] oder eine Tasse koffeinhaltiger Kaffee, 6 Unzen [170 Milliliter] Tee, eine 12-Unzen-Dose [340 Milliliter] Limonade oder eine 2-Unzen-Dose [57 Milliliter] Energy-Drink“, erläutert Dr. Mostofsky. „Diese Portionen enthalten 25 bis 150 Milligramm Koffein, daher können wir die Menge an Koffein, die mit einem erhöhten Migräne-Risiko verbunden ist, nicht quantifizieren.“ Koffein, dessen chemische Struktur der des Schmerzregulators Adenosin ähnelt, besetzt im Organismus dieselben Rezeptoren, aktiviert sie aber nicht. Dies führt zu einer kompetitiven Hemmung des Rezeptors, was eigentlich einen schmerzhemmenden Effekt haben müsste. Ein täglicher Kaffeekonsum von mehr als zwei Tassen über mehr als fünf Tage führte in einer Studie allerdings zu einer Hochregulierung der Adenosinrezeptordichte, wodurch die extrazelluläre Adenosinkonzentration ansteigt.

„Trotz der hohen Prävalenz von Migräne und der oft quälenden Symptome ist eine wirksame Migräneprävention für viele Patienten schwer zu erreichen“, berichtet Seniorautorin Dr. Suzanne M. Bertisch von der Havard Medical School in Boston. „Diese Studie war eine neuartige Gelegenheit, die kurzfristigen Auswirkungen der täglichen Einnahme von koffeinhaltigen Getränken auf das Risiko von Migränekopfschmerzen zu untersuchen. Obwohl einige Patienten mit episodischer Migräne der Meinung sind, Koffein vermeiden zu müssen, stellten wir interessanterweise fest, dass das Trinken von ein bis zwei Portionen pro Tag nicht mit einem höheren Risiko für Kopfschmerzen verbunden war. Es sind weitere Arbeiten erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen, aber dies ist ein wichtiger erster Schritt.“

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verfasst von am 14. November 2019 um 09:37

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