Mythos Sport zur Gewichtsabnahme?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 28. Dezember 2021

Wer abnehmen möchte, sollte deutlich mehr Energie verbrauchen als er mit der Nahrung zu sich nimmt. So lautet die gängige Empfehlung. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie lassen an der Richtigkeit dieses Ratschlags zweifeln und können zudem erklären, weshalb es insbesondere stark übergewichtigen Menschen schwerfällt, durch körperliche Aktivität abzunehmen.

Laut der gängigen Theorie erhöht Sport den Energieverbrauch. Bei der Bestimmung des Gesamtenergieumsatzes wird die durch körperliche Aktivität zusätzlich verbrannte Energie daher zum Ruheumsatz, also der Energie, die der Körper zur Erhaltung aller Lebensfunktionen benötigt, hinzugezählt. Doch ist diese Rechnung tatsächlich richtig?

Wissenschaftler um Prof. John R. Speakman vom Zentrum für Energiestoffwechsel und Reproduktion an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shenzhen haben in einer Studie mit 1754 Teilnehmern untersucht, wie sich der Gesamtenergieumsatz durch vermehrte körperliche Aktivität verändert. Hierzu gibt es in Fachkreisen unterschiedliche Hypothesen. Eine davon besagt, dass Sport auch den Ruheumsatz erhöht, weil zum Beispiel zusätzliche Muskeln auch in Ruhe mehr Energie benötigen. Anderen Hypothesen zufolge hat Sport keinen Einfluss auf den Ruheumsatz oder führt womöglich sogar zu einer Verminderung des Ruheumsatzes.

Das Ergebnisse der Studie werden manchen überraschen. Denn die beim Sport zusätzlich verbrannte Energie erhöhte den Gesamtenergieumsatz nicht in vollem Umfang. „Im Schnitt manifestieren sich bei einem typischen Menschen nur 72 Prozent der Extrakalorien, die wir durch vermehrte Bewegung verbrauchen, auch im gesamten Energieverbrauch an diesem Tag“, berichten die Wissenschaftler in ihrem Artikel, der in der Zeitschrift Current Biology erschienen ist. Die restlichen 28 Prozent der zusätzlich verbrauchten Kalorien tauchen dagegen in der Tagesbilanz nicht mehr auf.

Eine mögliche Erklärung für diese Unstimmigkeit offenbarten die Messungen des Ruheumsatzes der Studienteilnehmer. Die Wissenschaftler stellten fest, dass viele Teilnehmer durch das erhöhte Sportpensum zwar mehr Energie verbrannten, parallel dazu sank aber auch ihr Ruheumsatz. Demnach kompensiert der Körper den zusätzlichen Energiebedarf für die Bewegung, indem er den Ruheumsatz drosselt.

Besonders ungerecht erscheint in diesem Zusammenhang, dass die Kompensation bei Menschen mit starkem Übergewicht am stärksten ausgeprägt ist. Bei Menschen mit Adipositas (Fettleibigkeit) verpufften dadurch die Hälfte der durch Sport verbrauchten Kalorien. Bei den Probanden mit dem niedrigsten Body Mass Index (BMI) waren es hingegen lediglich 30 Prozent.

„Es scheint, dass der Stoffwechsel von Menschen mit mehr Körperfett entweder von vornherein den Zusatzverbrauch stärker kompensiert, oder aber, dass diese Kompensation stärker wird, je mehr jemand zunimmt“, formulieren die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Sollte die erste Vermutung zutreffen, könnte dies erklären, weshalb manche Menschen trotz Erhöhung ihrer körperlichen Aktivität nicht abnehmen. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Gewichtszunahme kommen. „Der Körper von Menschen mit Adipositas ist offenbar besonders effektiv darin, die Fettreserven festzuhalten“, hält Koautor Prof. John Speakman vom Shenzhen Institut für Technologie (SIAT) fest. „Bei einigen Unglücklichen kann das sogar dazu führen, dass sie bei vermehrtem Sport zunehmen statt abzunehmen.“

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verfasst von am 28. Dezember 2021 um 08:05

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