Neue, einheitliche Regeln zur Anwendung von Fluorid zur Kariesprophylaxe

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 15. Juni 2021

Nach langen Jahren der Uneinigkeit haben sich Kinder- und Zahnärzte erstmals auf gemeinsame Empfehlungen zur Kariesprävention im Säuglings- und frühen Kindesalter verständigt. Koordiniert wurde dieser Prozess durch das Netzwerk “Gesund ins Leben”.

Erfreulicherweise ist die Verbreitung von Karies in Deutschland rückläufig. Allerdings betrifft dieser Trend mehr die bleibenden Zähne. Bei Kindern mit Milchgebiss ist er weniger stark ausgeprägt. Laut einer für Deutschland repräsentativen Studie hat jedes siebte bis achte Kind bereits im Alter von drei Jahren Karies. Von den Sechsjährigen sind mehr als die Hälfte betroffen. “Kariöse Milchzähne können Schmerzen verursachen, beim Essen Schwierigkeiten machen und so die körperliche Entwicklung des Kindes verlangsamen. Insbesondere die Behandlung kleinerer Kinder kann mit Belastungen für die Familie verbunden sein“, legt Zahnarzt Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) dar.

Um der Entstehung von Karies zuvorzukommen, sollte möglichst früh mit der Kariesprophylaxe begonnen werden. Dafür spricht auch, dass das Kariesrisiko der bleibenden Zähne geringer ist, wenn die Milchzähne kariesfrei waren. Dies mag auch mit der Einübung von zahngesunden Verhaltensweisen zusammenhängen, wie Kinder- und Jugendarzt Dr. Burkhard Lawrenz erläutert: “Wenn Präventionsmaßnahmen schon im frühen Kleinkindalter zur Gewohnheit werden und im Alltag verankert sind, bleiben sie im späteren Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter als Routinen etabliert.“

Zu den Kernpunkten der Kariesprophylaxe zählt neben der Begrenzung des Naschens von Süßigkeiten und Trinkens süßer zuckerhaltiger Getränke sowie der regelmäßigen Zahnreinigung auch die Anwendung von Fluorid. Strittig war bislang, ob zur Unterstützung der Fluoridaufnahme zusätzlich Fluoridtabletten notwendig sind. Hierfür sprachen sich viele Kinderärzte aus. Die Zahnärzte waren dagegen der Ansicht, dass das Putzen der Zähne mit fluoridhaltiger Zahnpasta genügt. Nun haben sich beide Parteien geeinigt und gemeinsame Empfehlungen erarbeitet. Wichtig waren hierbei die Berücksichtigung wissenschaftlicher Studien zu Nutzen und Risiken der verschiedenen Fluoridanwendungen, Überlegungen, wie besonders von Karies betroffene Gruppen erreicht werden können, und Umsetzungsmöglichkeiten in den gegebenen Strukturen der Gesundheitsvorsorge in Deutschland.

Die neuen Handlungsempfehlungen sehen vor, dass bereits ab der Geburt täglich Fluorid in Kombination mit Vitamin D in Tablettenform supplementiert werden sollte. Bei Bedarf kann die Tablette in ein paar Tröpfchen Wasser aufgelöst werden. Ab dem Durchbruch des ersten Zahns sollte das Kind vorsichtig an das Zähneputzen herangeführt werden. “Um Zahnpflege zur Gewohnheit zu machen, ist es wichtig, das Kind behutsam und spielerisch an die Zahnbürste und das Zähneputzen heranzuführen und zu gewöhnen“, erläutert Lawrenz. “Dabei soll das natürliche Bedürfnis des Säuglings genutzt werden, Gegenstände mit dem Mund zu erkunden. Keinesfalls darf gegen den Widerstand des Kindes geputzt werden!“ Ein Lied, ein lustiger Reim oder eine Geschichte könnten Eltern dabei helfen.

Ab dem ersten Zahndurchbruch bis zum ersten Geburtstag des Kindes haben Eltern die Wahl: Entweder sie geben ihrem Kind weiterhin die Vitamin-D-Fluorid-Tablette und putzen die Zähne ihres Kindes ohne Zahnpasta oder mit einer geringen Menge Zahnpasta ohne Fluorid. Alternativ können sie sich für das Zähneputzen mit einer reiskorngroßen Menge Zahnpasta mit 1.000 ppm (parts per million) Fluorid bis zu zweimal täglich entscheiden. In diesem Fall sollten sie ihrem Kind allerdings eine Vitamin-D-Tablette ohne Fluorid geben. Das Vorgehen wird im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung mit dem Kinderarzt besprochen (häufig U5 im Alter von ca. sechs Monaten) und auch der Zahnarzt kann im Rahmen der ersten zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchung (ab dem sechsten Lebensmonat möglich) beraten.

Ab dem ersten Geburtstag gilt für alle Kinder die Empfehlung, dass Eltern die Zähne zweimal pro Tag mit einer reiskorngroßen Menge Zahnpasta mit Fluorid putzen sollten. Dabei sollten Eltern die Zahnpastamenge genau dosieren: „Die empfohlene Zahnpastamenge darf nicht überschritten werden, um eine zu hohe Fluoridaufnahme zu vermeiden. Denn Säuglinge und Kleinkinder können Zahnpasta noch nicht ausspucken“, erklärt Lawrenz. Bei der Auswahl der Zahnpasta empfehlen die Experten, Tuben mit kleinerer Öffnung und Zahnpasta mit neutraler Farbe und neutralem Geschmack auszuwählen.

Ab zwei Jahren aufwärts raten die Fachgesellschaften dazu, die Zähne zweimal täglich zuhause mit einer erbsengroßen Zahnpastamenge zu putzen. Mitunter kommt ein drittes Zähneputzen im Kindergarten / in der Kita hinzu. Das Kind lernt nun, sich selbst die Zähne zu putzen. Die Eltern sollten die Zähne aber bis ins Schulalter hinein nachputzen

Bei der Vorstellung der neuen Empfehlungen zeigte sich Maria Flothkötter, Leiterin des Netzwerks „Gesund ins Leben“, sehr erfreut über die Formulierung einheitlicher Handlungsempfehlungen: “Das ist ein Meilenstein für die frühkindliche Gesundheitsprävention und hilft allen sehr dabei, die Maßnahmen zur Kariesprävention im individuellen Alltag von Familien mit Babys und kleineren Kindern besser zu verankern. Kinder- und Jugendärzt*innen, Zahnärzt*innen, die Fachkräfte der Gruppenprophylaxe, Hebammen und alle, die junge Familien beraten, sprechen gleiche Empfehlungen aus und ihre Beratungen ergänzen sich.“ Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ergänzte: “Ich bin stolz, dass es unserem Netzwerk Gesund ins Leben gelungen ist, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und eine gemeinsame Empfehlung auszusprechen, mit der die verschiedenen Fachkräfte Hand in Hand arbeiten und nun auch mit einer Stimme sprechen.“

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verfasst von am 15. Juni 2021 um 08:12

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