Risiko für Gewichtszunahme ist bei jungen Erwachsenen besonders hoch

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Durch die Analyse eines riesigen Datensatzes erhielten Wissenschaftler nicht nur Erkenntnisse über Bevölkerungsgruppen mit besonders hohem Risiko für eine Gewichtszunahme. Sie entwickelten außerdem einen Risikorechner, mit dem jeder selbst sein Risiko ermitteln kann, in den kommenden Jahren in die nächsthöhere BMI-Kategorie „zu rutschen“.

Übergewicht birgt ohne Zweifel die Gefahr, an vielen weiteren Krankheiten zu erkranken. Von Herzinfarkt über Krebs bis zu Diabetes und Demenz: Die Liste der Erkrankungen, die durch Übergewicht begünstigt werden, ist lang. Dennoch ist in Deutschland bereits mehr als jeder Zweite übergewichtig. Zu den bekannten Risikofaktoren für Übergewicht zählen männliches Geschlecht, soziale Benachteiligung oder die ethnische Zugehörigkeit.

Das Ziel des Forscherteams um Prof. Claudia Langenberg, Leiterin der Abteilung ‚Computational Medicine‘ am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), und ihrem Kollegen Prof. Harry Hemingway von der Hochschule London bestand darin, Bevölkerungsgruppen mit einem besonders hohen Risiko für eine Gewichtszunahme zu identifizieren. Für diese Gruppen wären die Entwicklung gezielter Präventions- und Interventionsprogramme besonders vielversprechend. „Um bestehende Programme effektiv durchzuführen, muss man wissen, welche Bevölkerungsgruppen besonders von Gewichtszunahme betroffen sind, um in diesen Gruppen gezielt intervenieren zu können“, erläutert Prof. Langenberg. „Mit unserer Studie wollten wir herausfinden, welche Bevölkerungsgruppe das wäre.“

Die Wissenschaftler näherten sich dem Thema, indem sie den Inhalt von britischen Datenbanken mit gesundheitlichen Informationen analysierten. Diese enthielten Daten von über zwei Millionen Briten aus den Jahren 1998 bis 2016. Aus den Angaben zu Größe und Gewicht der Personen berechneten sie den Body Mass Index (BMI, Körpermasseindex). Dieser diente als Maßstab zur Beurteilung des Gewichts. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht bei einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 von Normalgewicht, ab 25 von Übergewicht und bei Werten von mindestens 30 von starkem Übergewicht (Adipositas).

Zurück zur Studie: „Wir haben uns die Veränderungen des BMI über die Zeiträume von einem, fünf und zehn Jahren in verschiedenen Alterskohorten angeschaut“, berichtet Prof. Hemingway. „Und dabei fiel uns auf, dass insbesondere bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren der BMI stark zunimmt.“ Verglichen mit dem Effekt des Alters waren die anderen, bereits bekannten Risikofaktoren von untergeordneter Bedeutung.

„Unsere Analysen haben gezeigt, dass Männer, die zu Beginn der Datenaufzeichnungen zwischen 18 und 24 Jahre alt waren, nach 10 Jahren ihr Gewicht von durchschnittlich 80,8 Kilogramm auf 90,2 Kilogramm erhöht hatten. Im selben Zeitraum nahmen Männer im Alter von 65 bis 74 Jahren dagegen sogar leicht ab, von 83,9 Kilogramm auf 82,2 Kilogramm“, fasst Prof. Langenberg zusammen. Sie berichtet weiterhin, dass fast zwei von fünf (37 Prozent) ursprünglich normalgewichtigen jungen Erwachsenen innerhalb von 10 Jahren übergewichtig oder sogar adipös werden. Bei den ältesten Erwachsenen galt dies nur für jeden Vierten (24 Prozent).

Das besonders hohe Risiko junger Erwachsener könnte mit deren wechselnden Lebensumständen zusammenhängen, wie Prof. Langenberg erklärt: „In dieser Phase machen Menschen große Veränderungen in ihrem Leben durch. Sie fangen vielleicht an zu arbeiten, gehen zur Universität oder ziehen zum ersten Mal von zu Hause aus. Ungesunde Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, die man sich in diesen Jahren aneignet, können bis ins spätere Erwachsenenalter beibehalten werden. Wenn es uns mit der Prävention von Übergewicht und dessen Folgen ernst ist, dann sollten wir gezielter Maßnahmen entwickeln, die auch für junge Erwachsene relevant sind.“

Ihr Kollege Prof. Hemigway sieht die Politik in der Verantwortung: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es anhand leicht verfügbarer elektronischer Gesundheitsdaten möglich ist, diejenigen zu identifizieren, die das höchste Risiko tragen, an Gewicht zuzunehmen. Und dass es insbesondere junge Erwachsene sind, die an Gewicht zulegen, und gleichzeitig Menschen zwischen 35 und 54 Jahren die größte Wahrscheinlichkeit haben, stark übergewichtig zu bleiben. Das zeigt, wie wichtig ein frühzeitiges Einschreiten ist, und sich Strategien zur Verhinderung von Übergewicht und Adipositas auch gezielt an junge Erwachsene richten und auf sie zugeschnitten werden sollten.“

Aus den Ergebnissen ihrer Studie entwickelten die Wissenschaftler einen allgemein zugänglichen „Übergewichts-Risiko-Rechner„. Nach der Eingabe von Körpergröße, Körpergewicht, Altersklasse, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Einschätzung des Wohnumfelds erfährt jeder Interessierte in Grafiken sein persönliches Ein-, Fünf- und Zehnjahresrisiko, in die nächst höhere BMI-Stufe „zu rutschen“.

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verfasst von am 2. Dezember 2021 um 08:35

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