Alkoholkonsum – (auch) eine Frage des Glases

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 9. August 2016

Das Auge trinkt wohl auch mit: Ein britisches Experiment ergab, dass aus größeren Weingläsern mehr getrunken wird, selbst wenn die darin enthaltene Weinmenge identisch ist.

Was wäre die Gartenparty, das Familienfest oder die Vereinsfeier ohne Alkohol? Alkoholgenuss ist in unserer Gesellschaft nur schwer wegzudenken, trotz der vielen negativen sozialen und gesundheitlichen Konsequenzen insbesondere von hohem Alkoholkonsum. Welche Faktoren den Alkoholkonsum beeinflussen, ist dennoch nicht genau bekannt. Laut einer kürzlich veröffentlichten Übersichtsarbeit der renommierten Cochrane-Gesellschaft beeinflussen die Größe von Geschirr und die Portionsgröße von Mahlzeiten und nichtalkoholischen Getränken die konsumierte Menge. Allerdings wurde in dieser Arbeit kein entsprechender Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum gefunden.

Dies veranlasste Wissenschaftler der Universitäten von Cambridge und Bristol zu einem ungewöhnlichen Experiment. Nachdem sie den Eigentümer eines Restaurants in Cambridge mit angeschlossener Bar von ihrer Idee überzeugt hatten, konnte die 16-wöchige Versuchsphase unter Alltagsbedingungen von Mitte März bis Anfang Juli 2015 starten. Normalerweise werden in Restaurant und Bar Weinportionen von 125 und 175 Millilitern in 300-Milliliter-Weingläsern ausgeschenkt. Für den Versuch wurde das Volumen der Weingläser jeweils im Abstand von zwei Wochen variiert, während die Form der Gläser, das Weinsortiment, die ausgeschenkte Menge und der Preis über den gesamten Untersuchungszeitraum gleich blieben. Zum Einsatz kamen neben den Standardweingläsern mit 300 Milliliter Fassungsvermögen eine Glasserie mit größerem Fassungsvermögen (370 Milliliter) und eine Serie kleinerer Gläser (250 Milliliter).

Die Auswertung des Trinkverhaltens der Gäste zeigte interessante Unterschiede je nach Fassungsvermögen der Weingläser. Wurde der Wein in größeren Gläsern angeboten, so war die Menge des ausgeschenkten Weins im Mittel 9,4 Prozent größer als bei den Standardweingläsern. „Wir fanden heraus, dass eine Erhöhung der Größe der Weingläser dazu führte, dass die Menschen mehr tranken, obwohl die Weinmenge pro Glas beibehalten wurde“, fasst Dr. Rachel Pechey von der Forschergruppe Cambridge ihre Ergebnisse zusammen. „Es ist nicht klar, warum dies der Fall war, aber ein Grund dafür könnte sein, dass größere Gläser unsere Wahrnehmung über die Menge des konsumierten Weins verändern und uns dazu verleiten, schneller zu trinken und mehr zu bestellen.“

Der Anstieg des Weinkonsums war vor allem auf den zunehmenden Konsum im Barbereich zurückzuführen (+ 14,4 Prozent), während die Zunahme des Weinkonsum im Restaurant mit 8,2 Prozent deutlich geringer und nicht statistisch signifikant war. Dieses Phänomen lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass der Wein im Restaurant überwiegend in Flaschen oder Karaffen bestellt wurde, während im Barbereich überwiegend Wein in Gläsern geordert wurde. Daher konnten Restaurantbesucher ihren Weinkonsum trotz variierender Weingläsergrößen besser einschätzen.

Interessanterweise stieg der Weinkonsum zwar bei Verwendung größerer Gläser an, der umgekehrte Effekt, also ein Rückgang des Weinkonsums bei Verwendung von Weingläsern mit geringerem Fassungsvermögen, wurde allerdings nicht beobachtet. Hier bestehe, so die Wissenschaftler, weiterer Forschungsbedarf.

Für den Fall, dass weitere Studien das Ergebnis über den Zusammenhang zwischen dem Fassungsvermögen von Gläsern und dem Alkoholkonsum konkretisieren und bestätigen, wäre es an der Zeit, sich über die Umsetzung der Ergebnisse Gedanken zu machen. Prof. Dr. Theresa Marteau, Studienleiterin und Direktorin des Instituts für Gesundheitsforschung an der Universität von Cambridge, schlägt diesbezüglich vor, Ausschankgenehmigungen für Alkohol mit der Bedingung zu verknüpfen, Wein nur in Weingläsern bis zu einer bestimmten Größe auszuschenken.

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verfasst von am 9. August 2016 um 09:07

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