Alles Bio? Umweltsch√ľtzer warnen vor einer Mogelverpackung

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Mittwoch, 2. Mai 2012

Aldi-T√ľten
© andydolman

Was tun, wenn der Biolebensmittelkauf etwas gr√∂√üer ausf√§llt und kein Einkaufsbeh√§ltnis zur Hand ist? Eine normale Einkaufst√ľte mitzukaufen w√§re in Bezug auf den Umweltschutz nicht konsequent. Die Supermarktketten Aldi und Rewe glaubten die L√∂sung gefunden zu haben: Sie boten zus√§tzlich angeblich 100 Prozent kompostierbare Einkaufstaschen an, die aus biologisch abbaubaren Kunststoffen bestehen. Und ernteten daf√ľr viel Unverst√§ndnis und Kritik.

So wirft die Deutsche Umwelthilfe den beiden Supermarktketten vor, Verbraucher gezielt zu t√§uschen. Denn mit der beworbenen Umweltvertr√§glichkeit der Einkaufstaschen sei es nicht weit her. Die T√ľten seien weder umweltfreundlich noch werden sie in Deutschland kompostiert.

Die mit ihrer angeblichen Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit beworbenen T√ľten bestehen nur zu knapp einem Drittel aus Biokunststoffen. Der hierf√ľr verwendete Rohstoff PLA wird ausschlie√ülich in den USA aus Mais hergestellt. Industrieller Maisanbau hat allerdings eine denkbar schlechte √Ėkobilanz: Beim Anbau werden gro√üe Mengen an Wasser ben√∂tigt, Treibhausgase freigesetzt und B√∂den versauert. Mais f√ľr die Biokunststoffherstellung ist zudem h√§ufig gentechnisch ver√§ndert.

Die restlichen 70 Prozent der „Bio“-Einkaufsbeutel bestehen aus Erd√∂l, ebenso wie herk√∂mmliche T√ľten. Au√üerdem werden Farbstoffe verwendet, deren Zusammensetzung vom Hersteller nicht preisgegeben wird. Der gro√üe Anteil erd√∂lbasierter Bestandteile tr√§gt dazu bei, dass die angeblich umweltfreundlichen Einkaufsbeh√§ltnisse trotz entsprechender Werbung sicher nicht CO2-neutral sind.

Kompost
© normanack

Auch die angeblich vollst√§ndige Kompostierbarkeit der Einkaufst√ľten wird bezweifelt. Umweltsch√ľtzer r√§umen zwar ein, dass sowohl die Aldi- als auch Rewe-T√ľten die deutsche Industrienorm f√ľr Kompostierbarkeit erf√ľllen. Diese geht davon aus, dass 90 Prozent eines Kunststoffes innerhalb von zw√∂lf Wochen kompostiert sein muss. In der Realit√§t sei eine derart lange Verweilzeit allerdings nicht wirtschaftlich, so Herbert Probst vom Verband der Humus- und Erdenwirtschaft: „Wir m√ľssen es eigentlich schaffen, innerhalb von sechs bis acht Wochen Komposte zu produzieren, die marktf√§hig sind und ein gutes Produkt darstellen.“ In vielen Kommunen ist die Entsorgung von Biokunststoffen √ľber die Biotonne deshalb verboten. Plastikmaterial, das dennoch in Kompostieranlagen landet, wird aufwendig heraussortiert und separat verbrannt.

Auch √ľber den eigenen Kompost lassen sich Biot√ľten nicht gut entsorgen, da die Idealtemperatur f√ľr eine schnelle Zersetzung des Plastikmaterials (70¬įC) hier nicht erreicht wird. Aufgrund ihrer gemischten Zusammensetzung lassen sich die sogenannten Biot√ľten im Gegensatz zu den herk√∂mmlichen Varianten auch nicht als Ausgangsmaterial f√ľr neue Kunststoffartikel verwenden.

Frau vor Supermarktregal
© savageblackout

Wie reagieren die Supermarktketten auf die Vorw√ľrfe der Deutschen Umwelthilfe? Rewe hat die Einkaufstaschen vorerst aus dem Sortiment genommen. Der Lebensmitteldiscounter Aldi weist den Vorwurf der vors√§tzlichen T√§uschung seiner Kunden zur√ľck. Schon allein durch die Einsparung petrochemischer Stoffe seien die T√ľten verglichen mit herk√∂mmlichen Einkaufst√ľten umweltfreundlicher. Es wird auf eine Aussage des europ√§ischen BioPlastic-Verbands verwiesen, derzufolge die Tragetaschen in den meisten deutschen Kompostierungsanlagen vollst√§ndig abgebaut werden k√∂nnten. Au√üerdem bef√§nden sich die Produkte noch in Entwicklung.

Inzwischen hat die Deutsche Umwelthilfe eine Beschwerde bei Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner eingereicht und erw√§gt rechtliche Schritte gegen die Supermarktkette. Verbrauchern wird geraten, auf „Bio“-Plastiktragetaschen aus dem Supermarkt zu verzichten. Stattdessen sollten der Umwelt zuliebe Einkaufsbeh√§ltnisse wie Mehrwegtaschen, Kisten oder Einkaufsk√∂rbe von zu Hause mitgebracht werden. Wenn nur Kleinigkeiten zu besorgen sind, empfiehlt es sich au√üerdem, auf das Auto zur Anfahrt zu verzichten.

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verfasst von am 2. Mai 2012 um 06:43

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Ein Kommentar zu “Alles Bio? Umweltsch√ľtzer warnen vor einer Mogelverpackung”

  1. Eine einzige Mogelpackung. Bei sowas kriegt man echt die Wut.
    Rucksack und Stofftaschen mit zum Einkauf nehmen ist das Einzige was da √ľber bleibt!

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