Anorexie: Vielversprechende Entwicklungen bei medikamentöser Begleittherapie

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Donnerstag, 24. April 2014

Zur Unterst√ľtzung der Psychotherapie bei Anorexie (Magersucht) wurden bislang √ľberwiegend Antidepressiva verschrieben. Mit dem k√∂rpereigenen Stoffwechselhormon Oxytocin steht m√∂glicherweise in Zukunft erstmals ein Wirkstoff zur Verf√ľgung, der Wahrnehmungsst√∂rungen bei Anorexie korrigieren k√∂nnte. Die bisherigen Studienergebnisse geben Anlass zur Hoffnung.

Aus fr√ľheren Studien ist bekannt, dass Autisten, die Oxytocin einnehmen, weniger Zwangshandlungen ausf√ľhren und Emotionen besser erkennen k√∂nnen. Auch Patienten mit einer Anorexie neigen zu zwanghaften Verhaltensweisen und K√∂rperschemast√∂rungen. Sie sind h√§ufig sozial isoliert und haben Probleme, die eigenen Gef√ľhle und die von anderen Personen wahrzunehmen und zuzuordnen. Deshalb wird vermutet, dass Oxytocin auch unterst√ľtzend in der Therapie einer Anorexie zum Einsatz kommen k√∂nnte.

Körperschemastörung illustriert an Apfel
© schnappischnap

In einer Pilotstudie untersuchten Wissenschaftler aus Seoul und London gemeinsam, wie Oxytocin die Wahrnehmung von an Anorexie erkrankten Menschen beeinflusst. Die 31 Patienten mit Anorexie und 33 gesunde Probanden wurden gebeten, Bilder von energiereichen und energiearmen Lebensmitteln, dicken und d√ľnnen K√∂rperformen sowie verschieden Gewichtsanzeigen auf K√∂rperwaagen m√∂glichst schnell und genau zu erkennen, nachdem entweder Oxytocin oder ein Placebo ohne Wirkstoff per Nasenspray verabreicht wurde. Wie erwartet reagierten die Anorexie-Patienten w√§hrend der Placebo-Versuchsreihe besonders schnell auf Bilder, die krankheitsbedingt negativ f√ľr sie besetzt waren, beispielsweise fettreiches Essen und dicke K√∂rperteile. Unter dem Einfluss von Oxytocin schw√§chte sich dieser Effekt dagegen ab.

In einem √§hnlichen Experiment wurde der Einfluss von Oxytocin auf die Wahrnehmung von Emotionen untersucht. Hier zeigte sich, dass die Probanden nach einer Gabe von Oxytocin weniger stark auf negativ konnotierte Gef√ľhle, die sie auf Bildern erkennen sollten, reagierten. Hieraus schlie√üen die Wissenschaftler, dass Oxytocin „die unbewusste Tendenz der Patienten, sich auf Nahrungsmittel, K√∂rperformen und negative Emotionen zu fokussieren“ reduziert.
Auf der Suche nach molekularbiologischen Erkl√§rungen f√ľr die Wirkung von Oxytocin bei Anorexie-Patienten machte die Professorin Janet Treasure vom King‚Äôs College in London eine interessante Entdeckung: Das Oxytocin-Rezeptor-Gen OXTR war bei den Patienten wesentlich h√§ufiger durch eine Methylierung „abgeschaltet“ als bei Gesunden. Derzeit ist nicht bekannt, ob diese epigenetische Ver√§nderung Ursache oder Folge der Anorexie ist und durch welchen Impuls sie hervorgerufen wird.

Aufgrund der sehr geringen Anzahl von Probanden, die bislang untersucht wurde, sollten die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden. „Wir befinden uns in einer fr√ľhen Forschungsphase mit einer kleinen Anzahl von Probanden, aber es ist sehr aufregend, das m√∂gliche Potential dieser Behandlung zu sehen“, schw√§rmt Treasure. Bis zu einer klinischen Anwendung wird wohl noch einige Zeit verstreichen, aber auch in den als N√§chstes anstehenden gr√∂√üeren Anwendungsstudien k√∂nnten Patienten profitieren.

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verfasst von am 24. April 2014 um 06:34

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