Besser als ihr Ruf: Weniger Übergewicht und Adipositas bei Schülern, die in der Kantine essen

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 23. April 2020

Auch wenn das Schulessen immer wieder Anlass zur Kritik gibt, sind Schüler, die regelmäßig in der Kantine essen, tendenziell seltener adipös (fettleibig) als jene, die sich anderweitig verköstigen. Dies geht aus den ersten Ergebnissen einer Leipziger Studie hervor, die weitere interessante Details offenbart.

Was essen Kinder während ihres Schultags? Wer nimmt am Schulessen teil und wer kauft sich lieber von seinem Taschengeld etwas in der nahen Umgebung? Wie ist die ernährungsphysiologische Qualität des angebotenen Schulessens? Diesen und weiteren Fragen gingen Wissenschaftler des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen der Universitätsmedizin Leipzig nach. Mit ihrer Studie wollten sie Rückschlüsse auf die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas ziehen.

„Da wir die soziale Herkunft von Kindern nicht ändern können, fokussieren wir uns auf die Verhältnisse der Ernährungsumwelt im Schulkontext“, erläutert Studienleiter Dr. Tobias Lipek den Ausgangspunkt der Schulernährungsstudie. „Das Erkennen veränderbarer Einflüsse ist wichtig, um eine gesundheitsförderliche Lebenswelt in Schulen für alle Kinder zu gestalten. Unsere Hypothese lautete, dass auch die Ernährung ohne Eltern in der Schule einen Einfluss auf das Gewicht und die Gesundheit der Kinder haben kann.“

An der Studie nahmen 1.215 Schüler der vierten, sechsten, siebten und achten Klasse aus 41 Leipziger Schulen teil. Bei der Auswahl der Schulen wurde darauf geachtet, dass sie in Gebieten mit unterschiedlicher Adipositashäufigkeit lagen. Alle Kinder wurden gewogen und gemessen und beantworteten Fragen zu ihren Essgewohnheiten in der Schule und ihrem Taschengeld. Außerdem zeichneten sie auf einer Karte mit Lebensmittelläden im Umkreis von 800 Metern um die Schule ein, wo sie gelegentlich oder häufig Lebensmittel an einem Schultag einkauften und gaben an, um welche Lebensmittel es sich handelte. Die Wissenschaftler analysierten ferner anhand von Speiseplänen die Qualität des angebotenen Schulessens.

Laut den Studienergebnissen war jedes zwölfte Kind übergewichtig, was mit den Ergebnissen aus deutschlandweiten Erhebungen übereinstimmt. Zwei von drei Kindern nahmen regelmäßig am Schulmittagessen teil. „Die absoluten Zahlen zeigen, dass unter den Schülern, die regelmäßig in der Schulkantine essen, weniger übergewichtige Kinder sind als unter denen, die nicht teilnehmen“, erläutert Peggy Ober, die wissenschaftliche Koordinatorin der Projekts. Anders formuliert: „Wer nicht an der Schulversorgung teilnimmt, hat eine höhere Chance, übergewichtig zu werden, oder anders herum gesehen nehmen übergewichtige Kinder seltener an der Schulspeisung teil.“

Dabei handele es sich allerdings nur um eine Tendenz und keinen statistisch eindeutig belegbaren Unterschied. Erfreulicherweise erfüllten die Speisepläne von sechs der zehn Essensanbieter zu mindestens 60 Prozent die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung definierten Qualitätskriterien für die Gemeinschaftsverpflegung. Diese gelten als Anhaltspunkt für ein ausgewogenes Angebot. Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass die Qualität des Essens vom Preis abhängt. Wie die Schüler das Angebot annehmen, war ebenfalls Teil der Erhebung. Hier zeigte sich, dass sie im Mittel zu selten Gerichte mit Vollkornprodukten, Gemüse und Fisch wählten, dafür aber zu viele Fleischgerichte. Bezüglich Speisen mit panierten und frittierten Produkten sowie süßen Hauptgerichten hielten sie die empfohlenen Mengen ein. „Die Defizite hatten wir auch nicht anders erwartet“, gibt Ober preis. „Im Gegenteil, wir hätten für einige Komponenten noch schlechtere Ergebnisse vermutet.“

Auf sein Frühstück angesprochen, gab beinahe jedes zehnte Kind an, an Schultagen meistens kein Frühstück zu essen, sechs Prozent der Befragten verzichteten gänzlich darauf. „Wir haben gesehen, dass der Anteil übergewichtiger Schüler unter den nicht frühstückenden höher war“, beschreibt Ober. Aufgrund des Studiendesigns lasse sich aber nicht ableiten, ob der Frühstücksverzicht Ursache oder Folge des Übergewichts ist.

Die Befragung ergab außerdem, dass drei von vier Schülern Taschengeld erhielten und über ein durchschnittliches monatliches Budget von 15,37 Euro verfügten. Hier zeigte sich, dass die Schüler mit einem höheren Taschengeld häufiger in den umliegenden Geschäften Lebensmittel kauften. Auch Kinder, die nicht am Schulmittagessen teilnahmen, verpflegten sich vergleichsweise häufig dort. Da Kinder dazu neigen, sich in Supermärkten und Fastfood-Imbissen eher ungesundes Essen zu kaufen, geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass eine bessere Akzeptanz und höhere Teilnahmerate am Schulessen zu einer Verbesserung ihrer Gesundheit beitragen könnte.

Ginge es nach Ober und ihren Kollegen, würde aufbauend auf den Ergebnissen ihrer Studie eine Interventionsstudie konzipiert, um etwa den Erfolg verschiedener Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität und Akzeptanz des Schulessens zu evaluieren. Denkbar wäre auch eine Analyse, wie sich das Angebot eines Schulfrühstücks auf die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas in den Schulen auswirkt.

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verfasst von am 23. April 2020 um 07:52

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