Du isst, was Du bist? Vom Einfluss sozialer Merkmale auf das Ernährungsverhalten

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Mittwoch, 30. August 2017

Sebastian Mader von der Universität Bern und seine Kollegen haben untersucht, welche sozialen Faktoren das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Ihre Ergebnisse können dazu beitragen, Ansatzpunkte für gesundheitliche Interventionen zu identifizieren.

Obwohl die meisten in Deutschland lebenden Menschen freien Zugang zur gesundheitlichen Versorgung haben, bestehen nach wie vor große soziale Unterschiede im Erkrankungsgeschehen. Dies gilt auch für ernährungs(mit)bedingte Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Adipositas. Zur Vorbeugung dieser Erkrankungen ist es günstig, wenn Interventionen im Gesundheits- und Ernährungsbereich möglichst früh ansetzen und gut auf die Zielgruppe abgestimmt sind. Bislang war allerdings wenig darüber bekannt, welche sozialen Faktoren das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland beeinflussen.

Ersten Aufschluss über soziale Schutz- und Risikofaktoren gibt eine aktuelle Auswertung von Daten der Basiserhebung des bundesweit repräsentativen Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (kurz KiGGS). Grundlage der Studie war ein sogenanntes „Triple A-Modell“ aus der Verhaltens- und Neuroökonomie, das Mader und seine Kollegen an die aktuelle Fragestellung anpassten. Demnach sind drei Faktoren entscheidend für das Ernährungsverhalten: die Bezahlbarkeit (engl.: affordability; hier: Einkommen der Eltern), das Vorhandensein (availability) gesunder Lebensmittel und begünstigender Strukturen (hier: Größe der Stadt, Lage in Ost-/Westdeutschland) sowie der Zugang (access; hier: Bildung, Beruf und Berufstätigkeit der Eltern, Familienstruktur, Migrationshintergrund sowie psychische Gesundheit, Alter und Geschlecht des Kindes/Jugendlichen).

Insgesamt werteten Sebastian Mader von der Universität Bern und seine Kollegen Daten von 8.558 Kindern und Jugendlichen im Alter von 1 bis 17 Jahren aus. Von allen Probanden lagen Informationen zur Häufigkeit des Verzehrs bestimmter Lebensmittel vor, aus denen die Wissenschaftler näherungsweise die verzehrte Menge in Gramm pro Tag ermittelten und auf die Energieaufnahme der Probanden bezogen. Für die Auswertung wurden die Lebensmittel nach dem Schema der Optimierten Mischkost Lebensmittelgruppen zugeordnet, die reichlich verzehrt werden sollten (pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Kartoffeln, Pasta, Reis und Brot sowie kalorienfreie oder kalorienarme Getränke), tierische Lebensmittel mit moderater Verzehrempfehlung und fett- und zuckerreiche Lebensmittel, die sparsam konsumiert werden sollten (hierzu zählten Fast Food, Süßwaren, Snacks und zuckerhaltige Getränke).

Verglichen mit den Empfehlungen für eine Optimierte Mischkost nahmen die Kinder und Jugendlichen des KiGGS lediglich 75 Prozent (drei Viertel) der empfohlenen Menge an „günstigen“ Lebensmitteln zu sich. Während Gemüse, Brot und Getreideprodukte nur halb so oft wie empfohlen aufgenommen wurden, wurden Fleisch und Wurst (moderate Lebensmittelgruppe) zweimal häufiger verzehrt als empfohlen, Die Aufnahmemenge und der Energiegehalt von Lebensmitteln aus der Gruppe der „sparsam“ zu verzehrenden Lebensmittel überstiegen die Empfehlungen sogar um das Zweieinhalbfache.

Die Auswertung der Einflussfaktoren offenbarte neutrale, schützende und hemmende soziale Faktoren in Zusammenhang mit dem Ernährungsverhalten. Während das Einkommen der Eltern kaum mit dem Ernährungsverhalten der Kinder und Jugendlichen korrelierte, nahmen Kinder und Jugendliche aus besser gebildeten Familien weniger Lebensmittel aus der „sparsam“ zu verzehrenden Lebensmittelgruppe zu sich. Allerdings hatte die Bildung der Eltern keinen Einfluss auf den Verzehr „günstiger“ Lebensmittel. In Bezug auf den Umfang der Berufstätigkeit hatten Kinder und Jugendliche mit einem arbeitslosen Elternteil ein höheres Risiko, zu viel zu essen, als Kinder, deren Eltern halbtags arbeiteten. Dagegen nahmen Kinder, bei denen ein Elternteil Vollzeit arbeitete, eher zu wenig zu sich. Regionale Deprivation (beispielsweise Leben in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands), ein Migrationshintergrund und ein höheres Alter der Probanden waren mit einer erhöhten Kalorienaufnahme assoziiert.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie unterstreichen die Bedeutung Setting-orientierter Ansätze bei Initiativen zur Gesundheitsförderung. Allerdings besteht weiterhin Forschungsbedarf hinsichtlich des Einflusses sozialer Merkmale auf den längerfristigen Verlauf des Ernährungsverhaltens, der Bedeutung räumlicher Versorgungsstrukturen sowie der verwendeten statistischen Methoden.

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verfasst von am 30. August 2017 um 06:37

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