Ein Gläschen Wein in Ehren… oder: Wie viel Wein ist gesund?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 18. Juli 2017

Immer wieder wird diskutiert, inwieweit der regelmäßige Konsum geringer Mengen Alkohol gesundheitsförderlich ist und wieviel Alkohol dafür tatsächlich getrunken werden sollte. Für die Erhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit raten britische Wissenschaftler eher zur Zurückhaltung beim Alkoholkonsum.

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Bei der Untersuchung der langfristigen Folgen des Alkoholkonsums haben Wissenschaftler mit diversen Unwägbarkeiten zu kämpfen. Zum einen ist es nicht möglich, in diesem Bereich die besonders aussagekräftigen randomisiert-kontrollierten Studien1 durchzuführen. Daher sind die Forscher auf die wahrheitsgemäße Angabe des Alkoholkonsums der Probanden angewiesen. Diese sind allerdings insbesondere bei hohem Alkoholkonsum eher zweifelhaft. Dennoch kristallisiert sich mittlerweile aus den vorhandenen Studien ein u-förmiger Effekt des Alkoholkonsums auf die Gesundheit heraus: Verglichen mit totaler Abstinenz können geringe Mengen Alkohol (für Männer maximal 20 Gramm Alkohol/Tag, dies entspricht 0,5 Liter Bier oder 0,25 Liter Wein oder Sekt; für Frauen maximal 10 Gramm Alkohol/Tag) das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz verringern. Wird allerdings zuviel Alkohol getrunken, kehrt sich der Nutzen eher in Schaden um.

Dr. Anya Topiwala von der Universität Oxford und ihre Kollegen zweifeln angesichts der Ergebnisse ihrer aktuellen Studie am Nutzen geringer Alkoholmengen. Basis für die Studie sind die Daten der renommierten Whitehall II-Kohortenstudie. Seit 1985 werden darin Informationen von anfänglich 10.000 Londoner Beamten und öffentlichen Angestellten gesammelt, um damit die Auswirkungen von sozioökonomischem Status, Stress und Lebensstil auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit zu analysieren. Alle Probanden wurden in etwa fünfjährigen Abständen zu ihrem Alkoholkonsum befragt. Außerdem testeten die Wissenschaftler wiederholt die kognitive Leistungsfähigkeit der Probanden. 30 Jahre nach Beginn der Studie wurden 550 Probanden mit bildgebenden Verfahren bzgl. ihrer Hirnfunktion untersucht.

Im Mittel nahmen die Männer pro Woche 86 Gramm Alkohol zu sich, bei den Frauen waren es 51 Gramm. Der wöchentliche Alkoholkonsum änderte sich kaum während der 30jährigen Beobachtungszeit. Keiner der Probanden war alkoholkrank, aber 19 Prozent der Befragten befanden sich mit ihrem selbst angegebenen Alkoholkonsum im riskanten Bereich (Männer: über 168 Gramm/Woche, Frauen: über 112 Gramm/Woche).

Die Auswertung der MRT-Untersuchungen zeigte, dass die Dichte der grauen Substanz insbesondere im Hippocampus2 mit zunehmendem Alkoholkonsum abnahm. Dieses Ergebnis blieb bestehen, nachdem Unterschiede im Rauchen, der körperlichen Aktivität, dem IQ zu Studienbeginn, dem sozioökonomischem Status und dem kardiovaskulären Risiko der Probanden berücksichtigt wurden. Männer und Frauen mit einem wöchentlichen Alkoholkonsum über 240 Gramm hatten 5,8 mal häufiger Atrophien des Hippocampus als Alkoholabstinente. Aber auch ein moderater Alkoholkonsum von 56 bis 112 Gramm Alkohol pro Woche (beispielsweise 3 bis 6 Flaschen Bier) erhöhte die Atrophie-Rate um das 3,4-fache. Dass dieser Zusammenhang nur bei Männern statistisch signifikant war, ist wohl auf die geringe Anzahl von Frauen mit moderatem bis hohem Alkoholkonsum zurückzuführen. Weitere bildgebende Verfahren offenbarten mikrostrukturelle Schäden im Corpus callosum (Balken, der die Gehirnhemisphären verbindet).

Beim Vergleich der kognitiven Leistung nach 30 Jahren stellten die Wissenschaftler Unterschiede im lexikalischen Gedächtnis der Probanden fest. Probanden mit höherem Alkoholkonsum konnten zu Beginn von Whitehall II innerhalb einer Minute mehr Begriffe mit dem Anfangsbuchstaben A nennen als Alkoholabstinente. Nach 30 Jahren bestand dieser Unterschied nicht mehr, sodass von einem verstärkten geistigen Abbau der dem Alkohol zugeneigten Probanden in diesem Bereich ausgegangen wird. Der Alkoholkonsum hatte dagegen keinen Einfluss auf die Ergebnisse semantischer Tests (beispielsweise Aufzählung möglichst vieler Tierarten in einer Minute) und Tests des Kurzzeitgedächtnisses (20 Wörter merken und wiederholen).

Leider fehlen Aufnahmen des Hippocampus der Probanden zu Beginn der Studie. Daher kann nicht mit Bestimmtheit gefolgert werden, dass sich der Hippocampus der Probanden mit Alkoholkonsum stärker verändert hat als jener von alkoholabstinenten Probanden. Dennoch können die Ergebnisse dieser Studie als vorsichtige Warnung verstanden werden, vorschnell der gesundheitsförderlichen Wirkung geringer Alkoholmengen Glauben zu schenken. Dies mag in Bezug auf manche Erkrankungsbilder zutreffen, lässt sich aber nicht generalisieren.

1 Studien, in den die Probanden nach dem Zufallsprinzip in Interventions- und Kontrollgruppen eingeteilt werden
2 Teil des limbischen Systems, der vor allem an der Gedächtnisbildung beteiligt ist.

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verfasst von am 18. Juli 2017 um 06:04

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