Essst√∂rungen bei Diabetes: DDG empfiehlt fr√ľhzeitige Psychotherapie

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 29. Oktober 2013

Patienten mit Diabetes erkranken h√§ufiger an Essst√∂rungen als die Allgemeinbev√∂lkerung. Das gemeinsame Auftreten beider Erkrankungen ist besonders gef√§hrlich, nicht nur, weil akute Stoffwechselentgleisungen drohen, sondern auch, weil die Betroffenen h√§ufig deutlich fr√ľher Diabetes-bedingte Folgeerkrankungen erleiden. Deshalb empfiehlt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG), Essst√∂rungen so fr√ľh wie m√∂glich psychotherapeutisch zu behandeln.

Teller mit Obst
© chefranden

Diabetiker erkranken häufiger an Essstörungen.

Typ 1-Diabetes wird h√§ufig im Kindes- und Jugendalter erkannt. Die Diagnose und Behandlung kann den Selbstwert von Jugendlichen infrage stellen: Sie m√ľssen auf ihre Ern√§hrung achten, Medikamente einnehmen, Insulin spritzen und besonders aufpassen, wenn sie Alkohol trinken. Professor Dr. med. Stephan Herpertz, Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universit√§tsklinikum Bochum geht davon aus, dass Essst√∂rungen bei diesen Patienten in der Regel mit einem Selbstwertkonflikt zusammenh√§ngen.

Insbesondere junge Frauen mit Typ 1-Diabetes weisen fast doppelt so h√§ufig ein gest√∂rtes Essverhalten auf als gesunde Gleichaltrige. W√§hrend Anorexie (Magersucht) bei Patienten mit Diabetes kaum auftritt, ist Bulimie (Ess-Brech-Sucht) weiter verbreitet: Betroffene essen bei einem Anfall unkontrolliert gro√üe Mengen und versuchen die √ľbersch√ľssigen aufgenommenen Kalorien durch Erbrechen, Einnahme von Abf√ľhrmitteln, Di√§ten oder exzessiven Sport wieder auszugleichen. Spritzen Patienten Insulin (was bei Typ 1-Diabetes immer der Fall ist) verf√ľgen sie √ľber ein zus√§tzliches Mittel, um Kalorien loszuwerden, das sogenannte ‚ÄěInsulin-Purging‚Äú: Sie spritzen weniger Insulin als ihr K√∂rper ben√∂tigt oder verzichten sogar auf die gesamte Dosis. Fehlt das blutzuckersenkende Hormon, kann der K√∂rper weniger Zucker aus dem Blut aufnehmen, der Blutzuckerspiegel steigt an. Der K√∂rper versucht dies auszugleichen, indem er den √ľbersch√ľssigen Zucker ungenutzt √ľber die Nieren mit dem Urin ausscheidet. Dies hat allerdings langfristige gesundheitliche Konsequenzen. Durch den dauerhaft erh√∂hten Blutzuckerspiegel erleiden betroffene Patienten deutlich fr√ľher Sch√§den an Blutgef√§√üen, Nerven und Nieren.

Wie l√§sst sich eine Bulimie bei Patienten mit Diabetes erkennen? Im Gegensatz zu der mit einem massiven Gewichtsverlust einhergehenden Anorexie ist Bulimie eine Erkrankung, die eher im Verborgenen stattfindet und lange unerkannt bleibt. Bei Patienten mit Diabetes k√∂nnen die Blutzuckerwerte Hinweise auf eine bestehende Bulimie geben. Professor Herpertz erl√§utert: „Schwanken Blutzuckerwert und Gewicht bei einer jungen Patientin mit Typ-1-Diabetes stark, sollte eine Bulimia nervosa in Erw√§gung gezogen werden“. Bei einer Best√§tigung des Verdachts raten Experten in der neu erschienen DDG-Leitlinie „Psychosoziales und Diabetes“ zu einer Psychotherapie bei einem Therapeuten, der sich mit der Diabeteserkrankung auskennt. Wichtig sei, bei jungen Patientinnen auch die Familie in die Behandlung miteinzubeziehen, erg√§nzt Herpertz.

Bulimie ist nicht die einzige Essst√∂rung, die bei Patienten mit Diabetes st√§rkere gesundheitliche Folgen hat als in der Allgemeinbev√∂lkerung. Patienten mit Typ 2-Diabetes leiden h√§ufiger an einer Binge-Eating-Disorder. In diesem Fall haben sie mindestens einmal in der Woche einen Essanfall, allerdings ohne gegenregulatorische Ma√ünahmen wie Erbrechen. Infolge der Essanf√§lle steigt das Gewicht weiter an, blutzuckersenkende Medikamente wirken schlechter und der Diabetes verschlimmert sich. Wenn die Binge-Eating-St√∂rung bereits vor der Erkrankung an Typ 2-Diabetes vorhanden war, hat sie diesen sehr wahrscheinlich √ľber eine Gewichtszunahme (mit-)verursacht.

„Tritt bei Patienten mit einem Diabetes eine Essst√∂rung auf, sollten sie sich auf jeden Fall in psychotherapeutische Behandlung begeben. Ob ambulant, teilstation√§r oder station√§r: Eine Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl“, ist Privatdozent Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, der die Entwicklung der DDG-Leitlinie koordiniert hat, √ľberzeugt. Laut der neuen Leitlinie reichen reine Schulungs- und Selbsthilfe-Programme zur Therapie nicht aus.

Ebenso wie sich die Essst√∂rung √ľber einen l√§ngeren Zeitraum entwickelt hat, dauert auch der Heilungsprozess mit Psychotherapie meist mehrere Monate. Doch dies ist gut investierte Zeit. Denn bei einem Behandlungserfolg stabilisiere sich bei Patienten mit Typ 1-Diabetes in Untersuchungen der Blutzucker nachhaltig und das Risiko diabetischer Sp√§tsch√§den verringere sich, berichtet Professor Dr. med. Stephan Herpertz.

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verfasst von am 29. Oktober 2013 um 09:12

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