Essstörungen vorprogrammiert?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Montag, 18. März 2013

Mütterliche Krankheitsgeschichte wirkt auf Ernährung der Kinder

person eating Yarden Sachs

Selbst nach erfolgreicher Therapie sind die Einstellung zu ihrer Ernährung und der Umgang mit Essen bei Frauen, die Erfahrungen mit Essstörungen haben, belastet. Es fällt ihnen schwer, ihren Kindern einen ungezwungenen Umgang mit Nahrungsmitteln zu vermitteln. Somit hat die Erkrankung der Mutter auch Auswirkungen auf die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder, wie eine englische Langzeitstudie zeigt.

Für die Studie füllten 9423 Mütter Fragebögen über die Ernährung ihrer Kinder aus. Dies geschah jeweils im Alter von drei, vier, sieben und neun Jahren des Kindes, sodass eine Veränderung der Ernährung des Kindes nachverfolgt werden konnte. Anhand der Angaben im Fragebogen wurden die Kinder einer von vier Ernährungsgruppen zugeordnet:

  • Gruppe mit hohem Verzehr industriell verarbeiteter Lebensmittel: Verzehr von Lebensmitteln mit hohem Fettgehalt, viel Wurst, Eier, Burger, fertige Geflügelprodukte, außerdem zucker- und fettreiche Snacks wie Kartoffelchips, Süßigkeiten und Schokolade.
  • Traditionell britische Ernährungsweise: täglich Fleisch, Geflügel, Kartoffeln und Gemüse
  • gesundheitsbewusst und / oder vegetarisch: großer Stellenwert von Gemüse, Salat, Reis, Nudeln, Nüssen und Früchten in der Ernährung
  • Snack-Gruppe (nur bei Dreijährigen verwendet): hoher Konsum von fettreichen Snacks und Finger-Food.

Auf die Frage, ob sie aktuell oder früher von einer Essstörung betroffen sind oder waren, gaben 140 Frauen an, an Anorexie gelitten zu haben, 170 hatten Erfahrung mit Bulimie und 71 Frauen waren von Anorexie und Bulimie betroffen. Im Folgenden wurde die Ernährungsweise von Kindern von Müttern mit und ohne Essstörungserfahrung miteinander verglichen.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass Mütter mit Essstörungserfahrung offenbar großen Wert auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder legten. Verglichen mit anderen Kindern waren ihre Kinder besonders häufig in der Gruppe mit gesundheitsbewusster/vegetarischer Ernährung zu finden, dagegen ernährten sich die Kinder seltener traditionell britisch. In der Snack-Gruppe gab es bei den Dreijährigen keinen Unterschied zwischen den Kindern mit und ohne Vorbelastung, ebenso wenig bei den Kindern, die häufig industriell verarbeitete Lebensmittel verzehrten.

Auch bei der Nährstoff- und Energieaufnahme bestanden Unterschiede zwischen Kindern von Müttern mit und ohne Essstörungserfahrung: Obwohl „vorbelastete“ Kinder sich insgesamt gesünder ernährten, nahmen sie tendenziell mehr Energie auf als Gleichaltrige der Kontrollgruppe. Kinder von Müttern mit einer Bulimie aßen außerdem auffällig viele Kohlenhydrate, während an Fett gespart wurde.

Mit zunehmendem Alter glichen sich die Ernährungsgewohnheiten der Kinder beider Gruppen an. Die Forscher vermuten, dass der Einfluss der Mutter auf die Ernährung des Kindes mit dem Heranwachsen abnimmt und der Einfluss von  Gleichaltrigen und anderen sozialen Gruppen nun die Ernährungsgewohnheiten der Kinder bestimmt. Bei allen Kindern nahm die Energieaufnahme zu und mit ihr stieg die Aufnahme von Kohlenhydraten, Protein und Zucker. Kinder, deren Mütter eine Bulimie hatten, nahmen verglichen mit anderen Kindern signifikant mehr Energie auf.

Bislang ist die Studienlage zu schwach, um endgültige Aussagen zu treffen über einen Zusammenhang zwischen mütterlichen Essstörungen und Auswirkung auf das Essverhalten des Kindes und die Gefahr, ebenfalls an einer Essstörung zu erkranken. Offenbar strengen sich Mütter mit Essstörungserfahrung besonders an, bei ihren Kindern „alles richtig“ zu machen. Experten warnen jedoch, dass dies zwar von jungen Kindern akzeptiert wird, später aber Kompensationswünsche bei Jugendlichen auftreten könnten. Bei zu großem Nachholbedarf wird aus der ursprünglichen unter Gesundheitsaspekten idealen Kost schnell eine kalorienreiche Protesternährung. Das Risiko für Übergewicht und Adipositas steigt, ebenso die Gefahr, selbst an einer Essstörung zu erkranken.

Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden? Ein Ansatzpunkt könnte eine Beratung von betroffenen Müttern während der Schwangerschaft sein, die ihnen mehr Sicherheit bei der Ernährung ihres Kindes gibt und ihnen hilft, die Mengen bestimmter Lebensmittel und Portionsgrößen besser einzuschätzen.

Quelle:
Easter A, Naumann U, Northstone K, Schmidt U, Treasure J, Micali N (2013): A longitudinal investigation of nutrition and dietary patterns in children of mothers with eating disorders. The Journal of Pediatrics, Online-Vorabveröffentlichung

verfasst von am 18. März 2013 um 07:44

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