Fr√ľhes Trauma birgt generationen√ľbergreifende Folgen

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 12. Januar 2021

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit k√∂nnen gesundheitssch√§dliche Effekte f√ľr die eigene und sogar die Gesundheit von Nachkommen haben. Ein Forscherteam aus der Schweiz, Gro√übritannien und Polen identifizierte unl√§ngst einen biologischen Mechanismus, durch den traumatische Erfahrungen an die n√§chste Generation weitergegeben werden.

Weltweit leiden bis zu einem Viertel der Kinder unter Missbrauch, Gewalt und Vernachl√§ssigung. Traumatische Erfahrungen in der Kindheit haben langanhaltende psychische und physische Folgen und k√∂nnen im sp√§teren Leben zu Krankheiten f√ľhren. Betroffen sind oft nicht nur die Personen, welche traumatisierende Ereignisse selbst erlebt haben, sondern auch deren Kinder und Kindeskinder. Eine Erkl√§rung hierf√ľr findet sich in der Epigenetik, einer besonderen Form der Erblichkeit. Neben der Erbinformation in den Genen (DNA-Sequenz), geben Eltern auch Informationen an ihre Kinder weiter, wie diese abgelesen werden sollen. Dies geschieht √ľber biologische Faktoren, die mit den Spermien und Eizellen an die Nachkommen weitergegeben werden. Bislang war allerdings unbekannt, wie die durch Traumata ausgel√∂sten Signale in die Keimzellen eingebettet werden.

Hier setzt das Forschungsprojekt des Teams um Neuroepigenetik-Professorin Isabelle Mansuy vom Hirnforschungsinstitut der Universit√§t Z√ľrich und dem Institut f√ľr Neurowissenschaften der ETH Z√ľrich an. „Wir hatten die Hypothese, dass dabei Bestandteile des Bluts eine Rolle spielen“, erl√§utert Mansuy. Gemeinsam mit ihren Kollegen konnte Mansuy an Menschen und M√§usen zeigen, dass ein Trauma in der Kindheit nicht nur die Zusammensetzung des Bluts lebenslang beeinflusst, sondern dass diese Ver√§nderungen auch an die Nachkommen weitergegeben werden. „Dieses Resultat ist f√ľr die Medizin von hoher Relevanz, weil es erstmals fr√ľhe Traumata mit Stoffwechselkrankheiten bei Nachkommen in Verbindung bringt“, betont Mansuy.

Im Labor fanden die Wissenschaftler zahlreiche Unterschiede zwischen dem Blut traumatisierter Mäuse und einer normal aufgewachsenen Kontrollgruppe. Besonders auffällig kamen den Forschern Veränderungen im Fettstoffwechsel vor, darunter eine vergleichsweise hohe Konzentration bestimmter mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Auch die Nachkommen der betroffenen Tiere zeigten die gleichen Veränderungen. Um zu beweisen, dass das Blut die Stressbotschaften an die Keimzellen weiterleitet, injizierten die Wissenschaftler nicht traumatisierten Mäusen das Blut traumatisierter Tiere. In der Folge beobachteten sie dieselben ihnen mittlerweile bekannten Traumasymptome beim Nachwuchs der injizierten Mäuse, was ihre Vermutung bestätigte.

Dies war der Zeitpunkt, an dem die Wissenschaftler nach Best√§tigung ihrer im Tiermodell gewonnenen Erkenntnisse beim Menschen suchten. Sie analysierten Blut- und Speichelproben von 25 pakistanischen Kindern, deren V√§ter gestorben waren und die getrennt von ihren M√ľttern in einem SOS-Kinderdorf aufwuchsen. Im Vergleich zu Kindern aus intakten Familien waren bei diesen Kindern ebenfalls Abweichungen im Fettstoffwechsel zu beobachten. „Die traumatischen Erfahrungen dieser Kinder sind sehr gut vergleichbar mit unserem Mausmodell und ihr Metabolismus weist √§hnliche Blutver√§nderungen auf“, fasst Mansuy zusammen. „Dies veranschaulicht, wie wichtig die Forschung an Versuchstieren ist, um grundlegende Erkenntnisse f√ľr die menschliche Gesundheit zu gewinnen.“

Auf der Suche nach dem zugrunde liegenden molekularen Mechanismus stie√üen die Wissenschaftler auf den auf der Zelloberfl√§che befindlichen PPAR-Rezeptor. Er scheint eine Schl√ľsselrolle bei der Weitergabe von Informationen durch Faktoren des Fettstoffwechsels an die Keimzellen zu spielen, denn er wird durch Fetts√§uren aktiviert und reguliert dann die Expression von Genen und Struktur der DNA in vielen Geweben. Die Wissenschaftler stellten fest, dass dieser Rezeptor in den Spermien traumatisierter M√§use besonders h√§ufig vertreten ist. Wurde der Rezeptor k√ľnstlich aktiviert, resultierte dies in einem niedrigeren K√∂rpergewicht und St√∂rungen im Zuckerstoffwechsel der betroffenen m√§nnlichen M√§use und ihrer Nachkommen. Diese und weitere Ergebnisse belegen, dass bei der Vererbung der durch Traumata hervorgerufenen metabolischen Effekte die Aktivierung des PPAR-Rezeptors durch Fetts√§uren in den Spermien eine wichtige Bedeutung hat.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein Trauma im fr√ľhen Leben nicht nur die psychische, sondern auch die k√∂rperliche Gesundheit im Erwachsenenalter generationen√ľbergreifend beeinflusst, zum Beispiel den Fettstoffwechsel und den Zuckerhaushalt“, erl√§utert Mansuy. „Dies wird in der Klinik nur selten ber√ľcksichtigt.“ Bessere Kenntnisse √ľber die zugrunde liegenden biologischen Prozesse k√∂nnten zuk√ľnftig dabei helfen, die Sp√§tfolgen von Traumata durch medizinische Vorsorge zu verhindern, hoffen Mansuy und ihre Kollegen.

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verfasst von am 12. Januar 2021 um 08:17

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2 Kommentare zu “Fr√ľhes Trauma birgt generationen√ľbergreifende Folgen”

  1. Dominic sagt:

    Hallo.
    Sehr interessante Einsichten, wie sich auf biologischer/biochemischer Ebene primär psychische Lebenserfahrungen somatisieren Рund dann noch weitergegeben werden können.

    Eine Nachfrage zum Fettstoffwechsel: welche mehrfach unges√§ttigtenFetts√§uren sind denn da als fraglich detektiert worden? Denn mit den mehrfach unges√§ttigten Omega3-Fetts√§uren assoziiert man doch in erster Linie positive, weil entz√ľndungshemmende Wirkungen. Geht es, wie ich vermute, daher in erster Linie um Omega6-Fetts√§uren, die √ľberwiegend entz√ľndungsf√∂rdernd wirken? Falls ja: w√§re das dann auch eine Art von Entz√ľndung, die sich dann als Traumafolge im K√∂rper „Bahn bricht“?

    Mit bestem Gruß
    Dominic

  2. Dr. oec. troph. Christina Bächle sagt:

    Hallo Dominic,
    am auff√§lligsten waren die Erh√∂hung der Konzentrationen von Eicosapentaens√§ure (Omega-3-Fetts√§ure), Dihomogammalinolens√§ure (Omega-6-Fetts√§ure) und Arachidons√§ure-Derivaten (Omega-6-Fetts√§ure). Omega-6-Fetts√§uren gelten allgemein als entz√ľndungsf√∂rdernd. Allerdings wird die Traumainformation nach Erkenntnissen der aktuellen Studie √ľber die Aktivierung von PPAR-Rezeptoren und daran anschlie√üende Ver√§nderung der Expression von Genen und Struktur der DNA an die n√§chste Generation weitergegeben.
    Mit freundlichen Gr√ľ√üen
    Dr. Christina Bächle

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