Fukushima: Bisher keine Gefahr fĂŒr Deutschland zu befĂŒrchten

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung ErnĂ€hrung und Gesundheit

Dienstag, 12. April 2011

Seit Anfang MĂ€rz ereignen sich in der Provinz Fukushima, Japan, bedeutungsschwere VorfĂ€lle in dem dort gelegenen Atomkraftwerk. Nach einem Erdbeben fiel zunĂ€chst die Stromversorgung aus, spĂ€ter versagten, wahrscheinlich aufgrund eines Tsunamis auch die Notstromaggregate. Infolge des totalen Stromausfalls unterblieb die KĂŒhlung des Reaktorkerns und es kam zur Kernschmelze. Durch den Hergang des UnglĂŒcks und im Zuge der BemĂŒhungen den SchĂ€den beizukommen, gelangten radioaktive Substanzen in Luft und Wasser.

Radioaktive Substanzen können die Gesundheit angreifen

Bei der Kernspaltung schwerer Atome wie Uran oder Plutonium entstehen u. a. zwei potentiell gefĂ€hrliche Nebenprodukte: radioaktives Jod und radioaktives CĂ€sium. Radioaktives Jod wird ĂŒber die Atmung und die Nahrung aufgenommen und im Körper in die SchilddrĂŒse eingelagert, wodurch das Risiko fĂŒr SchilddrĂŒsenkrebs erheblich steigt. Als Gegenmaßnahme werden hochdosierte Jodtabletten verabreicht. Das darin enthaltene Jod blockiert die SchilddrĂŒse und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod (1). Radioaktives Jod hat eine eher kurze Halbwertszeit und zerfĂ€llt bereits nach einem (Jod-Isotop: I133), spĂ€testens nach acht (Jod-Isotop: I131) Tagen, was eine Gefahr durch diese Substanz innerhalb von Wochen bis Monaten bannt. Radioaktives CĂ€sium hingegen ist ein sehr stabiles Schwermetall-Nuklid, dass noch jahrelang fortbesteht und sich in der Nahrungskette anreichern kann. CĂ€sium ist bei Zimmertemperatur beinahe flĂŒssig, kann in weiches Körpergewebe, Muskeln und Knochen gelangen und dort Krebs auslösen.

Sobald radioaktive Substanzen spontan zerfallen, geben sie Strahlung ab. Diese Strahlung kann Gewebe schĂ€digen, indem sie in dessen kleinsten Einheiten, den Atomen bzw. den MolekĂŒlen chemische Bindungen bricht. Je nach Dauer und Umfang der Strahlen-Wirkung sind die SchĂ€den manchmal zu groß, um komplett behoben zu werden. Unrepariert fĂŒhren sie dazu, dass Zellen entarten und sich unkontrolliert teilen, mit Krebs als möglicher Folge. Zellen im Magen-Darm-Trakt und im Knochenmark teilen sich von Natur aus schnell. Diese riskieren stĂ€rker als andere Zellen zu entarten, da dem Körper hier weniger Zeit fĂŒr eine Reparatur bleibt. So ist LeukĂ€mie der hĂ€ufigste strahlungsbedingte Krebs, andere Gewebe wie Lunge, Haut, SchilddrĂŒse, Brust und Magen können ebenfalls betroffen sein. Kindern sind anfĂ€lliger fĂŒr diese Folgen als Erwachsene, da sich im Wachstum die Zellen schneller teilen. Wenn Keimzellen durch die Strahlenwirkung unwiderruflich verĂ€ndert werden, können sich die Folgen der Strahlenexposition auf die Nachkommen erstrecken. Ein kleineres Gehirn, ein langsameres Wachstum und Lernschwierigkeiten sind einige der möglichen Auswirkungen.

EuropÀische Grenzwert-Verordnungen und wie gefÀhrdet ist eigentlich Deutschland?

Wie gefĂ€hrlich ist die Lage fĂŒr EuropĂ€er? In Deutschland liegen die Messwerte weit unterhalb der Grenze, ab der mit einer gesundheitliche GefĂ€hrdung zu rechnen ist. Durch die große geografische Distanz und infolge atmosphĂ€rischer Luftströmungen erreichen Europa nur sehr geringe Konzentrationen radioaktiver Teilchen.

Am 25. MĂ€rz wurden in Deutschland erstmals geringe Spuren der radioaktiven Substanzen gemessen, die durch das AKW-UnglĂŒck in Fukushima in die AtmosphĂ€re gelangt sind. Zeitgleich hat die EU-Kommision eine erste Verordnung zur Regelung von Importbedingungen und Strahlengrenzwerten in Lebensmitteln speziell fĂŒr Lebensmittel-Importe aus Japan erlassen. Die bis dahin uneingeschrĂ€nkt gĂŒltigen Grenzwerte fĂŒr Europa beruhen auf einer Verordnung, die 1990 nach den Ereignissen in Tschernobyl eingefĂŒhrt wurde. Die „Tschernobyl-Verordnung“ ist auf lĂ€ngerfristige Importe belasteter Lebensmittel ausgerichtet. Die im MĂ€rz erlassene EU-Verordnung 297/2011 hingegen orientiert sich am aktuellen Anlass und setzt, auch durch das Aufgreifen anderer Höchstwerte, eine kurzfristige Belastung voraus. Sie sieht verschĂ€rfte Lebensmittel-Kontrollen sowohl durch Japan als auch von Seiten des Importlandes vor. Zudem wurde in die Verordnung ein bisher noch nicht existenter Grenzwert fĂŒr kurzlebiges radioaktives Jod aufgenommen.

Das Umweltamt MĂŒnchen und die Organisation „foodwatch“ kritisierten die EU-VO 297/2011 stark. Trotz strengerer Einfuhrkontrollen verletze laut foodwatch die zunĂ€chst auf drei Monate begrenzte Verordnung EU-VO 297/2011 Verbraucherinteressen. So seien die darin geregelten Höchstwerte unnötig hoch angesetzt. Die Werte dieser Verordnung entstammen der bisher noch nicht in Kraft gesetzten Höchstwerte-Verordnung EURATOM/3954/1987. Letztere ist darauf ausgerichtet, im Fall eines radiologischen Notstandes in Europa die Versorgung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Foodwatch fordert vielmehr einen kompletten Importstopp, zumal Deutschland keine EngpĂ€sse unter Verzicht auf japanische Importe zu verzeichnen habe. Den Importstopp verlangt auch die Verbraucherzentrale Hamburg, die in der EU-VO 279/2011 eine regelrechte Aufforderung dazu sieht, belastete japanische Lebensmittel nach Europa zu „entsorgen“. Zu diesem Schluss kam die Organisation, da ein Vergleich ergeben habe, dass selbst die in Japan tolerierten Grenzwerte niedriger seien als die im MĂ€rz 2011 erlassenen europĂ€ischen.

Die vergleichsweise höheren CĂ€sium-Grenzwerte der EU VO 297/2011 sind nicht nur unter VerbaucherschĂŒtzern umstritten. So betrachtet das Bundesministerium fĂŒr Strahlenschutz (BfS) diese zwar als gesundheitlich unbedenklich, befĂŒrwortet aber dennoch aus „GrĂŒnden der Nachvollziehbarkeit und Konsistenz (
) eine Harmonisierung“ der CĂ€sium-Werte. Gleiches fordern das Bundesministerium fĂŒr Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) und die Bundesregierung. Am 8. April beugten sich die EuropĂ€ische Kommission und die EU-Mitgliedstaaten den Forderungen und einigten auf niedrigere Grenzwerte. Die neuen Werte orientieren sich an drei Vorlagen: Unter Wahl des jeweils niedrigsten Wertes flossen neben den Werten der Tschernobyl-VO und der EU VO 297/2011 auch die Japan-Grenzwerte mit ein. Die Werte gelten ab Anfang dieser Woche. Experten wollen bis zum Sommer zu einem Urteil darĂŒber gelangen, inwiefern die neuen oberen Grenzen gerechtfertigt sind.

„Tschernobyl-VO“ EU-VO 297/2011 Aktuelle Werte nach Vereinheitlichung*
GĂŒltigkeit 1990 – MĂ€rz 2011 MĂ€rz 2011 – April 2011 April 2011 – Sommer 2011
Radionuklid** CĂ€sium
(bcq/kg)
Jod
(bcq/kg)
CĂ€sium
(bcq/kg)
Jod
(bcq/kg)
CĂ€sium
(bcq/kg)
Nahrungsmittel fĂŒr SĂ€uglinge 370 150 400 100 200
Milcherzeugnisse 370 500 1.000 300 200
FlĂŒssige Nahrungsmittel 600 500 1.000 300 200
Nahrungsmittel mit „geringerer Bedeutung“ (SĂŒĂŸkartoffeln, Fischöl, GewĂŒrze u. a.) 600 20.000 12.500
Sonstige Lebensmittel 600 2.000 1.250 2.000 500

* Vereinheitlichung von: Tschernobyl-VO, EU-VO 297/2011 und japanischen Grenzwerten unter Wahl des jeweils niedrigsten Grenzwerts
** weitere, in den Verordnungen geregelte Radionuklide: Strontium, Plutonium

In Europa ist die Gefahr einer Belastung durch japanische Lebensmittel eher gering. Japan exportiert seit jeher nur wenige Lebensmittel und aufgrund der derzeitigen Lage wurden die japanischen Exporte weitgehend eingestellt. An Deutschland liefert Japan nur sehr spezielle Erzeugnisse wie Pilze, GewĂŒrze, Tees, Saucen, Alkoholika und einige frische Fischprodukte. Letztere machen nur einen sehr kleinen Bruchteil der deutschen Fischimporte aus (ca. 0,007 Prozent). Zudem werden Fische erst einige Wochen nach dem UnglĂŒck erste Belastungen aufweisen. Trotz großer Mengen radioaktiver Substanzen im Pazifik schĂ€tzen Experten die Belastung als vernachlĂ€ssigbar ein, da sich die Radionuklide durch die Meeresbewegungen ĂŒber viele Kilometer verteilen. Sinnvoll wĂ€re es sicherlich dennoch, pazifischen Fisch zukĂŒnftig entsprechenden Kontrollen zu unterziehen. Japan selbst ergreift ebenfalls Maßnahmen: Im Umkreis von 10 km um Fukushima herum darf nicht mehr gefischt werden. Zurzeit ruht der Fischfang in diesem Gebiet, da die Infrastruktur durch den Tsunami lahmgelegt wurde und die Fischer nicht arbeiten können. Sollte die Fischerei in den kontaminierten Gebieten wieder aufgenommen werden, so versichert Hajima Kawamura, Verantwortlicher der japanischen Fischereibehörde, eine Untersuchung der FĂ€nge.

Japan leidet unter den Folgen

In Japan ist die Belastung selbstverstĂ€ndlich enorm, ganz im Gegensatz zu Europa, zumal der Notfall immer noch fortbesteht. Japanische Behörden berichten von einer Strahlungsdosis von ca. 400 msv am Ort des UnglĂŒcks (Stand: BBC-Meldung vom 30. MĂ€rz). Durch diese Dosis könnten schadhafte Blutzellen im Knochenmark gebildet werden und zusĂ€tzlich zu den 20-25 von 100 in ihrem Leben ĂŒblicherweise an Krebs erkrankenden Japanern zwei bis drei Menschen mehr hinzukommen. Mit steigendem Abstand zu dem UnglĂŒcksort nehmen Belastung und mögliche GefĂ€hrdung ab. (EinschĂ€tzung Prof. R. Wakeford, Experte fĂŒr Strahlenbelastung an der UniversitĂ€t Manchester). Vor allem Kinder im nĂ€heren Umfeld des AKWs sollten mit Jodtabletten versorgt werden, da sie auf RadioaktivitĂ€t besonders empfindlich reagieren. Das Jod aus den Tabletten verhindert in hoher Dosierung, dass sich radioaktive Jodisotope in der SchilddrĂŒse anreichern können und nachfolgend Zellen entarten, was zu Krebs fĂŒhren kann.

BlattgemĂŒse wie Spinat aber auch GrĂ€ser nehmen die radioaktiven Teilchen schnell auf. Dadurch gelangen diese in die Nahrungskette. Hier reichert sich v. a. CĂ€sium an und ĂŒberdauert lange Jahre. Weidende Rinder und KĂŒhe, die das Gras fressen, liefern belastetes Fleisch und kontaminierte Milch. Auch das Trinkwasser ist verseucht, sogar in dem 200 km von Fukushima entfernten Tokio können v. a. Babys und Kleinkinder betroffen sein. Nach EinschĂ€tzung durch Japans Regierungssprecher Yukio Edano betrĂ€gt der radioaktive Gehalt in Spinat und Milch weniger als die Menge, welche durch die Belastung bei einer einzigen Computertomographie (medizinisches Untersuchungsverfahren) aufgenommen wird. Da die Grenzwerte sehr niedrig angesetzt seien, wĂŒrde eine Überschreitung nicht unbedingt gleich eine große Gefahr bedeuten, Ă€ußert Wakeford, Experte fĂŒr Strahlenschutz.

Nach dem ersten großen Erdbeben erschĂŒttern Japan immer wieder neue Beben. Die Belastung des Pazifiks hat durch das wiederholte Ableiten von belastetem KĂŒhlwasser in das Meer vor Fukushima weiter zugenommen. Japans Behörden zufolge entsprĂ€chen Auswirkungen und Schweregrad des Vorfalls der Höchststufe, der Stufe 7 der Ines-Skala (Internationalen Bewertungsskala fĂŒr nukleare Ereignisse), die bisher nur Tschernobyl erreichte. Eine Einordnung der Tragweite der VorfĂ€lle durch die dafĂŒr zustĂ€ndige Internationale Atomenergiebehörde steht bislang noch aus. Bis zur endgĂŒltigen Sicherung des UnglĂŒcksorts werden voraussichtlich noch Monate vergehen und die weiteren Entwicklungen bleiben abzuwarten.

(1) Hinweis:
In Deutschland gibt es keine Notwendigkeit zur Einnahme von Jodtabletten. Ganz im Gegenteil wird von einer solchen Selbstmedikation abgeraten, denn die unnötige Einnahme hoher Jod-Dosen kann gesundheitsschÀdigend wirken.

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verfasst von am 12. April 2011 um 15:33

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