Gesund gestaffelte Mehrwertsteuer als vielversprechender Ansatz zur Bekämpfung von Fettleibigkeit

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 4. Januar 2018

Durch eine Ausrichtung des Mehrwertsteuersatzes am gesundheitlichen Wert von Lebensmitteln ließen sich die Adipositasprävalenz spürbar reduzieren und dementsprechend auch das Gesundheitssystem entlasten. Wird es Zeit, in Deutschland die Mehrwertsteuer-Ampel einzuführen?

Obwohl die zunehmende Adipositasprävalenz und ihre Folgen für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem in den letzten Jahren verstärkt diskutiert wurden, hat sich an dem „gewichtigen“ Problem seither nichts geändert: Momentan gilt bereits jeder vierte Bundesbürger als adipös (fettleibig), Tendenz weiter steigend. „Das liegt nicht zuletzt an dem bisherigen Fokus der deutschen Politik, die hauptsächlich an die Verantwortung des Einzelnen appelliert und beispielsweise Kurse zur allgemeinen Aufklärung über gesunde Ernährung finanziert“, kritisiert der Ernährungsmediziner und Adipositasexperte Prof. Hans Hauner von der Technischen Universität München. Unter Wissenschaftlern gilt dieser verhaltensbezogene Ansatz als gescheitert, da eine dauerhafte Gewichtsreduktion dadurch bislang nur selten erreicht wurde. Statt den Fokus auf Verhaltensänderungen der Menschen mit Adipositas zu richten, wird mittlerweile verstärkt darauf gesetzt, die Rahmenbedingungen für gesundes Verhalten zu verbessern. Weg von der Verhaltensprävention, hin zur Verhältnisprävention. Maßnahmen der Verhältnisprävention werden auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO befürwortet. Hierzu zählen neben eines Verbots der Lebensmittelwerbung speziell für Kinder und der Formulierung verbindlicher Standards für die Kita- und Schulverpflegung auch Steueranpassungen.

Aktuell wird in Deutschland vermehrt über die gesundheitlichen Effekte eines nach Gesundheitswert gestaffelten Mehrwertsteuersatzes für Lebensmittel diskutiert. Anlass waren die Ergebnisse einer modellbasierten Studie, die Mitte November im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Im Auftrag verschiedener Gesundheitsorganisationen (darunter die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD)) hat der Hamburger Ökonom PD Dr. Tobias Effertz anhand von Modellrechnungen die Auswirkung einer Umgestaltung des deutschen Mehrwertsteuersystems auf das Ernährungsverhalten prognostiziert. Untersucht wurde zum einen die Auswirkungen auf die Adipositasprävalenz und außerdem die Veränderungen der Krankheitskosten im deutschen Gesundheitswesen.

Effertz analysierte verschiedene Staffelungen der Mehrwertsteuer, wobei sich das Szenario „Ampel Plus“ als am erfolgversprechendsten und politisch realistischsten erwies. In dem Szenario werden Lebensmittel je nach ihren Gesundheitseigenschaften in verschiedene Mehrwertsteuer-Kategorien eingeteilt:

  • Grün = keine Mehrwertsteuer: Obst und Gemüse
  • Gelb = 7 Prozent Mehrwertsteuer (entspricht dem aktuellen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für die meisten Lebensmittel): normale Lebensmittel wie Nudeln, Milch oder Fleisch
  • Rot = 19 Prozent Mehrwertsteuer: Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten

Für die besonders gesundheitsschädlichen Softdrinks mit zugesetztem Zucker oder Zuckerersatzstoffen könnte der Steuersatz auch weiter auf 29 Prozent erhöht werden. Ein Vorschlag, den Prof. Hauner begrüßt. Denn bei der Entstehung von Adipositas sind die sogenannten Erfrischungsgetränke laut Hauner von entscheidender Bedeutung und sogar wichtiger als Süßigkeiten.

Effertz‘ Berechnungen sind hypothetisch und basieren auf verschiedenen Annahmen, unter anderem darauf, dass die Verbraucher hierzulande auf die Änderung der Besteuerung von Lebensmitteln im selben Maße reagieren wie dies bislang bei Preisänderungen der Fall war und die durch ein gesünderes Konsumverhalten eingesparten Kalorien nicht an anderer Stelle wieder ausgleichen. Demnach würden Männer aufgrund ihres veränderten Lebensmittelkonsums und der damit einhergehenden geringeren Energieaufnahme je nach Mehrwertsteuerszenario durchschnittlich zwischen 1,75 und 4 Kilogramm abnehmen, Frauen zwischen 1 und 2,5 Kilogramm. Bei Männern und Frauen mit einer bestehenden Adipositas läge die Gewichtsabnahme mit rund 4 Kilogramm im oberen Bereich. Die Adipositashäufigkeit (Prävalenz) könnte laut Effertz‘ Schätzungen um bis zu 12,5 Prozent bei Männern und 6,9 Prozent bei Frauen gesenkt werden. Damit wäre der Effekt deutlich größer als bei anderen Präventionskonzepten wie Schulungs- und Aufklärungsprogrammen. Außerdem könnten die adipositasbedingten Krankheitskosten bereits nach einem Jahr um bis zu 13 Prozent (dies entspricht 3,8 Milliarden Euro) gesenkt werden.

„Die Studie zeigt, dass die Bürger durchaus mehr gesunde Lebensmittel kaufen wollen, bisher aber auch am Preis scheitern“, folgert Hans Hauner von der Technischen Universität München. „Beim Thema Ernährung spielen die Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle“, erläutert CDU-Gesundheitspolitiker Ulf Fink. „Natürlich soll jeder selbst entscheiden, was er kauft. Günstige Preise erleichtern es dem Verbraucher aber, seine Gesundheit zu fördern.“ Hinzu kommt ein günstiger Nebeneffekt hinsichtlich der Zusammensetzung von Fertigprodukten. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Hersteller von Fertiglebensmitteln häufig nach Steueranpassungen ihre Rezepturen überarbeiten und ihre Produkte dann mit geringerem Fett- und Zuckergehalt anbieten. „Die Bürger bekommen also bessere Produkte zum gleichen Preis“, so Hauner. Hiervon profitierten insbesondere einkommensschwächere Gruppen. „Auch für Deutschland sind Steueranpassungen ein effektiver Weg, um die Bürger vor Adipositas zu schützen“, schließt Hauner. Gesundheitspolitiker Fink sieht nun die Politik in der Pflicht, die erforderlichen Bedingungen zu schaffen, um eine gute Ernährung für alle zu erleichtern.

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verfasst von am 4. Januar 2018 um 08:43

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