Glutensensitivität: nur Einbildung?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 15. Mai 2012

Nocebo-Effekt d√ľrfte vielfach eine Rolle spielen

Die Zahl der von Glutensensitivit√§t betroffenen Menschen soll wesentlich gr√∂√üer sein als die der Z√∂liakiekranken. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls leicht, wenn man die Meldungen in der √Ėffentlichkeit verfolgt. Glutensensitive leiden unter Durchfall, Bauchschmerzen, Flatulenz und Kopfschmerzen, jedoch ohne spezifische Z√∂liakie-typische Beschwerden zu haben (ver√§nderte D√ľnndarmschleimhaut, erh√∂hte Konzentration von Antik√∂rpern gegen Transglutaminase und Endomysium).

In den USA sollen 17 Millionen Menschen von einer Glutensensitivit√§t, auch als „Glutenunvertr√§glichkeit ohne Z√∂liakie“ bezeichnet, betroffen sein. Es wird gesch√§tzt, dass 15-25 Prozent der amerikanischen Konsumenten glutenfreie Produkte konsumieren m√∂chten. Ungewissheit schafft hier Nachfrage: Zahlreiche Foren, Patientenseiten und Hersteller von glutenfreien Produkten informieren √ľber die – eher nebul√∂se – Erkrankung. Wohl nicht ganz ohne Eigennutz, denn das Gesch√§ft mit glutenfreien Produkten verspricht gro√üe Gewinne. Eine Notwendigkeit zum Verzehr dieser Produkte sei allerdings bei vielen dahingestellt.

Brot
© kochtopf

Gluten kommt als Eiweiß in den meisten Getreidesorten vor.

Diagnose und das Krankheitsbild einer Glutensensitivit√§t sind alles andere als gesichert und die wissenschaftliche Evidenz ist mangelhaft. Lediglich in einer im Jahr 2011 ver√∂ffentlichten Studie f√ľhrte die erneute Glutenaufnahme bei Patienten ohne Z√∂liakie zu einer Verschlechterung funktioneller Beschwerden. Die Mediziner A. Sabatino und G. Corazza setzen sich daher in einem Artikel, der in der Zeitschrift Annals of Internal Medicine erschienen ist, kritisch mit dem Krankheitsbild „Glutensensitivit√§t“ auseinander.

Die Erkl√§rungsans√§tze f√ľr den Zusammenhang zwischen der Glutenaufnahme und den Symptomen k√∂rperlichen Unwohlseins sind bislang rein spekulativ. Es wird vermutet, dass eine Aktivierung der angeborenen Stressantwort die Symptome ausl√∂sen kann. Im Gespr√§ch sind au√üerdem eine zus√§tzliche St√§rkemalabsorption, ver√§nderte Darmpassagezeiten sowie entz√ľndliche Prozesse im Darm, die durch die Glutenaufnahme gef√∂rdert werden. In vielen F√§llen k√∂nnte aber auch ein sogenannter Nocebo-Effekt vorliegen: Menschen, die davon √ľberzeugt sind, ein bestimmtes Lebensmittel nicht zu vertragen, leiden nach einer offenen Provokation unter bestimmten Symptomen. Ein solcher Nocebo-Effekt wurde bereits bei anderen (vermeintlichen) Lebensmittelunvertr√§glichkeiten durch Doppelblindstudien nachgewiesen.

Sabatino und Corazza raten, nicht zuletzt wegen der Alltagsbeeintr√§chtigungen und finanziellen Belastungen, die eine falsch-positive Glutensensitivit√§ts-Diagnose mit sich bringt, zu „mehr Vernunft und weniger Gef√ľhl“ bei der Diagnosestellung. Ideal sei eine doppelblinde, plazebokontrollierte orale Provokation. Da dieser Goldstandard sich im klinischen und √§rztlichen Alltag kaum etablieren l√§sst, empfehlen die √Ąrzte alternativ eine offene oder einfach verblindete Glutenprovokation je nach Art der geschilderten Symptome.

Quelle:
A. Di Sabatino, G. R. Corazza (2012): Nonceliac gluten sensitivity: sense or sensibility? Annals of Internal Medicine 156: 309-311

verfasst von am 15. Mai 2012 um 11:06

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Ein Kommentar zu “Glutensensitivit√§t: nur Einbildung?”

  1. Cecilia sagt:

    Sch√∂n, wie auch hier wieder alles auf die Psyche geschoben, und der Mensch nicht f√ľr voll genommen wird. Dieser Artikel ist absolut nicht Up to Date. Denn auch Menschen, die keine Darmzottenver√§nderung haben, leiden wohl tats√§chlich am Hochleistungsweizen. Neuere Forschungen (so neu sind sie garnicht mehr) haben ergeben, dass nicht das Gluten, sondern ein Protein die Symptome ausl√∂st, die mit Glutenintoleranz ebenfalls einhergehen. Dieses Protein (ATI) ist ein im Weizen nat√ľrlich vorkommender Insektenabwehrschutz, der in den letzten Jahren derma√üen hochgez√ľchtet wurde, dass einem schwindelig werden kann. Hier ein guter Film, um sich etwas schlau dar√ľber zu machen:
    http://www.ardmediathek.de/hr-fernsehen/alles-wissen/unangenehme-darmbeschwerden?documentId=9755924
    Nix f√ľr ungut…

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