Kann eine gesunde Ernährung den Verlauf von Multipler Sklerose verbessern?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 22. Februar 2018

Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte verzehren, leiden seltener unter typischen Krankheitssymptomen und sind weniger im Alltag beeinträchtigt. Dies ergab eine Studie, die kürzlich in der medizinischen Fachzeitschrift der Amerikanischen Akademie für Neurologie veröffentlicht wurde.

Multiple Sklerose (kurz: MS) ist eine chronisch-entzündliche Krankheit des Zentralnervensystems, bei der körpereigene Abwehrzellen bestimmte Bereiche der Nerven angreifen, zerstören und Entzündungen verursachen. Als Folge treten typische Symptome wie Sehstörungen, allgemeine Schwäche, schnelle Ermüdbarkeit, Sensibilitätsstörungen, Spastiken (Steifigkeitsgefühle), Taubheitsgefühle und Lähmungen auf. MS tritt meist erstmals bei Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren. Die Krankheit verläuft zu Beginn überwiegend schubförmig und geht bei etwa jedem dritten Patienten nach 10 bis 15 Jahren in eine chronisch fortschreitende Form über. Allerdings lässt sich der individuelle Verlauf kaum prognostizieren. Nach Angaben der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft leben derzeit mehr als 200.000 an MS erkrankte Menschen in Deutschland, jährlich erkranken rund 2.500 Menschen neu daran.

„Menschen mit MS fragen oft, ob sie etwas tun können, um eine Behinderung zu verzögern oder zu vermeiden, und viele Menschen möchten wissen, ob ihre Ernährung eine Rolle spielen kann, aber es gibt nur wenige Studien, die dies untersuchen“, erläutert Neurologin Kathryn C. Fitzgerald von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore den Ausgangspunkt der aktuellen Studie. „Zwar wurde in dieser Studie nicht bestimmt, ob ein gesunder Lebensstil MS-Symptome reduziert oder ob schwere Symptome es für die Menschen schwerer machen, sich auf einen gesunden Lebensstil einzulassen, allerdings gibt sie Hinweise auf die Verbindung zwischen den beiden.“

Gemeinsam mit ihren Kollegen befragte Hopkins 6.989 Menschen, die an verschiedenen MS-Formen erkrankt sind, per Fragebogen zu ihrer Ernährung, ihrem Lebensstil und dem Auftreten von MS-Symptomen und Schüben sowie deren Schweregrad über sechs Monate. Die Probanden wurden in Abhängigkeit von ihrem Verzehr an Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, zuckerhaltigen Desserts und Getränken und rotem Fleisch in fünf Gruppen eingeteilt, wobei ein hoher Konsum von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten als günstig angesehen wurde, viele zuckerhaltige Desserts und Getränke und der Verzehr von rotem Fleisch dagegen als eher ungünstig. Verglichen mit den Probanden, die sich am wenigsten gesund ernährten, verzehrten Probanden mit der gesündesten Ernährungsweise pro Tag im Durchschnitt 1,4 Portionen mehr Vollkornprodukte (1,7 vs. 0,3 Portionen) und 1,6 Portionen mehr Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte (3,3 vs. 1,7 Portionen).

Für die Einschätzung des Lebensstils zogen die Wissenschaftler neben der Ernährung der Probanden auch deren Körpergewicht, Nikotinkonsum und regelmäßige körperliche Aktivität in Betracht.

Verglichen mit der Gruppe der Probanden, die sich am ungünstigsten ernährten, hatten die Probenden mit der besten Ernährungsqualität 20 Prozent seltener schwere körperliche Beeinträchtigungen, wobei altersbedingte Unterschiede, der Einfluss der Krankheitsdauer und weitere Störgrößen bereits berücksichtigt wurden. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit einer Depression in der sich gesund ernährenden Gruppe 20 Prozent geringer. In der Studie gaben die Probanden außerdem Auskunft darüber, ob sie eine spezielle Ernährungsweise praktizierten, beispielsweise die bei MS propagierte Ernährung nach Wahls. Die Wissenschaftler stellten fest, dass eine frühere oder aktuelle spezielle Ernährungsweise das Risiko einer verstärkten Beeinträchtigung durch MS nur geringfügig reduzierte.

Auch ein insgesamt günstiger Lebensstil war mit geringeren Krankheitsanzeichen assoziiert. So war die Wahrscheinlichkeit für eine Depression bei den Probanden mit gesundem Lebensstil 47 Prozent geringer, starke Müdigkeit (Fatigue) traten 31 Prozent, kognitive Beeinträchtigungen 33 Prozent und Schmerzen sogar 44 Prozent seltener auf.

Bei der Interpretation der Ergebnisse sollten Schwächen des Studiendesigns berücksichtigt werden. So lässt die aktuelle Studie keine Rückschlüsse auf die Kausalität zu, es kann also nicht mit Sicherheit gefolgert werden, ob eine gesündere Ernährungsweise beziehungsweise ein gesünderer Lebensstil sich tatsächlich positiv auf den MS-Verlauf auswirken oder ob nicht die Schwere der Erkrankung das Ernährungsverhalten und den Lebensstil (beispielsweise die Möglichkeit, frische Produkte zu erwerben, körperlich aktiv zu sein etc.) beeinflusst. Hinzu kommt, dass die meisten an MS erkrankten Personen, die an der Studie teilgenommen haben, eher älter waren und durchschnittlich bereits annähernd 20 Jahre MS hatten. Daher ist nicht sicher, inwieweit die Ergebnisse auch für jüngere MS-Patienten mit kürzerer Erkrankungsdauer gelten.

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verfasst von am 22. Februar 2018 um 07:12

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