Kunststoff-Weichmacher erh√∂hen Risiko f√ľr allergisches Asthma bei Kindern

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 13. Juni 2017

Kinder, deren M√ľtter w√§hrend der Schwangerschaft und Stillzeit besonders stark mit dem Kunststoff-Weichmacher Phthalat belastet gewesen sind, leiden vergleichsweise h√§ufig an allergischem Asthma. Schuld daran sind m√∂glicherweise epigenetische Ver√§nderungen.

Von A wie Abfalleimer bis Z wie Zahnb√ľrste. Eine Welt ohne Kunststoffe ist f√ľr uns kaum vorstellbar. Viele Kunststoffe enthalten Weichmacher wie beispielsweise Phthalate, die die Kunststoffprodukte geschmeidiger machen sollen. Allerdings k√∂nnen Phthalate √ľber die Nahrung, die Luft und die Haut in unseren K√∂rper gelangen und negative Reaktionen hervorrufen. „Dass Phthalate unser Hormonsystem beeinflussen und dadurch zu unerw√ľnschten Wirkungen auf Stoffwechsel oder Fruchtbarkeit f√ľhren k√∂nnen, ist bekannt. Das ist aber noch nicht alles“, f√§hrt Umweltimmunologe Dr. Tobias Polte vom Umweltforschungszentrum Leipzig fort. „Unsere aktuellen Studienergebnisse zeigen, dass Phthalate auch in das Immunsystem eingreifen und das Allergierisiko deutlich erh√∂hen k√∂nnen.“

In der angesprochenen Studie untersuchte ein interdisziplin√§res Team von Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ) sowie des Umweltforschungszentrums und der Universit√§t Leipzig den Zusammenhang zwischen der m√ľtterlichen Phthalatexposition w√§hrend der Schwangerschaft und Stillzeit und dem Risiko der Nachkommen, an einem allergischen Asthma zu erkranken. Ausgehend vom Menschen √ľber das Mausmodell und die Zellkultur wieder zur√ľck zum Menschen: Der in der aktuellen Studie angewandte translationale Forschungsansatz erlaubt nicht nur die Pr√ľfung der Kausalit√§t der Ergebnisse, sondern erm√∂glicht zus√§tzlich die Erforschung der zugrunde liegenden Mechanismen.

Zun√§chst untersuchten die Wissenschaftler den Urin von 629 schwangeren Frauen aus einer deutschen Mutter-Kind-Kohorten-Studie namens LINA („Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss auf das Neugeborenen-Allergierisiko“) auf Abbauprodukte von Phthalten. Anschlie√üend analysierten sie den Zusammenhang zwischen der Konzentration dieser Metaboliten und der Neigung der Kinder zu allergischem Asthma. „Es zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen erh√∂hten Konzentrationen des Metaboliten von Butylbenzylphthalat (BBP) im Urin der M√ľtter und dem Vorkommen von allergischem Asthma bei den Kindern, fasst Dr. Irina Lehmann ihre Ergebnisse zusammen.

Zur √úberpr√ľfung und Vertiefung der bisherigen Ergebnisse wurden weitere Untersuchungen an M√§usen durchgef√ľhrt. Auch hier hatten die Nachkommen der ersten und sogar der zweiten Generation von mit BBP belasteten M√ľttern/Gro√üm√ľttern ein erh√∂htes Risiko f√ľr allergisches Asthma. Dagegen hatten Tiere, die zum Zeitpunkt der erh√∂hten BBP-Belastung bereits erwachsen waren, kein erh√∂htes Allergierisiko. „Entscheidend ist also der Zeitpunkt: Ist der Organismus w√§hrend der fr√ľhen Entwicklungsphase Phthalaten ausgesetzt, kann das Auswirkungen auf das Krankheitsrisiko bis in die √ľbern√§chste Generation haben“, folgert Dr. Polte. „Durch die Phthalatbelastung wird also offenbar die pr√§natale Pr√§gung ver√§ndert.“

Weitere Analysen ergaben, dass die Gene der M√§usenachkommen mit mehr Methylgruppen versehen waren als normalerweise √ľblich, wodurch die an der entsprechenden Stelle codierten Proteine nicht mehr hergestellt werden k√∂nnen. „Phthalate schalten offenbar entscheidende Gene durch DNA-Methylierung aus, wodurch deren Aktivit√§t bei den jungen M√§usen verringert ist“, erl√§utert Dr. Polte. M√∂glicherweise werden auf diese Weise Gegenspieler (Repressoren) allergief√∂rdernder T-Helfer-2-Zellen ausgebremst und so die Entstehung einer Allergie beg√ľnstigt. „Wir vermuten, dass dieser Zusammenhang f√ľr die Entwicklung eines allergischen Asthmas durch Phthalate ausschlaggebend ist“, erg√§nzt Dr. Polte. „Im Zellversuch konnten wir dar√ľber hinaus zeigen, dass sich aus Immunzellen von Nachkommen belasteter Mutterm√§use verst√§rkt T-Helfer-2-Zellen bilden, was bei Nachkommen unbelasteter Tiere eher seltener der Fall ist. Eine erh√∂hte Neigung zu Allergien konnten wir so noch einmal nachweisen.“

Sind die Ergebnisse aus dem Mausmodel auch auf den menschlichen Organismus √ľbertragbar? Nachdem die Wissenschaftler in ihren Tierversuchen konkrete Hinweise auf epigenetische Ver√§nderungen bei bestimmten Genen erhalten hatten, suchten sie nach entsprechenden Ver√§nderungen bei den Kindern der LINA-Kohorte. Mit Erfolg: Auch beim Menschen waren die entsprechenden Gene durch Methylgruppen blockiert und konnte nicht abgelesen werden. „Mithilfe unseres translationalen Studienansatzes […] konnten wir zeigen, dass offensichtlich epigenetische Ver√§nderungen daf√ľr verantwortlich sind, dass Kinder bei starker m√ľtterlicher Phthalat-Belastung w√§hrend Schwangerschaft und Stillzeit ein erh√∂htes Risiko haben, ein allergisches Asthma zu entwickeln.“, sagt Polte. „Ziel unserer weiteren Forschung wird es sein, zu verstehen, wie genau bestimmte Phthalate eine Methylierung von Genen hervorrufen, die f√ľr die Allergieentstehung relevant sind.“

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verfasst von am 13. Juni 2017 um 09:41

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