Mehr Freiheiten für Menschen mit Diabetes

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 14. Oktober 2014

Neues Glukose-Messsystem erleichtert das Diabetes-Selbstmanagement und verspricht mehr Lebensqualität

Mehrmals am Tag seinen Blutzucker messen und sich dafür in den Finger stechen, das ist für viele Menschen mit Diabetes, die eine Insulintherapie durchführen, über Jahre Realität. Aber auch wenn ihnen dies zwischenzeitlich fast zur Gewohnheit geworden ist, wären die meisten von ihnen doch glücklich, wenn es eine praktikable und erschwingliche Lösung gäbe, die diese routinemäßigen Kontrollen ersetzen kann. Jetzt scheint es so weit zu sein: Die Firma Abbott hat eine neue Technologie der Glukosekontrolle, das „Flash Glucose Monitoring“, auf den Markt gebracht, die das regelmäßige in den Finger Stechen weitgehend überflüssig machen soll.

Die regelmäßige Blutzuckerkontrolle gehört bei Menschen mit Diabetes, die Insulin spritzen müssen – dies sind alle mit Typ 1-Diabetes und auch viele mit Typ 2-Diabetes – zum Alltag. Die herkömmlichen Messungen mit Teststreifen werden meist vor dem Essen und 2 Stunden danach durchgeführt, manchmal zusätzlich vor dem Schlafengehen oder auch nachts. Zusätzliche Messungen sind oft auch vor, während und nach dem Sport notwendig. So sind für ein effektives Diabetes-Selbstmanagement in der Regel 6 bis 9 Blutzuckerkontrollen am Tage erforderlich. Der gemessene Blutzucker bildet dann die Basis für die Berechnung der Höhe der Insulininjektion oder dient zur nachträglichen Überprüfung, ob die Insulindosis korrekt war. Für die Betroffenen bedeutet dies neben dem mehrfachen täglichen Stechen auch gewisse Einschränkungen im Alltag.

Abbott-Sensor

© Abbott Diabetes Care

Hier verspricht jetzt ein neues Messsystem, das Abbott Freestyle Libre, Abhilfe. Das Herzstück des neuen Messverfahrens ist ein Sensor, der mit Hilfe eines Applikators vom Patienten selbst am Oberarm angebracht wird und dort 14 Tage aufgeklebt verbleiben kann. Der technologisch wichtigste Teil dieses Sensors ist ein Messfaden, der beim Anbringen des Gerätes 5 mm tief in die Haut eingeführt wird. Über diesen wird mittels einer speziellen Technologie („wired enzyme electrodes“) die Glukosekonzentration in der Gewebsflüssigkeit in kurzen, regelmäßigen Abständen gemessen. In der Kappe des Sensors steckt eine aufwändige Elektronik, die einen Teil des Messvorgangs und die Interpretation der gemessenen Signale übernimmt. Die errechneten Werte können vom Sensor über 8 Stunden gespeichert werden.

Die so gewonnenen Daten lassen sich über ein Lesegerät mit RFID-Technologie (verschlüsselte kabellose Datenübertragung auf Entfernung von wenigen Zentimetern) auslesen und werden auf dessen Display grafisch aufbereitet dargestellt. Bei der Interpretation der angezeigten Werte ist zu beachten, dass die Messung in der Gewebsflüssigkeit und nicht im Blut erfolgt, dies bedeutet eine gewisse Verzögerung der Anpassung des Wertes, die Firma spricht von ca. 15 Minuten. Punktuelle Blutzuckerkontrollen werden also insbesondere bei Symptomen einer Hypoglykämie erforderlich bleiben, wobei diese mit dem gleichen Gerät durchgeführt werden können. Die im Auslesegerät implementierte Software zeigt neben den gemessenen Zuckerwerten auch Trends der Blutzuckerwerte an und liefert somit indirekt auch Anhaltspunkte für das weitere Vorgehen.

Abbott-Sensor-2

© Abbott Diabetes Care

Aus medizinischer Sicht ergeben sich durch das neue Messsystem einige Vorteile. Durch die regelmäßigen, automatisierten Bestimmungen der Gewebsglukose lassen sich gegenüber den bisherigen punktuellen Blutzuckermessungen Zuckerverlaufskurven und Trends deutlich besser erfassen. Sowohl der Patient selbst als auch das betreuende Diabetesteam erhalten wesentlich mehr Informationen über den Blutzucker, die in der Folge bei der Optimierung der Diabeteseinstellung berücksichtigt werden können. Das System ermöglicht es auch, nachts durch einfaches Darüberstreichen mit dem Lesegerät Informationen über den Blutzuckerverlauf zu gewinnen, ohne den Patient wecken zu müssen. Dies könnte in der Zukunft ein großer Vorteil für Eltern von Kindern mit Diabetes werden, allerdings ist das Gerät bisher nur für Erwachsene zugelassen.

Ob die Ziele einer Reduktion von Hypoglykämien (Unterzuckerungen) und einer besseren Diabeteseinstellung mithilfe des neuen Messsystems erreicht werden können, werden die Erfahrungen in der Anwendung und weitere Studien zeigen. Zumindest können Trends in der Glukoseentwicklung frühzeitiger erkannt werden, was zum Abbau von Unterzuckerungsängsten bei Patienten und Angehörigen beitragen dürfte und den Menschen mit Diabetes helfen kann, selbstbewusster mit ihrer Erkrankung umzugehen (Empowerment). Auch bei der Schulung kann das neue Messsystem einen wertvollen Beitrag leisten (Selbst-Management).

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© Abbott Diabetes Care

Bleibt nur noch die Gretchenfrage: Was kostet diese neue Entwicklung für den Anwender und wer wird sich dies leisten können? Die von Abbott herausgegebene Preisliste ist überschaubar: Sowohl das Lesegerät als auch der Sensor für 2 Wochen kosten jeweils € 59,90, im Abo ist der Sensor noch ca. 10% günstiger erhältlich. Die Kosten summieren sich also bei den Sensoren im Monat auf ca. € 130.-, und dies ist in etwa so viel wie ein insulinpflichtiger Diabetiker für Teststreifen und sonstiges Verbrauchsmaterial aufbringen muss.

Diese Preisgestaltung erscheint äußerst fair und wird sicherlich dazu beitragen, dass viele Menschen mit Diabetes diese Alternative zur mehrfach täglichen Blutzuckermessung bald ausprobieren werden. Ob die Kosten für die Sensoren – wie derzeit für die Teststreifen zur Blutzuckermessung – eines Tages von den Kassen übernommen werden, ist noch nicht absehbar.

Das System wird ab Ende Oktober verfügbar sein. Nach aktuellem Stand ist es ausschließlich im Online-Vertrieb über Abbott (www.FreeStyleLibre.de) erhältlich.

Quelle:
Pressekonferenz/Presseinformationen der Fa. Abbott

verfasst von am 14. Oktober 2014 um 08:08

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Ein Kommentar zu “Mehr Freiheiten für Menschen mit Diabetes”

  1. Harald Dahl sagt:

    Hallo,
    das ist kaum zu glauben. 130 € muss meine Krankenkasse im Monat für Teststreifen aufwenden. Dabei komme ich gerade auf 7 bis 8 Messungen am Tag. Dabei muss ich mich ständig in Acht nehmen und meinen Lebensablauf total einschränken. Als aktiver Diabetiker müsste ich mindestens 10 bis 14 mal am Tag messen Selbst ein kleiner Spaziergang geht nicht ohne Blutzuckermessung.
    Solche Erklärungen überhört mein Diabetologe einfach so, weil der mir offensichtlich nicht 200 Teststreifen pro Monat mehr verschreiben will.
    Es also die KK nicht demnächst diese neue und bessere und zuverlässige Art der BZ-Messung finanzieren will, dann werde ich halt die Kosten hierfür notgedrungen selber aufwenden müssen.

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