Missverst√§ndlich und irref√ľhrend: Kritik an Kennzeichnung von Folgenahrungen und Kindermilchen in den USA

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Donnerstag, 26. April 2018

Obwohl Fachgesellschaften keinen Vorteil in der Verwendung von Folgenahrungen und Kindermilchen f√ľr Kleinkinder sehen, werden diese mitunter so beworben, als w√§ren sie herk√∂mmlicher Kuhmilch und einer ausgewogenen Ern√§hrung deutlich √ľberlegen. Welche Eltern m√∂chten nicht, dass ihre Kinder von den versprochenen gesundheitlichen, ern√§hrungsphysiologischen und entwicklungsbezogenen Vorteilen profitieren?

Die Amerikanische Akademie f√ľr Kinderheilkunde und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sich einig: Ab einem Alter von einem Jahr sollten Kleinkinder Kuhmilch als Bestandteil einer gesunden Ern√§hrung erhalten. Industriell gefertigte Produkte wie Folgenahrungen oder Kindermilchen werden von der WHO als „unn√∂tig“ und „ungeeignet“ eingestuft, und die Amerikanische Akademie der Haus√§rzte sieht ebenfalls keine Vorteile bei der Verwendung spezieller Kindermilchen im Vergleich zu einer n√§hrstoffreichen Ern√§hrung inklusive Kuhmilch.

Naturgem√§√ü sind die Hersteller solcher speziell f√ľr Kleinkinder hergestellten und beworbenen Milchprodukte ganz anderer Ansicht. In den letzten Jahren wurde der US-amerikanische Werbeetat f√ľr Kleinkindergetr√§nke nochmals aufgestockt. Experten aus dem Bereich der √∂ffentlichen Gesundheit kritisieren seither fragw√ľrdige Versprechen und Kennzeichnungspraktiken. Beispiele hierf√ľr sind Botschaften, die die Notwendigkeit solcher Produkte f√ľr das Wachstum und die geistige Leistungsf√§higkeit der Kleinkinder suggerieren oder sie als Ausweg bei w√§hlerischem Essverhalten ausloben. Auch auf den Verpackungen deutscher Produkte werden h√§ufig ein (angeblich) besonderer N√§hrstoffgehalt und gesundheitliche Vorteile (beispielsweise die St√§rkung des Immunsystems) herausgestellt.

In einer aktuellen Marktanalyse fanden US-amerikanische Wissenschaftler auf allen Verpackungen gesundheits- oder ern√§hrungsbezogene Versprechungen, vielfach sogar mehrere gleichzeitig. H√§ufig wurde auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien oder Expertenmeinungen verwiesen. „Auf allen Produkten wurden Behauptungen in Bezug auf Ern√§hrung und Gesundheit gemacht, und viele aufgef√ľhrten Expertenempfehlungen k√∂nnten dazu f√ľhren, dass die Bezugspersonen glauben, diese Produkte seien notwendig und gesund“, warnt Assistenzprofessorin Jennifer L. Pomeranz vom New Yorker Universit√§tscollege f√ľr √∂ffentliche Gesundheit und Erstautorin der Studie, die vor kurzem in der Fachzeitschrift Preventive Medicine ver√∂ffentlicht wurde. „Tats√§chlich werden sie von Gesundheitsexperten nicht empfohlen, da es keine Anhaltspunkte daf√ľr gibt, dass sie aus ern√§hrungsphysiologischer Sicht gesunden Lebensmitteln und Vollmilch f√ľr Kleinkinder √ľberlegen sind“, f√§hrt Pomeranz fort.

F√ľr Irritationen sorgen au√üerdem unterschiedliche Bezeichnungen wie „Folgenahrung f√ľr Kleinkinder“, „Kleinkindgetr√§nk“, „Kleinkind-Folgemilch“ oder „Milchgetr√§nk“. H√§ufig ist das Design von Folgeprodukten auffallend √§hnlich gestaltet wie jenes der S√§uglingsanfangsnahrungen desselben Herstellers. Dies k√∂nnte insofern von Nutzen sein, dass die Einsch√§tzung der Verbraucher in Bezug auf die Eignung eines S√§uglingsanfangsprodukts automatisch auf das Folgeprodukt f√ľr die √§ltere Altersgruppe √ľbertragen wird. Zugleich wird es Verbrauchern erschwert, beide Produktkategorien zu unterscheiden.

Zwar existieren in den USA ein gesetzlicher Rahmen f√ľr die Kennzeichnung von Lebensmitteln und verschiedene Richtlinien f√ľr S√§uglingsanfangsnahrungen, Milchgetr√§nke f√ľr Kleinkinder wurden bislang aber nicht explizit reguliert. Die Wissenschaftler um Pomeranz sehen nun die amerikanische Gesundheitsbeh√∂rde FDA in der Pflicht, Orientierungshilfen oder gesetzliche Rahmenbedingungen im Bereich der Kennzeichnung von Milchgetr√§nken f√ľr Kleinkinder zu bieten. Als Beispiele nennen sie verpflichtende Herstellerangaben, dass vor der Verwendung entsprechender Produkte ein Arzt konsultiert werden sollte, die Formulierung geeigneter gesundheits- und n√§hrwertbezogener Aussagen seitens der Hersteller und eine klare Differenzierung zwischen S√§uglingsanfangsnahrungen, Folgenahrungen und Kindermilchen. Sie fordern ferner, dass Hersteller ihre Kennzeichnungspraktiken dahingehend √§ndern, dass sie Verbrauchern erm√∂glichen, informierte Entscheidungen zu treffen. Hierzu z√§hlten beispielsweise die Vereinheitlichung von Produktbezeichnungen, der Verzicht auf fragw√ľrdige Werbung mit Expertenmeinungen und die Einhaltung von FDA-Vorschriften.

„Obwohl Getr√§nke f√ľr Kleinkinder unn√∂tig sind und eine n√§hrstoffreiche Ern√§hrung unterminieren k√∂nnen, haben die Hersteller die Vermarktung dieser Produkte ausgeweitet. Daher ist es wichtig, dass die Kennzeichnung solcher Produkte klar, transparent und genau erfolgt“, fasst Pomeranz zusammen. „Die FDA und die Hersteller sollten dabei zusammenarbeiten, die unangemessene Kennzeichnung von Kleinkindgetr√§nken zu beenden und sicherzustellen, dass Bezugspersonen zuverl√§ssige Informationen haben, um ihre Kinder ausgewogen zu ern√§hren.“

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verfasst von am 26. April 2018 um 06:15

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