Nahrungssuche unabhängig von Hunger

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 28. März 2017

Wissenschaftler des Leibniz-Instituts f√ľr Molekulare Pharmakologie und ihre Kollegen haben den neuronalen Schaltkreis entdeckt, der die Nahrungssuche aktiviert. Dieser Vorgang geschieht unabh√§ngig vom Hungergef√ľhl und k√∂nnte zuk√ľnftig auch f√ľr die Therapie von Essst√∂rungen von Interesse sein.

Der Drang zur Nahrungssuche z√§hlt zu den Urinstinkten, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben. War f√ľr sie das Jagen und Sammeln lebensnotwendig, endet die Nahrungssuche im 21. Jahrhundert am eigenen K√ľhlschrank oder im Supermarkt.

√úber die zugrunde liegenden neurologischen Mechanismen der Nahrungssuche war bislang wenig bekannt. Ausgehend von dem Wissen, dass kognitive Funktionen wie Ged√§chtnis und Aufmerksamkeit im Gehirn durch blitzschnelle Wellen mit 30 bis 100 Schwingungen pro Sekunde unterst√ľtzt werden, haben Dr. Tatiana Korotkova, Dr. Alexey Ponomarenko und ihre Kollegen untersucht, ob diese Wellen auch mit der Nahrungssuche in Verbindung stehen.

Und tats√§chlich: „Zusammen mit Kollegen aus den USA und Gro√übritannien konnten wir den Schaltkreis auf verschiedenen Ebenen pr√§zise charakterisieren ‚Äď von anatomischen Verbindungen bis hin zur Erregung einzelner Zellen“, schreiben Korotkova und Ponomarenko in ihrem Artikel, der aktuell im der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ ver√∂ffentlicht wurde. Der von ihnen beschriebene Mechanismus aktiviert die Nahrungssuche. Au√üerdem konnten die Wissenschaftler zeigen, dass rasend schnelle Wellen, sogenannte Gamma-Oszillationen, diesen Mechanismus im lateralen Hypothalamus organisieren. Der Hypothalamus ist der Bereich des Zwischenhirns, der unter anderem das Essverhalten reguliert. Die Forscher gehen nun davon aus, dass Gamma Oszillationen dabei helfen, Informationen direkt an den Hypothalamus weiterzuleiten.

Mit Hilfe der Optogenetik (einem Verfahren, bei dem mit Hilfe von Licht spezielle Signalkreise im Gehirn gesteuert werden k√∂nnen) konnten die Wissenschaftler M√§use dazu anregen, nach Futter zu suchen. Bemerkenswerterweise gelang dies auch dann, wenn die Tiere eigentlich gar nicht hungrig waren. Korotkova, Ponomarenko und ihre Kollegen schlie√üen daraus, dass die Nahrungssuche und das Essverhalten teilweise unabh√§ngige Vorg√§nge sind. „Geeignetes Futter zu finden, ist in der freien Natur ein zeitraubendes Unterfangen“, erl√§utert Korotkova, „deshalb beginnen Tiere schon damit, bevor sie hungrig werden, weil es sonst vielleicht zu sp√§t sein k√∂nnte. Wahrscheinlich ist es dieser Schaltkreis, der uns veranlasst, die Restaurants in einer fremden Stadt abzuchecken oder immer wieder einen Blick in den K√ľhlschrank zu werfen“, spekuliert die Biologin.

W√§hrend also laut der aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaftler Nahrungssuche einerseits und das Bed√ľrfnis nach Nahrung andererseits normalerweise entkoppelt sind, scheint diese Trennung bei Essst√∂rungen nicht mehr intakt zu sein. Korotkova und ihre Kollegen hoffen, dass ihre Forschungsergebnisse dazu beitragen, die zugrundeliegenden neurologischen Vorg√§nge bei Essst√∂rungen besser zu verstehen und damit neue therapeutische M√∂glichkeiten zur Behandlung von Essst√∂rungen zu offenbaren.

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verfasst von am 28. März 2017 um 06:53

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