Präventiv und akzeptiert Рrundum gelungene Schulverpflegung hat ihren Preis

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Mittwoch, 21. März 2012

Kantine
© JuditK

Mehr und mehr Schulen in Deutschland werden zu Ganztagsschulen. Mit der l√§ngeren Aufenthaltsdauer r√ľckt das Thema Schulverpflegung, insbesondere das Mittagessen, st√§rker in den Fokus. F√ľr sch√§tzungsweise zwei Millionen Sch√ľler muss eine entsprechende Verpflegung angeboten werden. Doch vielseitige Anspr√ľche k√∂nnen die Schulen vor eine gro√üe Herausforderung stellen.

Gesund, lecker, abwechslungsreich, an den Erwartungen orientiert, materiell erschwinglich, aber auch finanzierbar, dar√ľber hinaus wenn m√∂glich auch verst√§rkt saisonal, regional und √∂kologisch. Vielschichtige Anforderungen treffen bei dem Projekt „Schulverpflegung“ zusammen. Zun√§chst Tim M√§lzer (KLASSE, KOCHEN) und nun Johann Lafer (Food@ucation; Pilotprojekt mit der Hochschule Fulda) – an Prominenz fehlt es bei der Umsetzung dieses Vorhabens nicht, wohl aber an gro√üfl√§chig verzeichneten Erfolgen.

Person beim Essen
© Yarden Sachs

Denn bislang sieht es eher weniger rosig aus. Die Verpflegung an 180 von 200 Schulen, die von einer Arbeitsgruppe der Hochschule Niederrhein untersucht wurden, erf√ľllte die Qualit√§tskriterien f√ľr ein gesundes Essen nicht. Ob Caterer, die warmgehaltene Speisen liefern oder die behelfsm√§√üige L√∂sung der selber kochenden Eltern, „die bisherigen Versuche, in Deutschland die Situation zu verbessern, schlugen leider fehl. Dies liegt am falschen Optimierungsansatz“, meint Prof. Dr. Volker Peinelt, der die AG Schulverpflegung der Hochschule Niederrhein leitet. Statt langer Warmhaltezeiten bzw. fehlendem Know-how setzt Peinelt auf erfahrene Dienstleister und Cook & Chill ‚Äď Kochen und K√ľhlen ‚Äď ein Temperatur-entkoppelten Herstellungsverfahren. Peinelt sieht au√üerdem in einer verpflichtenden Zertifizierung f√ľr Schulen und Zulieferer einen wichtigen Schritt hin zu einer guten Essensqualit√§t.

Das Thema Schulverpflegung erlangt in Deutschland zunehmende Brisanz: Ende 2011 fand dazu erstmals eine √∂ffentliche Anh√∂rung durch einen Ausschuss des deutschen Bundestags statt. Bei der Anh√∂rung stellten mehrere Experten, die sich mit diesem Bereich besch√§ftigen, ihre Ansicht dar. Neben Vertretern der Deutschen Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung (DGE), des Deutschen Netzwerk Schulverpflegung e. V., der Hochschule Fulda, des Ministeriums f√ľr Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen und der Plattform Ern√§hrung und Bewegung e. V. nahmen drei Einzelsachverst√§ndige an der Anh√∂rung teil.

Apfel
© expressionposthumus

Die M√∂glichkeit zur Gesundheitsf√∂rderung und Ern√§hrungsbildung in der Schule sollte nach Ansicht der Experten nicht au√üen vor gelassen werden. Hier biete sich eine wichtige Gelegenheit zur Pr√§vention. Bisher wurde ein Heranf√ľhren an eine gesunde Ern√§hrung allerdings weder als ein grundlegender Aspekt der Schulbildung noch der Schulverpflegung betrachtet.

In den USA erst k√ľrzlich gescheitert, in England durchgesetzt: Vorgaben zu einer gesunden Schulern√§hrung sind in England gesetzlich verankert, seit 2008 f√ľr staatliche Grundschulen, seit 2009 f√ľr weiterf√ľhrende Schulen. Weniger fettige, s√ľ√üe, salzige Speisen, daf√ľr mehr Obst und Gem√ľse stehen nunmehr auf dem Speiseplan der Sch√ľler. S√ľ√üigkeiten, Chips und Softdrinks dagegen wurden restlos gestrichen. Trotz anf√§nglicher Widerst√§nde und Meutereien unter Sch√ľlern und Eltern scheint sich das Konzept weitgehend etabliert zu haben.

Tassen
© alancleaver_2000

Sollte auch Deutschland gesetzliche Vorgaben machen? Die DGE meint „ja“. Denn bisher seien die eigens f√ľr Schulen konzipierten DGE-Qualit√§tsstandards noch kein fester Bestandteil der Schulgesetze der L√§nder, eine Einhaltung erfolge auf rein freiwilliger Basis, beklagt sie. Auch Frau Schulz-Greve von der Schulvernetzungsstelle Berlin e. V., die als Einzelsachverst√§ndige angeh√∂rt wurde, spricht sich daf√ľr aus, eine √úberpr√ľfung der ern√§hrungsphysiologischen Speisenqualit√§t gesetzlich zu verankern.

Doch nicht nur eine etwaige Wissensvermittlung und die Umsetzung einer gesunden Ern√§hrung, auch weitere Aspekte der Schulverpflegung k√∂nnten sich schwierig gestalten. Dazu √§u√üert sich u. a. Professor Koscielny von der Hochschule Fulda in seiner schriftlichen Stellungnahme. So sei laut ihm f√ľr eine gute Wirtschaftlichkeit eine hohe Teilnehmerzahl unumg√§nglich. Diese sei jedoch nicht so leicht zu erreichen. Es scheitere bisweilen am Preis, vor allem aber an mangelnder Atmosph√§re, fehlender Mitbestimmung (Sch√ľler bzw. Eltern) und oftmals auch am schlechten Geschmack der Speisen. Dass die Sch√ľler eine heterogene Zielgruppe seien, erschwere das Vorhaben seiner Meinung nach ebenfalls. W√§hrend die j√ľngeren noch bereit seien, sich in einen strukturierten Alltag einzuf√ľgen und Vorgaben hinzunehmen, seien die √§lteren Sch√ľler sehr auf ihre Eigenst√§ndigkeit bedacht. Ein Mitspracherecht und eine flexible Essensgestaltung z. B. durch Take-aways k√∂nnten diesem Bestreben entgegen kommen.

Buntstifte
© alancleaver_2000

Gerade die Kostendeckung ist ein kritischer Aspekt. In Ostdeutschland stehen den Caterern nach Aussagen der DGE teilweise oft nur zwei Euro pro Essen zur Verf√ľgung. Zieht man die Betriebs- und Personalkosten von ca. 60 Prozent und den Mehrwertsteuersatz ab (19 Prozent) dann bleiben davon nur 65 Cent f√ľr Lebensmittel. Das reicht nat√ľrlich kaum aus. Da die Eltern nicht alle das notwendige Geld f√ľr einen ad√§quaten Verkaufspreis aufbringen k√∂nnen, scheint eine F√∂rderung unumg√§nglich, wenn auf gute Qualit√§t nicht verzichtet werden soll. Die Bildungspolitik und damit auch die Schulverpflegung obliegt zwar den L√§ndern, womit die Gemeinden, St√§dte und Landkreise f√ľr die Finanzierung der Schulverpflegung verantwortlich sind. Dennoch gehen die steuerlichen Einnahmen √ľberwiegend an den Staat. Da dieser also st√§rker profitiere, biete sich auch staatliche F√∂rderung an, schlussfolgert Dr. Dohmen vom Forschungsinstitut f√ľr Bildungs- und Sozial√∂konomie.

Nicht gerade f√∂rderlich ist nach Meinung einiger Experten auch die Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent, die auf die Schulverpflegung erhoben wird, denn diese erschwere attraktive Angebote. Zumal auf das konkurrierende Fast-Food-Angebot nur ein Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent komme. Und sogar auf Hundefutter w√ľrden nur sieben Prozent erhoben, kritisiert Dr. Polster vom Deutschen Netzwerk Schulverpflegung e. V.

Eine rundum gelungene Schulverpflegung ist unter dem Strich keine ganz leichte Aufgabe. Neben der Finanzierungsfrage bereitet sicher auch die konkrete Umsetzung manche Probleme. Unterst√ľtzung bei der Einf√ľhrung einer vollwertigen Ern√§hrung k√∂nnen Schulen u. a. bei den extra zu diesem Zweck eingerichteten „Vernetzungsstellen Schulverpflegung“ der L√§nder finden.

Zu den Anforderungen an eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung liefert die DGE in ihren DGE-Qualitätsstandards zahlreiche Hinweise.

Stellungnahmen der Experten

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verfasst von am 21. März 2012 um 08:21

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