Rote Karte f√ľr Kinderlebensmittel

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 10. April 2012

Zu fett, zu s√ľ√ü und f√ľr eine ausgewogene Ern√§hrung von Kindern meistens ungeeignet – so lautet das vernichtende Urteil der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch √ľber das Angebot an Kinderlebensmitteln. Kritisiert werden au√üerdem das perfide Marketing und die √ľberbordende Lobbyarbeit von Lebensmittelkonzernen, die Produkte f√ľr Kinder anbieten.

Der Anteil √ľbergewichtiger Kinder in Deutschland w√§chst. Mittlerweile ist mindestens jedes siebte Kind zwischen zwei und 17 Jahren √ľbergewichtig, die H√§lfte dieser Kinder hat starkes √úbergewicht (Adipositas). Schuld daran sind laut Foodwatch auch die Lebensmittelkonzerne mit ihrem Angebot an energie-, fett- und zuckerreichen Snacks und S√ľ√üigkeiten speziell f√ľr Kinder.

S√ľ√üigkeit aus Schokolade
© mamye 1983

Viele "Kinderlebensmittel" sind f√ľr einen h√§ufigen Verzehr ungeeignet.

F√ľr ihren aktuellen Report „Kinder kaufen. Wie die Lebensmittelindustrie zur falschen Ern√§hrung verf√ľhrt, Eltern t√§uscht und die Verantwortung abschiebt“ untersuchte Foodwatch die Zusammensetzung und Eignung von 1514 sogenannten Kinderlebensmitteln. Das Ergebnis war besorgniserregend deutlich: Speziell f√ľr Kinder angebotene und beworbene Lebensmittel sind haupts√§chlich Snacks und S√ľ√üigkeiten. Da ist es schon fast nicht mehr erstaunlich, dass 73,3 Prozent der Lebensmittel, das hei√üt drei von vier der untersuchten Produkte, von Ern√§hrungsexperten in die rote Kategorie eingestuft wurden. Der Grund? Die Kinderlebensmittel enthielten gro√üe Mengen an Fett und Zucker, ein Verzehr sei daher nur in sehr geringen Mengen zu empfehlen. Nur 12,4 Prozent der speziell f√ľr Kinder hergestellten Lebensmittel d√ľrften auch √∂fter auf dem Speiseplan stehen.

√Ąrgerlich au√üerdem: Auch Produkte, die eigentlich ausgewogen sein k√∂nnten, beispielsweise Fr√ľhst√ľcksflocken und Milchprodukte, sind laut Foodwatch in der Regel √ľberzuckert und aromatisiert. Eine ausgewogene Ern√§hrung sei mit den Industrieprodukten praktisch unm√∂glich. Die Verbraucherorganisation kritisierte dar√ľber hinaus das „perfide Marketing“ sowie die „√ľberbordende Lobbyarbeit“, die in Kinderg√§rten, Schulen und bei Sportveranstaltungen beg√∂nne und auch vor der Politik nicht haltmache. So gibt Foodwatch den Vertretern der Lebensmittelindustrie die Schuld am Scheitern der Ampelkennzeichnung f√ľr Lebensmittel.

√Ąpfel
© Svadilfari

Obst wird im Gegensatz zu S√ľ√üigkeiten kaum beworben.

Doch warum bietet die Industrie nicht mehr gesunde Kinderlebensmittel an? „Daf√ľr gibt es einen logischen Grund: Mit Obst und Gem√ľse l√§sst sich nur wenig Profit machen ‚Äď mit Junkfood und Softdrinks schon mehr. Es lohnt sich ganz einfach nicht, gesunde Produkte ans Kind zu bringen“, erkl√§rt Anne Markwardt von Foodwatch. Das Gesch√§ftsmodell der Lebensmittelindustrie, insbesondere gro√üer Konzerne, basiere darauf, mit relativ billigen Rohstoffen (St√§rke, pflanzliche und tierische Fette, Zucker) unter Zuhilfenahme von Zusatzstoffen und Aromen energiedichte, kalorienreiche Produkte mit m√∂glichst hoher Gewinnspanne zu produzieren. Sichtbar werde dies auch an den Werbebudgets: F√ľr S√ľ√üwaren, Schokolade und Eiscreme wurden im letzten Jahr rund 723 Millionen Euro veranschlagt, der Werbeetat f√ľr Obst und Gem√ľse war dagegen mit sieben Millionen Euro verschwindend gering.

Wie reagiert die Lebensmittelbranche auf die Vorw√ľrfe von Verbrauchersch√ľtzern? Hier ist man der Ansicht, dass √úbergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen in erster Linie durch Bewegungsmangel und nicht durch ein ungesundes Lebensmittelangebot verursacht werden. Gelegentlich wird auch den Eltern, die f√ľr die Auswahl an Lebensmitteln zu Hause verantwortlich sind, zumindest eine Mitschuld zugesprochen. Als Reaktion auf die Vorw√ľrfe von Foodwatch warnte der Branchenverband BLL vor einer „irrationalen Zucker- und Fett-Hysterie“. Die „unmittelbare Verantwortung“ der Lebensmittelunternehmen liege lediglich in der „Produktion geschmackvoller, hochwertiger und sicherer Lebensmittel, die auch Spa√ü machen und zu mehr Lebensfreude beitragen“.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht nun vor allem die Politik in der Pflicht. Sie fordert ein verbessertes Lebensmittelangebot f√ľr Kinder und einen vom Staat organisierten Wettbewerb um gute und gesunde Lebensmittel. Au√üerdem solle auf Werbema√ünahmen und PR-Arbeit an Schulen und Kinderg√§rten und bei Pr√§ventionsprojekten auf eine Kooperation mit der Lebensmittelindustrie verzichtet werden.

Aber auch Eltern und Lehrer k√∂nnen die Situation verbessern, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen, gesund kochen und Ern√§hrung im Unterricht thematisieren. Wer sich mit Lebensmitteln auskennt, deren Qualit√§t beurteilen und Werbung einsch√§tzen kann, ist gut gewappnet gegen leere Versprechungen. Und kritische Verbraucher sind die besten Argumente f√ľr eine Ver√§nderung des Lebensmittelangebots.

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verfasst von am 10. April 2012 um 07:23

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