Schon Kleinkinder erkennen die soziale und kulturelle Dimension von Mahlzeiten

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Freitag, 4. November 2016

Wer isst mit wem und was wird gegessen? Sogar Kleinkinder erkennen bei Mahlzeiten subtile Hinweise und können daraus möglicherweise überlebenswichtige Informationen ableiten.

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Dass Mahlzeiten selbst für die Jüngsten unserer Gesellschaft längst nicht nur zur Befriedigung des Hungergefühls dienen, berichten die Assistenzprofessorin Dr. Zoe Liberman von der Universität Chicago und ihre Kolleginnen aktuell in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences„.

Die Wissenschaftlerinnen zeigten insgesamt über 200 einjährigen Kindern Videosequenzen, in denen Menschen ihren Wohlgefallen oder ihre Ablehnung gegenüber bestimmten Lebensmitteln zum Ausdruck brachten. Für die Interpretation der Reaktionen der Kinder auf das Gesehene nutzten die Wissenschaftlerinnen allgemein anerkannte Kenntnisse aus der Entwicklungspsychologie, wonach Babys oder Kleinkinder Aktionen und Gegenstände länger betrachten, die von ihren allgemeinen Erwartungen an die Welt abweichen.

Sahen die Kleinkinder zwei Menschen, die dieselbe Sprache sprachen oder sich wie Freunde verhielten, gingen sie davon aus, dass diese dieselben Lebensmittel mögen. Sprachen die beiden Personen dagegen verschiedene Sprachen oder verhielten sie sich unfreundlich, erwarteten die Kinder, dass sie unterschiedliche Lebensmittel bevorzugen. Damit unterstreicht die Studie, wie eng die Nahrungsmittelauswahl mit unserem sozialen Denken verknüpft ist, betont die Letztautorin Assistenzprofessorin Dr. Katherine D. Kinzler von der Cornell-Universität Ithaca. „Kinder sind bereits in jungen Jahren sensibel gegenüber kulturellen Gruppen“, fährt Kinzler fort. „Wenn Babys jemanden essen sehen, lernen sie nicht nur über Lebensmittel, sondern auch darüber, wer was mit wem isst. Die Fähigkeit darüber nachzudenken, dass Menschen ‚gleich versus anders‘ und vielleicht sogar ‚wir gegen sie‘ sind, beginnt sehr früh im Leben.

Die Dinge ändern sich allerdings etwas, wenn negative Informationen in Bezug auf das Essen, insbesondere Ekel, zum Ausdruck gebracht werden. Stellten die kleinen Kinder fest, dass eine Person mit Ekel auf etwas Gegessenes reagierte, erwarteten sie, dass eine zweite Person das entsprechende Essen auch eklig findet, unabhängig von der sozialen Gruppenzugehörigkeit der zweiten Person. Dies deutet darauf hin, dass Kleinkinder besonders empfänglich für soziale Informationen sind, welche Gefahren signalisieren könnten, vermuten die Wissenschaftler.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass bilingual aufwachsende Kinder kulturelle Unterschiede anders wahrnehmen. Während Kinder, bei denen Zuhause nur eine Sprache gesprochen wird, erwarten, dass Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, auch unterschiedliche Lebensmittel mögen, gehen die bilingual aufwachsenden Kinder davon aus, dass Menschen trotz Sprachunterschieden dieselben Lebensmittel gernhaben. „Bei diesen Kindern war die Sprache nicht auf dieselbe Weise gruppenbildend“, fasst Kinzler zusammen.

Die Ergebnisse dieser Arbeit könnten insbesondere für Politiker und andere Menschen von Interesse sein, die ungesunde Ernährungsgewohnheiten in der Bevölkerung verändern möchten. „Wenn Sie über Möglichkeiten nachdenken, wie Sie das Essverhalten von Menschen günstig beeinflussen können, kann die Gestaltung der Nahrungsmittelauswahl als soziales Problem im Gegensatz zu einem Ernährungsproblem ein guter Weg sein, dies zu erreichen“, glaubt Kinzler. Eltern sollten außerdem bedenken, dass ihre Kinder genau aufpassen, während sie zusammen essen. „Wenn Sie Ihrem Kind ein perfekt zusammengesetztes Essen geben, Ihr Kind allerdings sieht, dass Sie, Ihre Freunde und Familie Junk-Food essen, wird es wahrscheinlich auch aus seinen sozialen Erfahrungen übers Essen lernen“, warnt Kinzler.

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verfasst von am 4. November 2016 um 08:20

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