Trends in der Säuglingsernährung: Über Muttermilch aus der Flasche zur Fertigmilch

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Mittwoch, 19. April 2017

Laut einer groß angelegten Studie aus Hong Kong wird das Pump-Stillen bei Müttern zunehmend beliebter. Neben gesundheitlichen Nachteilen für den Säugling ebnet es allerdings nicht selten den Übergang zur industriellen Säuglingsanfangsnahrung.

In einer prospektiven (vorausschauenden) Kohortenstudie haben Prof. Marie Tarrant von der Universität von British Columbia (Kanada) und ihre Kollegen von der Universität von Hong Kong insgesamt 2.450 Mutter-Kind-Paare während der Stillphase begleitet. Ein Teil der Mütter wurde bereits 2006/07 in die Studie aufgenommen, die restlichen Mütter fünf Jahre später. Dies ermöglichte das Schätzen von Trends im Stillverhalten über einen Fünfjahreszeitraum.

„Stillen ist die unübertroffene Methode für die Fütterung von Säuglingen“, erläutert Prof. Marie Tarrant den Hintergrund der Studie. „Es wurde zuvor festgestellt, dass das Stillen für die Ernährung, die Immunologie, das Wachstum und die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern wichtig ist. Alles, was dazu beiträgt, die empfohlenen sechs Monate des exklusiven Stillens zu verkürzen, ist bedenklich.“ In Deutschland empfiehlt die Nationale Stillkommission, vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen. Die Gabe abgepumpter Muttermilch aus der Flasche wird häufig bei frühgeborenen Säuglingen praktiziert, die zu schwach sind, selbst an der Brust zu trinken. Darüber hinaus pumpen Mütter beispielsweise Milch ab, wenn sie vorübergehend von ihren Kindern getrennt sein werden, entzündete Brustwarzen haben oder bestimmte Medikamente einnehmen müssen.

Die Daten der aktuellen Studie zeigen, dass sich der Anteil der Mütter, die ihre Kinder während der ersten sechs Monate mit abgepumpter Muttermilch ernährten, zwischen 2006/07 und 2011/12 verdreifacht hat (2006/07: 5,1 bis 8,0 Prozent; 2011/12: 18,0 bis 19,8 Prozent). Das Zufüttern von Säuglingsanfangsnahrung, fehlende frühere Stillerfahrung, eine geplante Entbindung per Kaiserschnitt und die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nach der Entbindung begünstigen das Pump-Stillen. „Neue Mütter mögen glauben, dass es keinen Unterschied zwischen der Muttermilchzufuhr per Flasche und der direkten Fütterung an der Brust gibt“, vermutet Prof. Tarrant. „Obwohl das Pump-Stillen mehr Vorteile bietet als die Gabe von Säuglingsanfangsnahrung, kann die Flaschenfütterung das Risiko von Atemwegserkrankungen, Asthma, einer schnellen Gewichtszunahme und oralen Krankheiten erhöhen.“

Wird ein Kind erst einmal ausschließlich mit Muttermilch aus der Flasche ernährt, erhöht sich in den ersten sechs Monaten seines Lebens auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Muttermilch durch industriell hergestellte Säuglingsanfangsnahrung ersetzt wird, und zwar um 25 bis 91 Prozent verglichen mit stillenden Müttern.

Prof. Tarrant und ihre Kollegen führen die aktuelle Entwicklung auf fehlende Unterstützungsangebote für stillende Mütter zurück. Sie empfehlen, die Zugangsmöglichkeiten zu professioneller Stillberatung in Hong Kong insbesondere in den ersten 24 Stunden nach der Entbindung zu verbessern.

In Deutschland sollen still- und babyfreundliche Krankenhäuser mit Hilfe eines Zehn-Schritte-Plans den Stilleinstieg erleichtern. Dies scheint auch zu gelingen, allerdings werden viele Kinder nur kurz gestillt. Hochrechnungen mit Daten aus den Jahren 2004 und 2006 lassen darauf schließen, dass von zehn Müttern zwar neun beginnen zu stillen, nach zwei Monaten haben aber bereits zwei Mütter davon wieder aufgehört, ihre Kinder zu stillen, und nach sechs Monaten werden noch vier bis fünf Kinder gestillt. Insgesamt gehen die Experten der Nationalen Stillkommission davon aus, dass die Stillrate in Deutschland in den letzten 15 Jahren nicht nennenswert angestiegen ist.

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verfasst von am 19. April 2017 um 08:52

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