Typisch westliche Ernährung macht Immunsystem langfristig aggressiver

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 27. Februar 2018

Auf fett- und kalorienreiche Kost reagiert die K√∂rperabwehr √§hnlich wie auf eine bakterielle Infektion. Dies berichten Wissenschaftler aktuell in der renommierten Fachzeitschrift „Cell“. Fatalerweise bleibt die Aktivierung des Immunsystems langfristig bestehen, selbst wenn die Ern√§hrung zwischenzeitlich gesundheitsf√∂rderlich modifiziert wurde.

Unter Federf√ľhrung der Universit√§t Bonn haben Wissenschaftler aus den Niederlanden, den USA, Norwegen und Deutschland die Auswirkungen der sogenannten „westlichen Ern√§hrungsweise“ auf das Immunsystem untersucht. Dar√ľber hinaus versuchten sie auch, die zugrunde liegenden Mechanismen zu ergr√ľnden und langfristige Folgen abzuleiten.

Zu Beginn der Studie standen F√ľtterungsversuche mit M√§usen. Zun√§chst erhielten die Tiere f√ľr einen Monat Futter mit einer Zusammensetzung, die die „westliche Di√§t“ simulierte, also reich an Fett und Kalorien, aber ballaststoffarm war. Die M√§use reagierten mit massiven, k√∂rperweiten Entz√ľndungen, die √§hnlich ausgepr√§gt waren wie nach einer Infektion mit gef√§hrlichen Bakterien. „Die ungesunde Di√§t f√ľhrte zu einem unerwarteten Anstieg einiger Immunzellen im Blut. Das war ein Hinweis auf die Beteiligung von Vorl√§uferzellen [von Immunzellen] im Knochenmark an dem Entz√ľndungsgeschehen“, erl√§utert Dr. Anette Christ vom Institut f√ľr angeborene Immunit√§t der Universit√§t Bonn. Um die zugrundeliegenden Ver√§nderungen besser zu verstehen, isolierten die Wissenschaftler diese Vorl√§uferzellen und verglichen die Funktion und den Aktivierungsstatus von Zellen nach westlicher versus normaler Di√§t. „Genomische Untersuchungen zeigten tats√§chlich, dass in den Vorl√§uferzellen durch die westliche Di√§t eine gro√üe Anzahl von Genen aktiviert wurde“, fasst Prof. Dr. Joachim Schultze vom Life & Medical Sciences Institute (LIMES) der Universit√§t Bonn und dem Deutschen Zentrum f√ľr Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) zusammen. „Betroffen waren unter anderem Erbanlagen f√ľr ihre Vermehrung und Reifung. Fastfood f√ľhrt also dazu, dass der K√∂rper rasch eine riesige schlagkr√§ftige Kampftruppe rekrutiert“, folgert er aus den Ergebnissen.

Was passiert, wenn die Tiere wieder zu einer arttypischen, Getreide-basierten Kost zur√ľckkehren? In den vier Wochen nach der erneuten Futterumstellung verschwanden zwar die akuten Entz√ľndungen der Tiere, die genetische Programmierung der Immunzellen √§nderte sich aber nicht wesentlich. Viele Erbanlagen, die w√§hrend der F√ľtterung mit „westlicher Di√§t“ (Fast Food-Phase) aktiviert wurden, blieben weiterhin aktiv. „Wir wissen erst seit kurzem, dass das angeborene Immunsystem √ľber ein Ged√§chtnis verf√ľgt“, erl√§utert Prof. Dr. Eicke Latz, Leiter des Instituts f√ľr angeborene Immunit√§t der Universit√§t Bonn und Wissenschaftler am DZNE. „Nach einer Infektion bleibt die K√∂rperabwehr in einer Art Alarmzustand, um dann schneller auf einen neuen Angriff reagieren zu k√∂nnen.“ In der aktuellen Studie geschah dieses sogenannte „innate immune training“ (angeborenes Immuntraining) allerdings nicht wie √ľblich als Reaktion auf eine Infektion mit Bakterien, sondern durch eine ungesunde Ern√§hrung.

Im n√§chsten Schritt versuchten die Forscher einen „Fast Food-Sensor“, der f√ľr die beobachteten Immuneffekte verantwortlich ist, im Blut von 120 Testpersonen ausfindig zu machen. Und tats√§chlich: Bei den Personen, deren angeborenes Immunsystem einen besonders starken Trainingseffekt aufwies, entdeckten sie Hinweise auf die Beteiligung eines Sensors des angeborenen Immunsystems (Inflammasom). Inflammasome erkennen potentiell sch√§dliche Substanzen und reagieren darauf, indem sie hoch entz√ľndliche Botenstoffe freisetzen.

Das von den Wissenschaftlern entdeckte Fast Food-Inflammasom wird durch bestimmte Nahrungsinhaltsstoffe aktiviert. Da sich durch die Aktivierung die Art und Weise, wie Erbinformationen verpackt sind, √§ndert, k√∂nnen nun langfristig Bereiche der DNA abgelesen werden, die sonst versteckt sind. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von epigenetischen Ver√§nderungen. „Das Inflammasom st√∂√üt solche epigenetischen √Ąnderungen an“, erkl√§rt Prof. Dr. Latz. „Das Immunsystem reagiert in der Folge schon auf kleine Reize mit st√§rkeren Entz√ľndungsantworten.“

Die durch die ungesunde Ern√§hrung ausgel√∂sten Entz√ľndungsreaktionen k√∂nnen die Entstehung von Typ 2-Diabetes und Gef√§√üerkrankungen wie Arteriosklerose drastisch beschleunigen und dadurch auch Schlaganf√§lle und Herzinfarkte beg√ľnstigen. W√§hrend in den letzten Jahrhunderten die mittlere Lebenserwartung in westlichen L√§ndern kontinuierlich gestiegen ist, wird dieser Trend aktuell erstmals durchbrochen: Kinder, die heute geboren werden, werden im Schnitt vermutlich k√ľrzer leben als ihre Eltern. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine ungesunde Ern√§hrung und zu wenig Bewegung entscheidend zu dieser Entwicklung beitragen.

„Diese Erkenntnisse haben daher eine enorme gesellschaftliche Relevanz“, urteilt Prof. Dr. Latz. „Die Grundlagen einer gesunden Ern√§hrung m√ľssen noch viel st√§rker als heute zum Schulstoff werden. Nur so k√∂nnen wir Kinder fr√ľhzeitig gegen die Verlockungen der Lebensmittel-Industrie immunisieren ‚Äď bevor diese langfristige Konsequenzen entfalten. Kinder haben jeden Tag die Wahl, was sie essen. Wir sollten ihnen erm√∂glichen, bei ihrer Ern√§hrung eine bewusste Entscheidung zu treffen.“

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verfasst von am 27. Februar 2018 um 07:44

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