UN-Experte drängt auf gesündere Ernährung

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Montag, 2. April 2012

Aktuell mehr Todesfälle durch Über- als durch Untergewicht

„Unsere Nahrungssysteme (1) bringen kranke Menschen hervor.

Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Oliver de Schutter, spricht von einem „gesundheitlichen Desaster“. Bestehende Nahrungssysteme seien daran gescheitert, den Hunger anzugehen, begünstigten aber gleichzeitig eine Ernährung, die zu Übergewicht und Adipositas führe. Letztere würden durch das Verursachen nicht-übertragbarer Erkrankungen weltweit inzwischen zu mehr Todesfällen beitragen als Untergewicht.

Mehr als eine Milliarde Menschen sind übergewichtig, mindestens 300 Millionen adipös. Global bedingen die Folgen der Überernährung mehr als 2,8 Millionen Todesfälle. Zwar bleiben in den Entwicklungsländern die Hauptbürden Unterernährung und Mikronährstoffmangel. Aber auch hier nimmt die Rate an nicht-übertragbaren Erkrankungen, für deren Entstehung ein Zusammenhang mit einer ungesunden, Übergewichts-fördernden Ernährung angenommen wird, zu.

Aktuelle Nahrungssysteme fördern sozioökonomische Ungleichheit

Viel Energie, reichlich Salz und Alkohol, wenig Obst, Gemüse und Bewegung bereiten – meist mittelbar – den Weg für einige der häufigsten Erkrankungen mit evtl. tödlichem Ausgang, darunter Herzerkrankungen, Diabetes und Krebs. Treffen Bildungsferne und ein niedriges Einkommen zusammen, finden sich diese Erkrankungen besonders oft, ebenso wie Übergewicht. Ein Grund dafür könnte sein, dass eine Ernährung, die sich auf eine breite Auswahl von Obst und Gemüse stützt, oftmals teurer ist als eine Ernährung, die überwiegend auf fertigen Produkten basiert, welche reich an gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz sind.

Fehlende finanzielle Mittel und mangelndes Vorwissen können in präventiver Hinsicht nachteilige Voraussetzungen schaffen. Und die Folgen nicht-übertragbarer Erkrankungen würden viele einkommensschwache Menschen in die Armut treiben, so de Schutter. Kinder übergewichtiger oder adipöser Frauen seien später wiederum selbst eher übergewichtig. Auf diesem Weg würden sozioökonomische Ungleichheiten über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Nachteilige(r) Ernährung(sfaktor) Folge(n) erhöhtes Risiko für nicht-übertragbare Erkrankungen
viel Salz, Alkohol (+Bewegungsmangel) Bluthochdruck Schlaganfall, Herz- und Nierenerkrankungen
viel gesättigte Fettsäuren (+Bewegungsmangel) Cholesterinanstieg Herzerkrankungen
ungesunde Ernährung (zu viel Fett, Salz, Zucker, zu viel Energie) – Insulinresistenz, Anstieg Blutglukose
– weniger Ballaststoffe u. a.
– Schlaganfall, Herzerkrankungen, Diabetes
– Krebs (Brust, Darm, Prostata)
Kinderformula mehr AGE aufgenommen Diabetes

Eine angemessene Ernährung für alle

„Das Recht auf Nahrung beinhaltet nicht nur den Zugang zu einer ausreichenden Menge an Nahrung, sondern auch die Befähigung zu einer ausgewogenen und nahrhaften Ernährung“, unterstreicht de Schutter. Diese Befähigung sei aktuell keineswegs gegeben. De Schutter sieht hier eine direkte Beziehung zum globalen „Export“ westlicher Ernährungsgewohnheiten, auch in Entwicklungsländer. Regierungen hätten sich darauf konzentriert, Energie in Form von Lebensmitteln besser zugänglich zu machen, dabei aber oftmals weitere Aspekte, wie die Qualität der energieliefernden Lebensmittel, vernachlässigt. So sei gesundheitlichen und ökologischen Aspekten bei der Zuteilung von Subventionen bisher kaum Beachtung geschenkt worden.

Nachteile durch eindimensionale Subventionen und Welthandel

Mais
© ReinventedWheel

Aus Mais wird das Süßungsmittel Fruktosesirup gewonnen.

Einseitige Subventionen von Getreide und Sojabohnen, die Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse außen vor ließen, haben nach Meinung des Sonderberichterstatters ein Ungleichgewicht bewirkt. Durch staatliche Förderungen wurden aus Getreide und Soja billige Rohstoffe, die vor allem als Süßungsmittel und Öl in die Lebensmittelindustrie und als Futtermittel in die Nutztierhaltung eingeflossen seien. In der Konsequenz kamen mehr verarbeitete Produkte und tierische Lebensmittel auf den Markt. Es wurde ein höherer Verzehr an Getreide, Fleisch, Milchprodukten sowie pflanzlichen Ölen, Salz und Zucker gefördert, der zu einer geringeren Aufnahme von Ballaststoffen geführt hat.

Neben fehlgeleiteten Subventionen sieht de Schutter auch in der Globalisierung eine Ursache für nachteilige Entwicklungen. Die Globalisierung bringe (zumindest reichen Ländern) einerseits Vielfalt durch die ganzjährige Verfügbarkeit saisonal begrenzter Lebensmittel. Sie habe aber anderseits nachteilige Auswirkungen auf die einheimischen Nahrungssysteme (Verlust einheimischer Traditionen, weltweite Vereinheitlichung der Ernährung) und erhöhe den ökologischen Fußabdruck.

Ungesunde Ernährung – vom Steuerzahler mitfinanziert

Besonders in OECD-Staaten, unter die auch Deutschland fällt, zahlen Steuerzahler laut dem UN-Experten dreifach für ungesunde Lebensmittel. Zunächst einmal tragen sie die fehlgeleiteten Agrarsubventionen finanziell mit, die die Lebensmittelindustrie zum Verkauf stark verarbeiteter Lebensmittel animiert. Dann zahlen sie für die Bewerbung ungesunder Lebensmittel, da diese die Produkte teurer macht und sich überdies auch noch von den Steuern absetzen lässt. Und sie tragen die Finanzierung der medizinischen Behandlung nicht-übertragbarer Erkrankungen mit.

Trendwende: Softdrinks besteuern, Obst und Gemüse hingegen subventionieren

Eine Einführung von Lebensmittel-Steuern auf ungesunde und Subventionen für gesunde Lebensmittel könnte sowohl kosteneffizient als auch wirksam sein, meint der UN-Experte. Durch die bloße Umverteilung der Kosten werde es für den Verbraucher absolut betrachtet zu keiner Preiserhöhung kommen, wodurch Einkommensschwache nicht benachteiligt würden – ein Argument, das der Besteuerung ungesunder Inhaltsstoffe häufig entgegen gehalten wird. De Schutter verweist auf Dänemark, Finnland, Frankreich und Ungarn als Beispiele für Staaten, die bereits Steuern auf ungesunde Lebensmittel bzw. Inhaltsstoffe erhoben haben.

Grundlegende Veränderungen sind gefragt

De Schutter stellt fünf Maßnahmen von hohem Stellenwert heraus, durch die Veränderungen initiiert werden könnten:

  • die Besteuerung ungesunder Erzeugnisse,
  • Verfügungen bzgl. Lebensmitteln, die einen hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker haben,
  • ein unnachgiebiges Vorgehen gegen Werbung für Junk Food,
  • das Überarbeiten fehlgeleiteter Agrarsubventionen, die ungesunde Inhaltsstoffe vergleichsweise billig machen und
  • die Unterstützung der einheimischen Lebensmittelerzeugung.

Der Zugang zu einer adäquaten Ernährung, die nachhaltig, aus kultureller Sicht akzeptabel, ökonomisch fair, finanziell tragbar, ernährungsphysiologisch angemessen, sicher und gesund ist, stehe über einer bloßen Versorgung mit billigen Kalorien. Hoch gesteckte, zielgerichtete Ernährungsstrategien können funktionieren, glaubt der UN-Experte, aber nur, wenn die Nahrungssysteme, welche diese untermauern, in Ordnung gebracht werden würden.

(1) Nahrungssysteme (engl.: food systems) bezeichnen die Gesamtheit aller Prozesse, die mit Erzeugung, Verarbeitung und Verbreitung sowie Konsumation von Lebensmitteln in Verbindung stehen.

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verfasst von am 2. April 2012 um 07:10

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2 Kommentare zu “UN-Experte drängt auf gesündere Ernährung”

  1. Ein wirklich toller Arikel! Habe den grad erstmal weiter empfohlen!
    Vielen Dank

  2. […] UN-Experte drängt auf gesündere Ernährung – gefunden auf DEBInet […]

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