Unser Frühstück beeinflusst soziale Entscheidungen

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Dienstag, 12. September 2017

Wer morgens viele Kohlenhydrate und verhältnismäßig wenig Eiweiß (Protein) zu sich nimmt, reagiert emotionaler auf unfaire Angebote aus dem sozialen Umfeld. Möglicherweise ist dies auf eine Veränderung des Tyrosinspiegels und daraus resultierende Veränderungen des Neurotransmitter-Haushalts zurückzuführen, berichtet ein interdisziplinäres Forscherteam.

„Tier- und Humanstudien haben schon vor vielen Jahren gezeigt, dass die Zusammensetzung unserer Nahrung Einfluss auf die im Gehirn zur Verfügung stehenden Neurotransmitter hat. Bisher war jedoch nicht klar, ob dies in einem Maß geschieht, welches tatsächlich unser Verhalten messbar verändert“, berichtet Prof. Soyoung Park, Professorin für Sozialpsychologie und Neurowissenschaft der Entscheidung an der Universität Lübeck. Gemeinsam mit ihren Kollegen vor Ort, in München und London ist die Wissenschaftlerin dieser Frage nachgegangen.
„Um zu erforschen, inwieweit unser tägliches Essen unser Verhalten bestimmt, haben wir zwei separate Studien durchgeführt. In beiden haben wir uns auf das Frühstück konzentriert, da dieses, im Vergleich zu anderen Mahlzeiten, auf nüchternen Magen eingenommen wird und somit mögliche Ergebnisse nicht durch vorherige Mahlzeiten verfälscht werden“, erklärt Dr. Sabrina Strang vom Institut für Psychologie an der Universität Lübeck.
In der ersten Studie baten die Wissenschaftler 87 Probanden detailliert anzugeben, was sie zum Frühstück verzehrt hatten. Im Anschluss daran wurden die Probanden mit einem unfairen Angebot konfrontiert und konnten darauf reagieren. Aus den Angaben der Probanden zu ihrem Frühstück berechneten die Wissenschaftler das Verhältnis zwischen den Makronährstoffen Kohlenhydraten, Fett und Protein. Bei der Analyse des Zusammenhangs zwischen diesem Makronährstoff-Verhältnis und der Reaktion der Probanden auf das unfaire Angebot stellten sie fest, dass die Probanden mit zunehmender Kohlenhydrat-Protein-Ratio (also höherem Kohlenhydratanteil oder/und geringerem Proteinanteil) des Frühstücks sensibler reagierten.


„Diese Ergebnisse haben uns dazu motiviert, eine weitere gut kontrollierte Studie unter Laborbedingungen durchzuführen, in der wir einen kausalen Zusammenhang zwischen Makronährstoff-Komposition beim Frühstück, biochemischen Abläufen und Verhalten herstellen wollten“, berichtet Prof. Sebastian Schmid über den Fortgang der Studie. „Hierzu haben wir den Probanden an zwei verschiedenen Tagen Frühstück mit unterschiedlicher Makronährstoff-Komposition serviert und anschließend ihre biochemische Reaktion mit Hilfe von regelmäßigen Blutabnahmen erfasst. In beiden Versuchsbedingungen sollten sie am späten Vormittag, wie in der ersten Studie auch, auf unfaire Angebote reagieren“, fährt Schmid fort. Wieder verhielten sich die Probanden abhängig vom Kohlenhydrat-Protein-Ratio unterschiedlich. Das neue Studiendesign ermöglichte es außerdem, nach physiologischen Veränderungen zu suchen, die möglicherweise ursächlich für das veränderte Entscheidungsverhalten der Probanden waren. Die Auswertungen zeigten, dass mit zunehmendem Kohlenhydrat- und abnehmendem Proteingehalt die Konzentration der Aminosäure Tyrosin im Blut sank. „Diese Ergebnisse sind an sich schon sehr interessant“, betont der ebenfalls an der Studie beteiligte Prof. Dr. Hendrik Lehnert. „Wir konnten darüber hinaus aber auch noch zeigen, dass die Veränderung des Tyrosin-Spiegels in einem direkten Zusammenhang mit den Reaktionen auf unfaire Angebote steht. Dieses Ergebnis macht deutlich, dass unsere Ernährung großen Einfluss auf unseren Neurotransmitterhaushalt hat und dieser wiederum unser Verhalten bestimmt.“
Die aktuelle Studie ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Ernährung weit mehr Einfluss auf das Leben hat als die Bereitstellung von Kalorien zur Erhaltung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. „Diäten wie die derzeit beliebte ‚Low Carb‘-Diät sollten vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse kritisch betrachtet werden. Sie führen zwar eventuell zu dem gewünschten Gewichtsverlust, beinhalten aber ein extrem unausgewogenes Verhältnis von Kohlenhydraten und Proteinen und können dadurch einen direkten Einfluss auf unser alltägliches Verhalten haben“, warnt Dr. Sabrina Strang. Studienleiterin Prof. Soyoung Park ergänzt: „Auch das Essen in Großkantinen wie zum Beispiel in Schulen, Kindergärten, großen Betrieben oder bei der Bundeswehr sollte in Bezug auf die Makronährstoff-Zusammensetzung überdacht werden.“
Die Ergebnisse der Studien wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“ (PNAS) veröffentlicht.

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verfasst von am 12. September 2017 um 06:11

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