Verbraucherorganisationen fordern gesetzliche Vorgaben fĂŒr Kinderlebensmittel

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung ErnĂ€hrung und Gesundheit

Dienstag, 29. September 2015

Trotz der seit 2007 bestehenden freiwilligen SelbstbeschrĂ€nkung der Lebensmittelindustrie lĂ€sst die ernĂ€hrungsphysiologische QualitĂ€t der meisten speziell fĂŒr Kinder vermarkteten Lebensmittel immer noch zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Medizinische Fachgesellschaften und Gesundheitsorganisationen fordern daher gesetzliche Begrenzungen fĂŒr Kinderlebensmittel.

Erinnern Sie sich noch an die Lebensmittelwerbung wĂ€hrend der Fußball-WM im letzten Jahr? Immer wieder warben vitale, gut aussehende Fußballspieler fĂŒr zuckerhaltige GetrĂ€nke und fetten Schokoaufstrich. Sportliche Höchstleistung dank der „richtigen“ ErnĂ€hrung – wirklich geglaubt haben das (wenn ĂŒberhaupt) wohl nur die Kinder. Damit wurde aber auch einmal mehr die Zielgruppe erreicht, mit möglicherweise langfristig fatalen Wirkungen. Derzeit ist in Deutschland mehr als jedes siebte Kind (15 Prozent) ĂŒbergewichtig. Seit den 1980er und 1990er Jahren ist der Anteil der ĂŒbergewichtigen Kinder um die HĂ€lfte gestiegen. Ursachen fĂŒr kindliches Übergewicht ist die Imbalance zwischen einer stĂ€ndigen VerfĂŒgbarkeit von (insbesondere energiereichen) Lebensmitteln und einer geringeren körperlichen AktivitĂ€t.

Bereits 2007 haben zahlreiche Lebensmittelunternehmen der EuropĂ€ischen Union, darunter auch namhafte deutsche Hersteller von Kinderlebensmitteln, zugesichert, bestimmte Regeln fĂŒr an Kinder gerichtetes Marketing  zu befolgen. Zu diesen Regeln zĂ€hlte beispielsweise, Lebensmittel nur dann fĂŒr Kinder unter 12 Jahren zu bewerben, wenn diese bestimmte NĂ€hrwertanforderungen erfĂŒllten. Im Rahmen einer aktuellen Stichprobe hat die Verbraucherorganisation Foodwatch nun die ernĂ€hrungsphysiologische QualitĂ€t von Kinderlebensmitteln der Hersteller unter die Lupe genommen, die damals die Regeln des sogenannten „EU Pledges“ unterzeichnet haben. FĂŒr den Test wurde die Zusammensetzung von insgesamt 281 Kinderlebensmitteln mit den seit Anfang 2015 bestehenden Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation WHO fĂŒr ausgewogene Kinderlebensmittel verglichen. Das Ergebnis war alarmierend: Neun von zehn Produkten (90 Prozent) konnten die WHO-Anforderungen nicht erfĂŒllen. Nur 29 der 281 Lebensmittel hĂ€tten demnach laut WHO fĂŒr Kinder vermarktet werden dĂŒrfen.

Kindermarketing-Experte Oliver Huizinga von Foodwatch kritisiert: „Mit wohlklingenden Selbstverpflichtungen inszeniert sich die Lebensmittelbranche als Vorreiter im Kampf gegen Übergewicht und FehlernĂ€hrung – und vermarktet gleichzeitig tonnenweise SĂŒĂŸigkeiten und Junkfood gezielt an Kinder. Ein trauriges PR-Manöver, das nur von der eigenen Verantwortung ablenken soll. Die Lebensmittelwirtschaft ist nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems.“ Foodwatch fordert daher gemeinsam mit der Deutschen Adipositas Gesellschaft, der Deutschen Diabetes Gesellschaft und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe die Bundesregierung dazu auf, „an Kinder gerichtetes Marketing nur noch fĂŒr Lebensmittel zu erlauben, die den WHO-Kriterien entsprechen.“ Wie das aktuelle Studienergebnis deutlich zeige, reichten rein freiwillige Maßnahmen der Lebensmittelindustrie nicht aus, konstatieren die Organisationen.

Das Desinteresse der Lebensmittelindustrie fĂŒr gesĂŒndere Kinderlebensmittel erklĂ€rt Foodwatch durch damit einhergehende ökonomische Einbußen der Lebensmittelhersteller. So betrage die Gewinnspanne fĂŒr Softdrinks 16,7 Prozent, wĂ€hrend sich mit Obst weniger als ein Drittel der Gewinnspanne (4,5 Prozent) realisieren ließe.

In den Augen der medizinischen Fachgesellschaften und der verschiedenen Gesundheitsorgansationen ist die freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie aus mehreren GrĂŒndern wirkungslos:

  • Die vorgegebenen NĂ€hrwertgrenzen sind zu lasch. WĂ€hrend die WHO beispielsweise maximal 15 Prozent Zucker bei Kinder-FrĂŒhstĂŒcksflocken erlaubt, liegt der maximale Zuckergehalt im EU-Pledge doppelt so hoch. Die hohen Grenzwerte fĂŒhren unter anderem dazu, dass auch fett- und salzreiche Chips als Kinderlebensmittel beworben werden dĂŒrfen.
  • Kindermarketing wird nicht konsequent genug eingeschrĂ€nkt: Zwar gilt die Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie fĂŒr die klassische Werbung zum Beispiel im Fernsehen, allerdings werden weitere MarketingkanĂ€le nicht berĂŒcksichtigt, etwa die Gestaltung der Verpackung oder kostenfreie Beigaben wie Comicfiguren. Auch Werbeaktionen in SupermĂ€rkten sind uneingeschrĂ€nkt möglich.
  • Die Unterzeichnung des EU-Pledges war freiwillig. Nicht alle Lebensmittelhersteller (weder in Bezug auf BranchengrĂ¶ĂŸen noch Eigenmarken des Lebensmittelhandels) haben die Selbstverpflichtung unterzeichnet.
  • Bislang liegt die Altersgrenze fĂŒr die BeschrĂ€nkung der Lebensmittelwerbung bei 12 Jahren. Aktuell wird gefordert, das Werbeverbot auf ein Alter von mindestens 16 Jahren weiter auszudehnen.

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verfasst von am 29. September 2015 um 07:33

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