Weihnachtsbräuche unter der Lupe: Hätten Sie’s gewusst? Teil 2

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Teil 2: Christstollen

Christstollen
© ReneS

Der Christstollen ist vermutlich aus ursprünglich keltischen Opferbroten hervorgegangen, die, nach einer Anpassung des Sinngehalts, in die christliche Tradition übernommen wurden. Einer Legende zufolge symbolisiert der Christstollen das neu geborene und in Windeln gewickelte Christkind. Eine schöne Geschichte, die allerdings nicht ganz stimmt. Denn der Vorgänger des heutigen zuckrig-süßen, reichhaltigen Christstollens ist das „Christbrot“, das im 14. Jahrhundert als Fastengebäck verzehrt wurde. Es war keinesfalls von einer dicken Puderzucker-„Windel“ umhüllt, vielmehr waren die Zutaten, die darin enthalten sein durften, dem Anlass angemessen eher spartanisch: erlaubt waren lediglich Mehl, Hefe und Wasser, als Fett Rapsöl, von Butter, Eiern, Rosinen, Nüssen, Mandeln, Zitronat und Orangeat keine Spur.

Man kann sich vorstellen, dass der Geschmack des Gebäcks, das eigentlich mehr ein Brot als ein Stollen war, sehr zu wünschen übrig ließ. Und so sollen der Kurfürst Ernst von Sachsen (1441-1486) und sein Bruder Albrecht ein Gesuch an Papst Innozenz VIII. geschickt haben, in dem sie darum baten, Öl  im Christbrot ausnahmsweise durch Butter ersetzen zu dürfen. Dieser Brief ging als „Butterbrief“ in die Geschichte ein. Die ursprünglich als Ausnahmegenehmigung des Papstes erteilte Erlaubnis wurde bald sehr großzügig ausgelegt. Nebenbei bemerkt: Mit seiner Erlaubnis handelte der Papst nicht ganz uneigennützig, denn die Verwendung von Butter anstelle von Rapsöl war an die Bedingung geknüpft, Buße zu tun. Im konkreten Fall bedeutete dies, sich finanziell am Bau des Freiberger Doms zu beteiligen.

Der Überlieferung nach hatte Heinrich Drasdo, Hofbäcker im sächsischen Torgau (15./16. Jahrhundert) als erster die Idee, dem Fastengebäck anlässlich des Weihnachtsfestes weitere Zutaten zuzufügen. So wurde das ursprünglich eher karge Gebäck nach und nach zu einem reichhaltigen Weihnachtsgebäck. Die später aufgekommene Bezeichnung Christ- „Stollen“ soll wohl auf einen „Pfosten“ hinweisen (vgl. auch Bergwerksstollen). Im christlichen Glauben symbolisiert er die tragende Kraft Jesu.

Heute werden viele Stollen industriell hergestellt. Die „Leitsätze für Feine Backwaren“ legen fest, welche Mengen an bestimmten Zutaten mindestens enthalten sein müssen. Für Stollen gilt allgemein, dass auf 10 kg Mehl/Stärke mindestens 3 kg Butter oder die entsprechende Menge Milchfetterzeugnisse, Margarine oder praktisch wasserfreie Fette sowie 6 kg Trockenfrüchte (ausschließlich Rosinen, Sultaninen oder Korinthen sowie Zitronat und Orangeat).

Von dem klassischen Christstollenrezept sind zahlreiche Abwandlungen bekannt, z. B. Mandelstollen, Butterstollen, Marzipanstollen, Quarkstollen, Mohn- und Nussstollen,… Die Liste lässt sich beliebig verlängern – nicht zuletzt aufgrund des seit 1990 ausgeschriebenen Wettbewerbs „Stollen Zacharias“, mit dem jedes Jahr handwerklich arbeitende Bäckereien und Konditoreien für ihre Neukreationen, Qualitäts- und Marketingkonzepte ausgezeichnet werden. Dieses Jahr ging der Preis für den ersten Platz an „Wunderlichs Backstuben“ aus Markneukirchen für ihre beiden Neukreationen, den Spitzenstollen und einen flambierten Christstollen mit vogtländischem Vogelbeerlikör.

Dresdner Striezelmarkt
© Daikrieg

Dresdner Striezelmarkt

Wohl weit über die deutschen Grenzen hinaus am bekanntesten ist wahrscheinlich der „Dresdner Stollen“. Dieser auch „Striezel“ genannte Christstollen ist seit 1995 markenrechtlich geschützt. Im Dresdner Raum dürfen nur ca. 150 Bäcker und Konditoren, die alle Mitglieder des „Schutzverband Dresdner Stollen e. V.“ sind, das Weihnachtsgebäck als „Dresdner Stollen“ verkaufen. Jeder dieser Stollen trägt ein goldenes Qualitätssiegel mit fortlaufender Registriernummer. Übrigens: Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Christstollen nicht in Dresden, sondern in Naumburg an der Saale, und zwar als Weihnachtsgabe für den Bischof Heinrich (1470).

Rekordverdächtig: Nicht weit von Dresden entfernt, in Riesa, wurde auch der vermutlich größte Stollen gebacken. Im Jahre 1730 ließ August der Starke für ein Schaumanöver einen etwa 1,8 Tonnen schweren Riesenstollen backen. Der Teig bestand aus 20 Zentner Mehl, 3600 Eiern, 326 Kannen Milch, einer Tonne Hefe und einer Tonne Butter, war aber gänzlich ohne Zucker und Rosinen. Später wurde der fertige Stollen in 24.000 Portionen aufgeteilt. Das am Sonnabend vor dem 2. Advent in Dresden stattfindende traditionelle Striezelfest erinnert noch heute an dieses Ereignis.

Quellen einblenden

Zum Weiterlesen

Ehrlich T (taz, 2006): Das Christkind in Rum.

verfasst von am 15. Dezember 2011 um 07:37

Was ist das?

DEBInet-Ernährungsblog - über uns

Unsere Autoren schreiben für Sie über Aktuelles und Wissenswertes aus Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin. Die redaktionell aufbereiteten Texte richten sich nicht nur an Experten, sondern an alle, die sich für das Thema "Ernährung" interessieren.

Sie können sich die Beiträge per Newsletter zuschicken lassen oder diese über RSS-Feed oder Twitter abonnieren.

Der "DEBInet-Ernährungsblog"
ist ein Projekt der


© 2010-2016 Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

- noch keine Kommentare -

Kommentar abgeben