Wer sich erinnert, is(s)t klar im Vorteil

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Mittwoch, 30. Januar 2013

Erinnerung beeinflusst Essmenge

Was und wie viel wir essen, bleibt mehr oder weniger bewusst in unserer Erinnerung hängen. Aber beeinflusst diese Information die Größe der nachfolgenden Mahlzeit? Von Menschen, die unter einer Amnesie leiden, weiß man, dass Sättigungssignale ein fortgesetztes Essen nur unzureichend bremsen. Obwohl der Körper dem Gehirn via Botenstoffe eigentlich „genug“ sagt, besteht bei ihnen der Hunger fort.

Die Erinnerung, in diesem Fall die fehlende, scheint sich also auf die Sattheit auszuwirken. Forscher um den Psychologen Jeffrey Brunstrom wollten ergründen, ob dieser Zusammenhang auch bei Menschen ohne Gedächtnisstörung auftritt. Dazu machten sich die Wissenschaftler das Prinzip der „Sich-selbst-füllenden-Schlüssel“ zu Nutze.

Brunstorm und sein Team rekrutierten etwa 100 Freiwillige, die an der Bristol-Universität arbeiten oder studieren. Als diese zur Versuchsteilnahme kamen, hatten sie drei Stunden vorab nichts gegessen. Nach und nach nahmen sie an einem wandständigen Tisch mit Tischtuch Platz, auf dem dampfend eine durchsichtige Suppenschale stand. Die eine Hälfte der Probanden sah 300 Milliliter Suppe, die andere 500 Milliliter.

Ein Schlauch führte von den Teilnehmern unbemerkt von dem am Tisch befestigten Tellerboden durch die Wand in den Nebenraum. Der Schlauch war mit einer Pumpe und einem Sammelbecken verbunden, über welche die Füllhöhe des Tellers vom Versuchsleiter manipuliert werden konnte: die Sich-selbst-füllende-, bei Bedarf auch die Sich-selbst-entleerende-Schlüssel.

Die Probanden löffelten also ihre Suppe im Glauben eine große oder eine kleine Portion vor sich zu haben. Während 50 Prozent mit dieser Annahme richtig lagen, wurde der Rest geschickt irregeführt. Sie bekamen mithin jeweils die kleine Portion, wenn sie vorab die große sahen und umgekehrt, indem der Versuchsleiter entweder Suppe absaugte oder hineinpumpte.

Eine rote Markierung in der Schale diente als Stopp, damit genug Suppe im Teller übrigblieb und die Apparatur nicht ans Licht kam. Um findige Probanden auszuschließen, wurden hinterher alle Teilnehmer im Rahmen eines Fragebogens gefragt, ob die Suppe in irgendeiner Weise manipuliert worden war. Unter den Misstrauischen hatten die meisten die Viskosität im Verdacht, sechs tippten allerdings richtig auf das Volumen und wurden von dem Versuch ausgenommen.

Ist es nun der Anblick oder die tatsächlich gegessene Menge, die den Ausschlag für die Sättigung gibt? Direkt nach dem Essen entschied die tatsächlich aufgenommene Menge: Probanden, die die große Portion gegessen hatten, fühlten sich auch satter. Zwei oder drei Stunden nach der Verkostung wirkte sich jedoch die wahrgenommene Menge stärker aus. So waren Teilnehmer, die dachten, 500 Milliliter verzehrt zu haben, weniger hungrig als diejenigen mit der kleineren Suppenportion – unabhängig von der tatsächlich verzehrten Menge. Die Forscher interpretierten das Ergebnis so, dass die Erinnerung wahrscheinlich erst nach einiger Zeit zum Tragen kommt.

Am Tag darauf folgte ein weiterer Test: Die Teilnehmer sollten beim Anblick von 400 Millilitern Tomatensuppe entscheiden, wie satt diese mache. Unabhängig von der tatsächlich verzehrten Menge hielten diejenigen, die ihrer Meinung nach die größere Portion gegessen hatten, die Suppe für sättigender. Die Erinnerung ist demnach in der Tat mitentscheidend.

Quelle:
Brunstrom JM, Burn JF, Sell NR, Collingwood JM, Rogers PJ, Wilkinson LL, Hinton EC, Maynard OM, Ferriday D: Episodic memory and appetite regulation in humans. PLoS One. 2012; 7(12):e50707. Epub 2012 Dec 5.

Interessanter Artikel in der NYTimes zum Thema „bewusstes Essen“

verfasst von am 30. Januar 2013 um 06:59

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2 Kommentare zu “Wer sich erinnert, is(s)t klar im Vorteil”

  1. Sven sagt:

    Bei solchen Studien frage ich mich immer wieder, wie man auf die Idee dazu kommt…

    Aber egal wie man darauf gekommen ist, dies zu untersuchen, das Ergebnis zählt! Ich denke, dass dieses Ergebnis in Zukunft auch bei verschiedenen Diäten helfen könnte, in dem man immer ein Foto macht, wenn ein Essen sehr sättigend war. Eventuell hilft uns das ja mal wirklich weiter und die Diäten werden erfolgreicher… Wünschenswert wäre es zumindest!

    Liebe Grüße

  2. Ich bin ja immer total begeistert von so Experimenten und so. Ich glaube, ich werde sowas auch studieren, wenn ich nächstes Jahr mein Abi gemacht habe! Eine Super Sache!

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