Werbetrick Fitness

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Donnerstag, 6. August 2015

Mit „Fit“ oder „Fitness“ gekennzeichnete Lebensmittel erfreuen sich insbesondere bei ern√§hrungsbewussten Verbrauchern gro√üer Beliebtheit. Wer allerdings glaubt, lediglich durch den Genuss dieser Produkte seine k√∂rperliche Fitness zu steigern, unterliegt wom√∂glich einem folgenschweren Irrtum.

Fit-sein ist „in“. Das Streben nach Fitness macht inzwischen auch nicht mehr vor Lebensmittelgesch√§ften halt. Mit dem Pr√§dikat „Fit“ oder „Fitness“ versehene M√ľsliriegel, Milchprodukte, Getr√§nke und Co. sollen auch gesundheitsbewusste und abnehmwillige Menschen zum Kauf der entsprechenden Produkte verf√ľhren. Doch machen solche Produkte tats√§chlich fit? Das h√§ngt sicher vom Verhalten der K√§ufer ab. Bislang fehlen jedoch Kenntnisse dar√ľber, wie solche Labels sich auf das Verbraucherverhalten auswirken. Mit einer Reihe von Experimenten sind Wissenschaftler der Technischen Universit√§t M√ľnchen und der Pennsylvania State University dieser Frage nachgegangen.

Experiment 1: Verkostung von „Fitness“-Studentenfutter
Im ersten Versuch gaben die Wissenschaftler vor, einen Geschmackstest f√ľr ein neues Studentenfutter durchf√ľhren zu wollen. Die Probanden sollten sich vorstellen, das Studentenfutter zuhause als Nachmittagssnack zu verkosten, wobei ein Teil der Probanden ein als „Fitness“-Studentenfutter deklariertes Produkt erhielt, der andere Teil ein neutral verpacktes Studentenfutter. F√ľr die Verkostung hatten alle Probanden acht Minuten Zeit. Danach erhielten sie einen Fragebogen mit Fragen zur Geschmacksbewertung, den eigenen Essgewohnheiten und zur Gesundheit der Probanden. Au√üerdem wurde die Menge des verzehrten Studentenfutters ermittelt.

Die Fitness-Kennzeichnung zeigte Wirkung, und zwar am deutlichsten bei den Probanden, die laut eigener Angabe Gewichtsprobleme hatten und gerne abnehmen wollten. „Diese Gruppe griff bei den angebotenen Snacks st√§rker zu als andere Studienteilnehmer. Sie nahmen zwischen 50 und 100 Kilokalorien mehr auf“, erl√§utert J√∂rg K√∂nigstorfer, Professor f√ľr Sport- und Gesundheitsmanagement an der Technischen Universit√§t M√ľnchen.

Experiment 2: Fitness-Lebensmittel und Bewegung
Nun k√∂nnte man meinen, dass Menschen, die Fitness-Lebensmittel konsumieren, sich auch besonders gerne bewegen und damit die zus√§tzlich konsumierten Kalorien rasch wieder abtrainieren. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein, wie das n√§chste Experiment belegte. Hier begaben sich die Probanden nach der Verkostung auf ein Ergometer. „Wir erkl√§rten ihnen, die Wechselwirkung von Nahrungsaufnahme und k√∂rperlicher Bewegung untersuchen zu wollen“, erkl√§rt K√∂nigstorfer. „Dabei konnten die Probanden selbst entscheiden, wie lange und intensiv sie Rad fahren wollten.“ ‚Äď Mit interessantem Ergebnis: Obwohl die abnehmwilligen Personen deutlich mehr Energie zu sich genommen hatten, waren sie weniger aktiv auf dem Ergometer. „Offenbar sehen diese Teilnehmer in der ‚Äöfitten‚Äô Nahrung einen Ersatz f√ľr k√∂rperliche Bewegung“, mutma√üt K√∂nigstorfer.

Experiment 3: Wirkt Aufklärung?
Zuletzt untersuchten die Wissenschaftler den Einfluss von Informationen zu dem Produkt auf das Verbraucherverhalten. Hierf√ľr wurden die Probanden mit Abnehmwunsch in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt Informationen √ľber die gesundheitsf√∂rdernden Inhaltsstoffe von Studentenfutter (Magnesium, B-Vitamine, Ballaststoffe), w√§hrend in der anderen Gruppe der hohe Fett- und Fruchtzuckergehalt hervorgehoben wurde. Letzteres zeigte umgehend Wirkung, berichtet K√∂nigstorfer: „Wenn wir die Versuchsteilnehmer √ľber den hohen Energiegehalt der Nussmischung aufkl√§rten, verlor der Begriff ‚ÄöFitness‚Äô seine Wirkung. Alle Personen, die auf ihr Gewicht achten wollten, a√üen dann √§hnlich viel Studentenfutter.

Fazit
F√ľr die Autoren der Studie, deren Ergebnisse aktuell in der Fachzeitschrift Journal of Marketing Research ver√∂ffentlicht wurde, stellen Lebensmittel mit „Fitness„-Kennzeichnung daher ein Risiko f√ľr Menschen mit √úbergewicht dar: „F√ľr Menschen, die gerne und vielleicht auch zu viel essen, kommt das Wort ‚Äöfit‚Äô einem Freibrief gleich: mehr zu essen – und sich weniger zu bewegen, um den Energie√ľberschuss zu kompensieren.

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verfasst von am 6. August 2015 um 06:17

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Ein Kommentar zu “Werbetrick Fitness”

  1. Damian sagt:

    Es ist tatsächlich eine Frechheit was sich die Lebensmittelindustrie immer wieder mit uns erlaubt. Leider. Aber auch Aufklärung bringt nicht immer etwas. Das merken ich auf meinem Blog oft.

    Lieben Dank f√ľr den interessanten Beitrag!

    LG Damian

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