Wie rotes Fleisch zur Krebsentstehung beitragen könnte

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Dienstag, 21. April 2015

Die Temperaturen steigen und damit auch die Lust auf ein saftiges Steak vom Grill. Aber Vorsicht: Ein h√§ufiger Verzehr von ‚Äěrotem Fleisch‚Äú wie Rind- und Schweinefleisch erh√∂ht bei Menschen das Krebsrisiko. Wissenschaftler der Universit√§t von Kalifornien in San Diego haben nun Hinweise darauf gefunden, was den Menschen von fleischfressenden Tieren unterscheidet.

Seit l√§ngerem r√§tseln Wissenschaftler, warum ein h√§ufiger Konsum von sogenanntem „roten Fleisch“ (gemeint ist Rindfleisch, Kalbfleisch, Schweinefleisch, Schaffleisch oder Lammfleisch) das Krebsrisiko langfristig erh√∂ht. Diskutiert wurde beispielsweise, dass bestimmte Inhaltsstoffe, die nat√ľrlicherweise in Fleisch enthalten sind oder w√§hrend des Bratens gebildet werden, Ver√§nderungen im Erbgut bewirken k√∂nnten. Auch eine Beteiligung freier Radikale an der Krebsentstehung wurde in Betracht gezogen. Jedoch lie√ü sich bislang keine dieser Hypothesen evidenzbasiert belegen.

Die Wissenschaftlerin Annie N. Samaraj und ihre Kollegen von der Universit√§t von Kalifornien hatten einen anderen Verdacht: Eine bestimmte Form der Sialins√§ure namens Neu5Gc, die reichlich in rotem Fleisch vorhanden ist, k√∂nnte beim Menschen Krebs verursachen. Bei vielen Tieren ist Neu5Gc fester Bestandteil von Schleimen und Zellmembranen. Im menschlichen K√∂rper erf√ľllt stattdessen N-Acetylneuramins√§ure diese Funktion. Daher, so die Vermutung der Wissenschaftler, k√∂nnte Neu5Gc im menschlichen K√∂rper anders wirken als bei Tieren.

Die Wissenschaftler f√ľhrten im Folgenden eine Reihe von Tests durch, um ihre Vermutung zu belegen. Zuerst analysierten sie den Neu5Gc-Gehalt von 62 rohen und gegarten Lebensmitteln. Hier zeigte sich, dass Gefl√ľgelfleisch, Eier, Milch, Obst und Gem√ľse kein Neu5Gc enthielten. Auch Fisch war weitgehend Neu5Gc-frei ‚Äď mit einer Ausnahme: in Kaviar wurde der h√∂chste Neu5Gc-Gehalt gemessen. Der Neu5Gc-Gehalt von K√§se lag im mittleren Bereich, w√§hrend Rind- und Schweinefleisch erwartungsgem√§√ü hohe Neu5Gc-Gehalte aufwiesen.

W√§hrend der Verdauung wird Neu5Gc, das normalerweise an andere Biomolek√ľle gebunden ist, freigesetzt und direkt in verschiedenen K√∂rpergeweben abgelagert. Im Unterschied zu Tieren, die selbst Neu5Gc bilden, ist die Verbindung f√ľr den menschlichen Organismus eine Fremdsubstanz. Daher bildet das menschliche Immunsystem beim Kontakt mit Neu5Gc Antik√∂rper. Diese lagern sich an das im Gewebe befindliche Neu5Gc an und k√∂nnen chronische Entz√ľndungen ausl√∂sen.

Aus¬† fr√ľheren Studien ist bekannt, dass Sialins√§ure aus rotem Fleisch im Menschen Immunreaktionen ausl√∂sen kann. Bislang fehlten jedoch Belege f√ľr einen kausalen Zusammenhang zwischen den Entz√ľndungsreaktionen und der Entstehung von Krebs. Daher f√ľhrten die Wissenschaftler nun F√ľtterungsversuche bei einer speziellen M√§useart durch, die ebenso wie der Mensch selbst kein Neu5Gc bilden kann (Interventionsgruppe). Im Gegensatz zu den normalen Kontrolltieren zeigten die M√§use ohne eigenes Neu5Gc ausgepr√§gte Entz√ľndungsreaktionen, nachdem sie zw√∂lf Wochen Neu5Gc-haltiges Futter erhalten hatten. In der Interventionsgruppe entwickelten sich bei fast der H√§lfte der Tiere, die Antik√∂rper gegen Neu5Gc gebildet oder zus√§tzlich erhalten hatten, innerhalb von 50 bis 85 Wochen Lebertumoren. Bei der Kontrollgruppe war nur knapp jedes zehnte Tier (9 Prozent) davon betroffen. Au√üerdem stellten die Wissenschaftler fest, dass in diesen Tumoren besonders viel Neu5Gc abgelagert war. Hier zeigen sich Parallelen zu menschlichen Tumoren. Allerdings sind bei Menschen h√§ufiger Darm, Prostata und Eierst√∂cke betroffen.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler geben erste Hinweise f√ľr den Zusammenhang zwischen einem h√§ufigen Verzehr von rotem Fleisch und der Krebsentstehung. Noch sind allerdings viele Fragen offen, insbesondere zur √úbertragbarkeit der aus der Tierstudie gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen. Au√üerdem schlagen die Wissenschaftler vor, den Zusammenhang zwischen dem Neu5Gc-Antik√∂rpergehalt im K√∂rper und der Entstehung von Arteriosklerose oder Typ-2 Diabetes zu untersuchen. Denn auch bei diesen Erkrankungen besteht der Verdacht eines Zusammenhangs mit dem Verzehr von rotem Fleisch. F√ľr detaillierte Empfehlungen zur Menge an rotem Fleisch, die ohne gesundheitliche Risiken verzehrt werden kann, ist es noch zu fr√ľh. Einstweilen wird davon ausgegangen, dass ein „moderater Konsum“ von rotem Fleisch Teil einer gesunden Ern√§hrung sein kann.

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verfasst von am 21. April 2015 um 06:49

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