Wie sehr vertrauen Sie Ihrer Zeitung?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Montag, 15. Oktober 2012

In Sachen Ernährung und Ernährungsberichterstattung ist bei Zeitungsartikeln Vorsicht angebracht. Denn der Großteil der veröffentlichten Ratschläge ist wissenschaftlich nicht haltbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine englische Studie.

Zeitung
© NS Newsflash

√Ąhnlich wie in England besteht auch hierzulande gro√ües Vertrauen in das gedruckte Wort. Schwarz auf wei√ü werden wir tagesaktuell √ľber alles Wichtige (und mehr) informiert. Und insbesondere bundesweit erscheinende Zeitungen mit langer Tradition kann man vermeintlich sicher Glauben schenken ‚Äď im Gegensatz zu anderen Medien wie dem Internet oder der Berichterstattung im Fernsehen und im Radio. Dass dieses Vertrauen aber zumindest bei ern√§hrungsbezogenen Artikeln nicht unbedingt angebracht ist, zeigt eine k√ľrzlich ver√∂ffentlichte Studie aus England.

F√ľr die Studie untersuchte Benjamin Cooper vom King‚Äôs College in London alle Artikel mit ern√§hrungsbezogenen Health Claims, die innerhalb einer Woche in den zehn Zeitungen mit der h√∂chsten Auflage in England erschienen sind, auf ihren Wahrheitsgehalt. Ein Health Claim ist eine n√§hrwert- und gesundheitsbezogene Angabe √ľber Lebensmittel oder bestimmte Inhaltsstoffe, das hei√üt es wird suggeriert, dass der Verzehr eines Lebensmittels oder eines N√§hrstoffes mit konkreten, positiven Auswirkungen f√ľr die Gesundheit einhergeht. Ern√§hrungsbezogene Health Claims finden sich h√§ufig in der Werbung, aber auch in Zeitungen und anderen Printmedien. (Beispiel: Essen Sie mehr Orangen. Das darin enthaltene Vitamin C sch√ľtzt Sie vor Erk√§ltungen).

Mit Unterst√ľtzung eines Kollegen untersuchte Cooper alle aus den Zeitungen gesammelten Ern√§hrungsaussagen auf ihre wissenschaftliche Belegbarkeit. Das Ergebnis war erschreckend: Die wissenschaftliche Evidenz von gut zwei Drittel der ver√∂ffentlichten Health Claims wurde mit der schlechtesten Wertnote „ungen√ľgend“ beurteilt. Lediglich knapp ein Viertel der Ern√§hrungsaussagen erhielt eine Wertung im Mittelfeld, nur jeder zehnte bis 15. ver√∂ffentlichte Health Claim galt als wissenschaftlich gut belegbar. Unterm Strich bestand damit im Bereich Ern√§hrungsberichterstattung deutlicher Verbesserungsbedarf.

Wie l√§sst sich erkl√§ren, dass die gro√üe Mehrheit der in Zeitungen ver√∂ffentlichten Ern√§hrungsaussagen wissenschaftlich nicht bzw. nicht einwandfrei belegbar sind? Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass die Ursache bei den Quellen, welche Journalisten zum Verfassen ihrer Artikel verwenden, zu finden ist. H√§ufig werden Aussagen von Personen und Organisationen verwendet, die ein Interesse haben, in die √Ėffentlichkeit zu gelangen, beispielsweise um die Vermarktung eines bestimmten Lebensmittels oder Nahrungserg√§nzungsmittels zu f√∂rdern. Und nicht immer sind die Interessenskonflikte von Informanten offensichtlich. Der Druck, in m√∂glichst kurzer Zeit einen ansprechenden Artikel zu verfassen, tut wahrscheinlich ein √úbriges.

Zur Verbesserung der Qualit√§t von Zeitungsartikeln empfehlen Cooper und Kollegen Journalisten, an speziellen Trainingsprogrammen zur wissenschaftlichen Evidenz teilzunehmen. In England wurde au√üerdem ein nationaler Ansprechpartner f√ľr Weiterbildungen in Wissenschaftsjournalismus benannt. Der interessierten, Zeitung lesenden √Ėffentlichkeit wird ein nat√ľrliches Ma√ü an Skepsis beim Lesen und Interpretieren von Zeitungsartikeln nahegelegt. Sch√∂n w√§re es, wenn das Thema mediale Beeinflussbarkeit und Glaubw√ľrdigkeit vermehrt im Schulunterricht und bei Initiativen zur Gesundheitsf√∂rderung aufgegriffen w√ľrde, so die Autoren.

Quelle:
B. Cooper, W. Lee, Ben Goldacre, T. Sanders (2012): The quality of the evidence for dietary advice given in the UK national newspapers. Public Understanding of Science 21, S. 664-673

verfasst von am 15. Oktober 2012 um 06:00

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