Zöliakie: Reovirus vermittelt Erkrankungsmanifestation

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Donnerstag, 18. Mai 2017

Ein Infektionen mit dem scheinbar harmlosen, weit verbreiteten Reovirus kann Immunreaktionen auf das Getreideeiwei√ü Gluten ausl√∂sen und damit eine Z√∂liakieerkrankung anbahnen. Dieses k√ľrzlich in der Fachzeitschrift Science publizierte Forschungsergebnis k√∂nnte langfristig zur Entwicklung eines Z√∂liakieimpfstoffs f√ľr genetisch pr√§disponierte Menschen beitragen.

Wie viele Menschen in Deutschland von einer Z√∂liakie betroffen sind, l√§sst sich schwer sagen, da die Erkrankung eine hohe Dunkelziffer aufweist. Z√∂liakieexperten gehen davon aus, dass jeder hundertste bis f√ľnfhundertste Einwohner Deutschlands Z√∂liakie hat, wobei der Schweregrad der Erkrankung variiert. Welche Faktoren zur Manifestation einer Z√∂liakie f√ľhren, ist bislang nicht genau bekannt. Mittlerweile lassen sich durch die Bestimmung sogenannter Histokompatibilit√§tsantigene (kurz: HLA) Menschen identifizieren, die ein erh√∂htes Erkrankungsrisiko besitzen. Doch von den HLA-DQ2 beziehungsweise HLA-DQ8 positiv getesteten Menschen erkrankt nur ein geringer Anteil tats√§chlich an einer Z√∂liakie. Wie l√§sst sich dies erkl√§ren?

Mit dieser Frage besch√§ftigten sich auch Dr. Romain Bouziat von der Universit√§t Chicago und seine Kollegen. Die Wissenschaftler hatten sich bereits seit l√§ngerem mit Reoviren befasst, bevor sie deren Bedeutung bei der Erkrankung an einer Z√∂liakie erkannten. „Diese Studie zeigt deutlich, dass ein Virus, das nicht klinisch symptomatisch ist, dennoch dem Immunsystem schaden kann und die Grundlage f√ľr autoimmune Erkrankungen, insbesondere eine Z√∂liakie, bilden kann“, erl√§utert Seniorautorin Prof. Bana Jabri. „Allerdings sind das spezifische Virus und seine Gene, die Wechselwirkung zwischen der Mikrobe und dem Wirt und der Gesundheitszustand des Wirtes ebenfalls von Bedeutung“, so Jabri weiter.

Im Rahmen ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler zwei verschiedene Reovirusst√§mme. Beide Virenst√§mme infizierten den Darm von M√§usen, ohne aber zu einem Erkrankungsausbruch zu f√ľhren. Allerdings bestanden an anderer Stelle interessante Unterschiede zwischen beiden Virenst√§mmen: W√§hrend die Viren des einen Stammes entz√ľndliche Immunreaktionen und den Verlust der oralen Glutentoleranz hervorriefen, wurden bei dem anderen eng verwandten, jedoch genetisch verschiedenen Reovirusstamm keine entsprechenden Vorg√§nge beobachtet. Weitere Untersuchungen an Z√∂liakie-erkrankten Menschen zeigten, dass diese wesentlich h√∂here Antik√∂rperspiegel gegen Reoviren hatten als Nichterkrankte. Zugleich war die IRF1-Genexpression erh√∂ht. Der Transkriptionsregulator IRF1 gilt als Schl√ľsselfaktor f√ľr den Verlust der oralen Glutentoleranz. Aus diesen Ergebnissen folgern die Wissenschaftler, dass eine Reovirus-Infektion das Immunsystem nachhaltig beeinflussen kann und langfristig zur Entstehung einer Z√∂liakie beitr√§gt.

Gerade im S√§uglingsalter erkranken viele Kinder an einer Z√∂liakie. Dies wurde in der Vergangenheit h√§ufig auf die Einf√ľhrung glutenhaltiger (Bei-)Kost zur√ľckgef√ľhrt. Jabri und ihre Kollegen gehen davon aus, dass auch in diesem jungen Alter eine Reovirusinfektion an der Z√∂liakieerkrankung beteiligt sein kann. „W√§hrend des ersten Lebensjahres ist das Immunsystem noch nicht reif, sodass ein bestimmtes Virus bei einem Kind mit einem bestimmten genetischen Hintergrund zu diesem Zeitpunkt eine Art Narbe hinterlassen kann, die dann langfristige Konsequenzen hat„, erl√§utert Jabri. „Deshalb glauben wir, dass wir, wenn wir mehr Studien haben, dar√ľber nachdenken sollten, ob Kinder mit hohem Z√∂liakierisiko geimpft werden sollten.“

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verfasst von am 18. Mai 2017 um 06:22

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