Säure-Basen-Haushalt und Ernährung Рwas stimmt?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ern√§hrung und Gesundheit

Mittwoch, 4. Januar 2012

Wir essen zu energiereich, zu Eiwei√ü-haltig, zu fettig, zu s√ľ√ü, zu salzig und ern√§hren uns damit insgesamt ungesund. Doch versauert und verschlackt der K√∂rper deshalb? Trennkost-Anh√§nger und Fasten-Fans haben die feste √úberzeugung, dass dies der Fall sei. Hat die Nahrung, die wir essen, √ľberhaupt einen Einfluss auf den S√§ure-Basen-Haushalt? Und was ist eigentlich unter einem solchen zu verstehen? Fragen √ľber Fragen‚Ķ

M√ľsli
© Marcel Masferrer Pascual

Proteine und Kohlenhydrate: Aus Sicht der Trennkost ist von M√ľsli abzuraten

Trennk√∂stler glauben, dass der K√∂rper durch die gemeinsame Aufnahme von Proteinen und Kohlenhydraten √ľberlastet w√ľrde und es zu G√§rungsvorg√§ngen im D√ľnndarm und einer Ansammlung von gesundheitssch√§dlichen „Schlacken“ k√§me. Das wichtigste Gegenargument d√ľrfte wohl sein, dass kein Lebensmittel nur aus Kohlenhydraten oder Proteinen besteht, sondern stets beide N√§hrstoffe enth√§lt, wenn auch in unterschiedlichen Anteilen. W√ľrde die Theorie zutreffen, w√§re Muttermilch, die sowohl Eiwei√ü als auch Kohlenhydrate beinhaltet, als erste und ausschlie√üliche Energiequelle von S√§uglingen komplett ungeeignet. So gesehen ist das Konzept der Trennkost nicht aufrecht zu halten. Dar√ľber hinaus kann ein Verzicht auf angeblich s√§ure√ľbersch√ľssige Lebensmittel wie Milchprodukte und Getreide zu einem Mangel an Magnesium, Calcium, Eisen, Eiwei√ü und Vitaminen der B-Gruppe f√ľhren.

Fasten soll nach Meinung seiner Verfechter dem Zweck dienen, „Schlacken“ und „Gifte“ aus dem K√∂rper zu schwemmen, indem der Nahrungsverzehr weitestgehend eingestellt und m√∂glichst viel Fl√ľssigkeit zugef√ľhrt wird. Wissenschaftlich ist diese Annahme ebenfalls nicht haltbar, denn im menschlichen K√∂rper gibt es keine Ansammlung von „Schlacken“. Unter normalen physiologischen Bedingungen werden nicht verwertbare Stoffwechselendprodukte umgehend √ľber die Nieren, den Darm, die Atmung oder die Haut ausgeschieden.

L√§ngeres Fasten kann, im Gegensatz zur zugeschriebenen positiven Wirkung sogar gesundheitssch√§dlich sein. Denn im Hungerstoffwechsel entstehen Ketonk√∂rper, die zu einer √úbers√§uerung des Blutes (Azidose) f√ľhren und auf diese Weise den S√§ure-Basen-Haushalt also nicht ins, sondern aus dem Gleichgewicht bringen k√∂nnen. Eine vermehrte Ausscheidung von Ketonk√∂rpern wiederum hemmt die Ausscheidung von Harns√§ure √ľber die Nieren. Folgen k√∂nnen ein akuter Gichtanfall und die Entstehung von Harns√§uresteinen sein.

Die Idee einer √úbers√§uerung des K√∂rpers kam bereits vor √ľber einem Jahrhundert auf. Doch nicht nur die Idee, auch die theoretischen Grundlagen, auf denen diese beruht, sind √§lteren Datums. Aktuelle Erkenntnisse lassen Abstand nehmen von so abstrakten Begriffen wie einer „√úbers√§uerung“ oder „Verschlackung“, die sich wissenschaftlich nicht belegen lassen.

Richtig ist, dass f√ľr den Ablauf von Stoffwechselfunktionen ein ausgeglichener S√§ure-Basen-Haushalt sehr wichtig ist. So wichtig, dass der K√∂rper den pH-Wert (1) im Blut und Gewebe streng reguliert und sich dabei gleich auf mehrere Mechanismen st√ľtzt. An der S√§ure-Basen-Regulation sind vor allem die Organe Leber, Lunge und Nieren beteiligt, daneben aber auch verschiedene Puffersysteme. Zu diesen geh√∂ren Hydrogencarbonat, H√§moglobin, Proteinat und Phosphat. Dank der gro√üz√ľgig ausgelegten Kapazit√§t der Puffersysteme ist der K√∂rper unter normalen Bedingungen ohne Weiteres in der Lage, den pH-Wert optimal einzustellen.

Falls doch einmal St√∂rungen im S√§ure-Basen-Haushalt (Azidose, Alkalose) auftreten, ist dies in der Regel eine Folge von ernsten behandlungsbed√ľrftigen Erkrankungen (beispielsweise ein entgleister Diabetes). Hier f√ľhrt die zugrunde liegende Erkrankung – und nicht die Ern√§hrung – zu einer Entgleisung des Stoffwechsels (Ausnahmen: Hungern/Fasten s. oben, daneben auch: intensive k√∂rperliche Aktivit√§t). In diesem Fall kann die Ern√§hrung die Entgleisung auf der einen Seite verschlimmern, aber sie kann auch therapeutisch mit dem Ziel einer positiven Beeinflussung eingesetzt werden.

Urin-pH-Messstreifen
© pppspics

Ein gewisser Einfluss der Nahrung l√§sst sich √ľbrigens √ľber die Messung des Urin-pHs ablesen. Obst, Gem√ľse, Salate und Fruchts√§fte wirken leicht alkalisierend. Der Saft von Zitrusfr√ľchten erh√∂ht das puffernde Hydrogencarbonat im K√∂rper. Getreide und proteinreiche Nahrungsmittel tierischer Herkunft wie Fleisch, Fisch, Wurstwaren und K√§se, aber auch phosphatreiche Getr√§nke wie Cola geh√∂ren hingegen zu den Lebensmitteln, die den pH-Wert im Urin senken k√∂nnen. Durch eine abwechslungsreiche Ern√§hrung mit moderater Proteinaufnahme lie√üe sich die Pufferkapazit√§t des Organismus demnach erh√∂hen. Eine obst- und gem√ľsereiche Ern√§hrung ist aber auch empfehlenswert, weil dadurch reichlich Vitamine, Mineralstoffe, sekund√§re Pflanzeninhaltsstoffe und Ballaststoffe zugef√ľhrt werden. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung empfiehlt deshalb, t√§glich 250 g Obst und 400 g Gem√ľse zu verzehren. Doch sollte der Einfluss der Ern√§hrung nicht √ľbersch√§tzt werden: Gegen√ľber den Puffersystemen kommt Lebensmitteln nur eine sehr untergeordnete Bedeutung bei der Regulation des S√§ure-Basen-Haushalts zu.

(1) Der pH-Wert ist ein Ma√ü f√ľr den sauren oder basischen Charakter einer L√∂sung. Bei einem pH-Wert von 7 spricht man von einer neutralen L√∂sung, bei Werten zwischen 0 und 7 √ľberwiegt der saure Charakter (je kleiner der pH-Wert, desto st√§rker sauer), zwischen 7 und 14 steigt der basische Charakter mit zunehmendem Zahlenwert.

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verfasst von am 4. Januar 2012 um 09:48

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7 Kommentare zu “S√§ure-Basen-Haushalt und Ern√§hrung – was stimmt?”

  1. Steffi sagt:

    Ich frage mich, ob die Erfinder dieser Theorien wirklich daran glauben oder der Kommerz von Anfang an im Vordergrund steht, aber oftmals scheint es ja zu klappen.

    • Nataliya sagt:

      Genau liebe Steffi!
      Ich finde es so traurig, dass es quasi wissenschaftlich behauptet wird, dass Festen und S√§ure-Basen-Haushalt nicht belegt w√§ren und dass die Menschen es nur einbilden w√ľrden. Die Ern√§hrung hat einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit und Befinden.
      Man soll sich davor nur wirklich umfassend informieren.
      Weil sehr viele Halbwahrheiten erzählen und jeder Organismus sehr individuell ist.
      Aber es lohnt sich die eigene Ernährungsweise zu hinterfragen und die Alternativen auszuprobieren!

  2. Ina sagt:

    Bis vor wenigen Jahren habe ich selbst, viele Jahre, an einer √úbers√§uerung des K√∂rpers gelitten. Die Folge davon waren langj√§hrige Kopf-, Glieder- und Gelenkschmerzen. Auch die Darmt√§tigkeit lie√ü zu w√ľnschen √ľbrig. Hinzu kamen M√ľdigkeit, Ersch√∂pfung und das vermehrte Auftreten von Infektionen. Seit ich jedoch deutlich mehr auf meine Ern√§hrung achte, nur noch wenig s√§urelastige Lebensmittel zu mir nehme, nach dem Sport etwas Basenpulver trinke und mich ausreichend mit Calcium und Magnesium vor dem Schlafengehen versorge, geht es mir langsam schon fast wieder optimal gut. Selbst Zahnschmerzen habe ich nun keine mehr. Allerdings schmecken mir nun auch stark zucker- oder salzhaltige Produkte wie Wurst oder S√ľ√üigkeiten nicht mehr. Daf√ľr liebe ich gr√ľne Gurke, Sellerie und M√∂hren, die mir fr√ľher nur „wie Pappe“ geschmeckt haben. Heute sp√ľre und genie√üe ich wieder ihren frischen Geschmack.
    Wer richtig fastet, wei√ü mit Sicherheit, dass zum Ausgleich Gem√ľsebr√ľhe oder Basenpulver notwendig sind. Auch die Behauptung, dass im menschlichen K√∂rper keine Schlacken existieren w√ľrden, halte ich f√ľr nicht belegt und sehr gef√§hrlich. Im Bindegewebe befinden sich reichlich Schlacken, bei allen Menschen. Sie warten dort auf Abtransport oder dass die Zellen Bedarf anmelden. Die N√§hrstoffzufuhr zu den Zellen √ľbersteigt oft deren Bedarf, und das Lymphsystem, der Abtransport, kommt manchmal nicht nach. Dann h√§ufen sich diese Schlacken u. U. √ľber Jahre an – prima Bakterienfutter – und entz√ľndet sich. Hin und wieder sollten bei unserem heutigen √úberangebot an Lebensmitteln die Reste nach drau√üen geschafft werden. Um gesund zu bleiben. Und gerade Eiwei√üe, denaturiert durch Kochen oder Braten, sind h√§ufig ein Urheber f√ľr Krankheiten. Das Immunsystem st√ľrzt sich auf diese nicht zu identifizierenden „Keime“. √Ąrzte lieben eine Eiwei√üabbaudi√§t.
    Das ganze hat mit Glauben nichts zu tun. Das sind wissenschaftlich belegte Tatsachen, wof√ľr es Tausende von Facts im Internet gibt.

  3. Christina Bächle sagt:

    Leider sind die Informationen im Internet nicht immer vertrauensw√ľrdig. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege f√ľr das Ablagerung von „Schlacken“ im K√∂rper.

  4. Aleida sagt:

    Danke f√ľr diesen Beitrag. Unsere Biochemie macht es unm√∂glich eine √úbers√§uerung des K√∂rpers zu erleiden.
    Das ist alles reine Geldmacherei. Schade, dass sich das Ammemmärchen der Übersäuerung so lange hält.

  5. Nicole sagt:

    Hallo Frau Dr. Bächle,

    ich bin in der √Ėkotrophologie mehr als unbewandert und hier √ľber einen Link gelandet, der unter einem Artikel der Deutschen Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung zum Thema Intervallfasten angegeben war, f√ľr das ich mich interessiere. Halten Sie das Intervallfasten auch f√ľr gesundheitssch√§dlich?

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