(Sehr) dicke Kinder, weniger gewichtige Erwachsene – sinkendes Herzinfarktrisiko

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Freitag, 9. Dezember 2011

Die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, erhöht sich für stark übergewichtige Menschen gleich um ein Vielfaches. Oft sind sie bereits als Kinder übergewichtig oder fettleibig. Was kann dazu führen, dass Kinder zu viele Kilos auf die Waage bringen?

Raucht die Mutter in der Schwangerschaft, ist sie oder der Vater übergewichtig, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind ebenfalls übergewichtig ist. Übergewicht der Eltern ist gleich zweifach von Bedeutung – nicht nur wegen einer Weitergabe der Gene, sondern auch wegen des Essverhaltens, das diese an den Tag legen. Ein Kind, das mit einem hohen Gewicht zur Welt kommt, wird künftig eher übergewichtig sein als eines, das durchschnittlich viel wiegt. Später kommt dann zusätzlich das Verhalten des Kindes selbst hinzu: Bewegt es sich ausreichend oder sitzt es überwiegend und spielt höchstens am Computer? Isst es ausgewogen und seinem Energiebedarf entsprechend oder mampft es wahllos in sich hinein und nascht, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet? Auch ausreichend Schlaf könnte von Bedeutung sein, in diesem Punkt jedoch gehen die Meinungen von Experten auseinander …

Die Tendenz ist gut bekannt und offensichtlich: Übergewicht und Adipositas nehmen zu. Laut der Internationalen Gesellschaft zur Untersuchung der Adipositas (IASO) und der Internationalen Adipositas-Arbeitsgruppe (IOTF) sind weltweit ca. 200 Millionen Kinder im Schulalter übergewichtig, 40-50 Millionen adipös. In Europa allein betrifft Übergewicht mehr als 20 Prozent der Schulkinder (>12 Millionen) Und für Deutschland ergab die dreijährige KIGGs-Studie (2003-2006), dass ca. 15 Prozent der Kinder übergewichtig sind, darunter 6,3 Prozent adipös. Dabei steigt der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder mit zunehmendem Alter. Unter den Erwachsenen werden in Deutschland schließlich fast 20 Prozent als fettleibig (BMI > 30) eingestuft.

Dicke Kinder, die als Erwachsene fettleibig sind, entwickeln im Vergleich zu Menschen, die nie stark übergewichtig waren (1):

  • mehr als fünfmal so oft Diabetes mellitus
  • fast dreimal so häufig Bluthochdruck und erhöhte Triglyceridwerte im Blut
  • in doppelt so vielen Fällen gesundheitlich nachteilige Blutfettwerte (mehr LDL-, weniger HDL-Cholesterin) und eine Arterienverkalkung im Bereich der Halsschlagader

Das sind alles Bedingungen, die einen Herzinfarkt in größere Nähe rücken lassen. Fünfmal mehr, dreimal oder doppelt so häufig – die Zahlen klingen ziemlich aufrüttelnd. Offenbar sind adipöse Menschen stark benachteiligt, was das Schicksal Herzinfarkt angeht. Umso wichtiger ist es also, dieser Entwicklung vorzubeugen. Die Erfolgsaussichten dafür sind gut. Denn selbst wenn Kinder bereits adipös sind, ist es noch nicht zu spät: Erreichen übergewichtige oder fettleibige Kinder bis zum Erwachsenenalter ein Gewicht, dass nicht als adipös eingestuft wird, haben sie das gleiche Risikoprofil für Herz und Gefäße wie Menschen, die nie adipös waren.

Waist-to-Hip-Ratio-Rechner

Kinder wiederum, die nicht adipös waren, erwerben durch diese Bedingung keinen Schutz für später. Was zählt, ist der aktuelle Stand: Sind Erwachsene adipös, egal, ob sie als Kinder schon mehr gewogen haben oder nicht, dann vervielfacht sich dadurch ihr Risiko für Herzinfarkt-bedeutsame Faktoren wie Typ 2-Diabetes. Sind Erwachsene nicht adipös, haben sie auch ein entsprechend günstigeres Risikoprofil.

Juonala et al.: Adipositas in der Kindheit, Adipositas im Erwachsenenalter und kardiovaskuläre Risikofaktoren
Studiendesign
– Daten aus vier prospektiven Kohortenstudien in den USA, Australien und Finnland
– 6328 Teilnehmer: Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht und Herzinfarkt-Risikofaktoren (Diabetes, Hypertonie, Dyslipidämie, Intima-Media-Dicke der Carotis), zwei Untersuchungszeitpunkte: Kindheit (Durchschnitt: 11,4 Jahre) und ca. 23 Jahre später, als Erwachsene
Gewichtseinstufung:
– Kinder: internationale alters- und geschlechtsspezifische BMI-Grenzwerte
– Erwachsene: Adipositas bei BMI >30
– 274 Teilnehmer als Erwachsene nicht adipös
einschränkend:
– Risikofaktoren, keine harten Endpunkte (hier: Herzinfarkt) untersucht
– geringe Fallzahl betrachtet, da vergleichsweise wenige Teilnehmer als Erwachsene nicht adipös waren

(1) die Angaben beziehen sich auf Ergebnisse aus der Studie von Juonala et al.

Quellen einblenden

  • Juonala M, Magnussen CG, Berenson GS, Venn A, Burns TL, Sabin MA, Srinivasan SR, Daniels SR, Davis PH, Chen W, Sun C, Cheung M, Viikari JSA, Dwyer T, Raitakari OT: Childhood Adiposity, Adult Adiposity, and Cardiovascular Risk Factors. N Engl J Med 2011; 365:1876-1885
  • Rosenbaum L (16.11.2011): Childhood Adiposity and Cardiovascular Risk.
  • Kurth BM, Schaffrath Rosario A: Die Verbreitung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys KiGGS
  • RKI (Hrsg.); Benecke A, Vogel H: Gesundheitsberichtserstattung des Bundes Heft 16: Übergewicht und Adipositas

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verfasst von am 9. Dezember 2011 um 07:40

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