Süßstoffe: Freund oder Feind?

Autor/in: , Redaktion: Dr. Bertil Kluthe
© Kluthe-Stiftung Ernährung und Gesundheit

Freitag, 20. Mai 2011

Süßstoff
© edelstahltechnik24

Seit ihrer Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts hat die Bedeutung von Süßstoffen deutlich zugenommen. Heute sind sie längst in aller Munde. Kein Wunder, denn die synthetisch hergestellten oder natürlichen Ersatzstoffe für Zucker scheinen ein süßes Geschmackserlebnis ohne Reue zu ermöglichen, enthalten sie doch (fast) keine Kalorien. Ein weiterer Vorteil, der insbesondere für Diabetiker relevant ist: Mit Süßstoff gesüßte Speisen lassen den Blutzuckerspiegel nicht ansteigen (1).

Es gibt aber eine Kehrseite der Medaille: Immer wieder geraten Süßstoffe in die Schlagzeilen. Mal ist von einer möglichen Krebs erzeugenden Wirkung, ein anderes Mal von einer Gewichtszunahme infolge des Verzehrs von Süßstoffen die Rede. Was steckt hinter derartigen Behauptungen?

In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass der Süßstoff Aspartam Gehirn-, Lymphdrüsen- und Harnleiter-Krebs auslösen kann. Da es jedoch auch Studien mit gegenteiligen Ergebnissen gab, hatte der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU keine Bedenken gegen den Einsatz von Aspartam in Lebensmitteln. Ähnliches gilt für Saccharin: Bei höherer Dosierung erzeugte Saccharin bei Tieren Blasenkrebs. Es wird aber angenommen, dass diese Ergebnisse nicht auf Menschen übertragbar sind. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die in der EU zugelassenen Süßstoffe derzeit für gesundheitlich unbedenklich, vorausgesetzt, die jeweils festgelegten Höchstmengen werden eingehalten. Beim Konsum größerer Mengen von Süßstoffen wurden auch bei Menschen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit und Schleimhautschäden beobachtet. Die genaue Dosis, ab der der Süßstoffkonsum mit solchen Nebenwirkungen verbunden ist, ist individuell verschieden und variiert nach Art des Süßstoffs oder Süßstoffgemischs.

Viel diskutiert wurde eine möglicherweise gewichtssteigernde Wirkung von Süßstoffen. Dies scheint besonders paradox, da sie insbesondere von Menschen verzehrt werden, die Kalorien einsparen und ihr Gewicht reduzieren möchten. Eine Gruppe von amerikanischen Wissenschaftlern fand nun heraus, dass Ratten nach dem Verzehr eines mit Süßstoff gesüßten Naturjoghurts wesentlich mehr fraßen als die Kontrollgruppe, die zuvor mit Zucker gesüßten Joghurt erhalten hatte. Entsprechend verhielt sich auch das Gewicht der Tiere nach fünf Wochen: Die Tiere der Süßstoff-Gruppe waren deutlich schwerer. Die Ratten setzten jedoch nicht nur mehr Fett an, sie konnten auch später ihr Gewicht schlechter regulieren. Die Forscher gehen davon aus, dass der Verzehr von mit Süßstoff gesüßten Speisen zu Problemen bei der Regulation der Kalorienzufuhr führen kann. Beim Verzehr natürlicher Lebensmittel lernt der Körper, wie viele Kalorien sie mit sich bringen, und bekommt ein Gespür dafür, wann genügend Energie aufgenommen wurde. Speisen mit künstlichen Süßungsmitteln scheinen das natürliche Gleichgewicht zwischen Hunger und Sättigung und die Appetitregulation zu stören.

In einer weiteren Studie mit Menschen wurde außerdem untersucht, wie sich der Verzehr zucker- bzw. süßstoffhaltiger Getränke auf Vorgänge im Gehirn auswirkt. Das Ergebnis: Zucker befriedigte das Belohnungszentrum im Gehirn der Probanden besser und führte zu einer besseren Sättigung als Süßstoff. Eine Hypothese in diesem Zusammenhang geht von einer Falschprogrammierung des Gehirns aus. Während des Verzehrs süßer Speisen erhält das Gehirn entsprechende Signale. Es erwartet nun, über das Blut vermehrt Glucose zu erhalten. Bleibt dies jedoch aus, weil statt Zucker ein Ersatzstoff aufgenommen wurde, fordert das Gehirn, so die Theorie, Zucker nach. Insgesamt wird auf diese Weise mehr verzehrt, als beim Konsum mit Haushaltszucker gesüßter Nahrungsmittel.

Törtchen
© jean-louis zimmermann

Experten halten es deshalb durchaus für möglich, dass der zunehmende Verzehr künstlicher Süßungsmittel in den USA mit dem gleichzeitig beobachteten Anstieg von Übergewicht und Adipositas zusammenhängt. Mit derartigen Schlussfolgerungen sollte man allerdings vorsichtig sein, schließlich lässt sich nicht mit endgültiger Sicherheit bestimmen, welches der beiden Phänomene zuerst aufgetreten ist: Haben die Leute mehr süßstoffhaltige Nahrungsmittel gegessen und deshalb mehr zugenommen? Oder stieg infolge der allgemeinen Gewichtszunahme die Nachfrage nach energieärmeren Lebensmitteln?

Die Übertragbarkeit der Studienergebnisse zahlreicher Tierversuche in diesem Bereich auf den Menschen ist unklar. Was den Menschen aber auf jeden Fall vom Tier unterscheidet, ist seine Fähigkeit zur Reflexion. Und so scheint der Verzehr energiereduzierter Lebensmittel häufig als Freibrief dafür zu dienen, bei anderen Speisen stärker zugreifen zu dürfen. Unter den hier genannten Voraussetzungen stellt sich dann allerdings die Frage, ob die ursprüngliche, mit Haushaltszucker gesüßte Variante eines Lebensmittels nicht bevorzugt werden sollte – ggf. in kleineren Portionen.

(1) Dies gilt nur, wenn keine anderen Kohlenhydrate in der Mahlzeit enthalten sind. Ansonsten steigt der Blutzuckerspiegel im Vergleich zur zuckerhaltigen Variante weniger stark an.

Quellen einblenden

  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Bewertung von Süßstoffen. Information des BfR vom 21. August 2003.
  • Swithers SE, Davidson TL (2008): A role for sweet taste: caloric predictive relations in energy regulation by rats. Behavioral Neuroscience 2008, 122: 161-173.
  • Swithers SE, Baker CR, Davidson TL (2009): General and persistent effects of high-intensity sweeteners on body weight gain and caloric compensation in rats. Behavioral Neuroscience 2009, 123: 772-780.

verfasst von am 20. Mai 2011 um 06:15

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